BERUFE »Singende Strumpfhose«
Ein schöner Männerkörper, das ist vor allem, wonach die Frau sich sehnt. Also joggt und turnt Deutschlands einziger hauptberuflicher Minnesänger Nikolai de Treskow, 31, mit den 15 Teilnehmern seines Kurses »Zum Traummann in 30 Tagen« regelmäßig in einem Park des Berliner Stadtteils Prenzlauer Berg.
Dabei erscheint der Spross einer preußischen Adelsfamilie vor seinen Schülern, die er liebevoll »meine Eleven« nennt, in voller Dienstbekleidung: mit Kettenhemd, Schnabelschuhen und einem Umhang aus rostrotem Samt. Auch die Harfe, wichtigste Werbewaffe des Minnen, steht unweit bereit.
Der studierte Minnephilologe aus München und sein Tross, den er unter freiem Himmel der City Ost öffentlich die Kunst der Verführung lehrt, erregen trotz des ungewöhnlichen Aufzugs kaum Aufsehen. In Berlin, Deutschlands Schmelztiegel für alle, denen es andernorts zu eng geworden ist, gehören ausgeflippte Geschäftsideen wie selbstverständlich zur neuen Dienstleistungskultur.
Seit dem Mauerfall erlebt die Dreieinhalb-Millionen-Metropole, nun rasant verstärkt durch den Regierungsumzug, einen Wandel wie keine andere deutsche Stadt. Viele der langjährigen Bewohner drängt es ins Umland, doch ebenso viele neue, meist junge, kreative Leute zieht es aus der ganzen Republik nach Berlin, jährlich über 100 000.
Darunter sind jede Menge Menschen im Aufbruch, die mit dem Wohnort auch den Lebensstil wechseln. Sie sind offen für alles Neue, gleichzeitig kämpfen sie damit. Und die Mega-City stellt sich auf die besondere soziale Situation ein. Ihre neuen Dienstleister erfinden Wohltaten für Seele, Geist und Körper und erfüllen jeden exklusiven Wunsch.
Er offeriere »keinen Psychokurs, sondern ein Durchbruchseminar«, erklärt de Treskow, der sommers in der über 1000 Jahre alten Burg Ziesar, eine Stunde von Berlin entfernt, in Brandenburg haust. Für 480 Mark Gebühr vermittelt er das »Einmaleins der Liebeswerbung« - die Herren, meist von ihren Herzensdamen geschickt, erhalten eine Geld-zurück-Garantie.
Von manchem Schüler anfangs als »singende Strumpfhose« verlacht, erwarb sich de Treskow rasch Respekt. Er spricht zunächst über die »klassischen Beziehungskiller« wie Dauerschweigen, Weghören, Unpünktlichkeit, Eifersucht. Dann klärt er seine Jünger auf: Die Verführung einer Frau sei kein lästiger Dienst, um sie rasch in die Kissen zu kriegen. Es handle sich vielmehr um »eine Kunstform, sich selbst verliebt zu machen«. Und die könne von jedermann erlernt werden wie ein Instrument.
Seine Klientel ist zumeist zwischen 30 und 50 Jahren alt. Der Berliner Schriftsteller und Kultur-Veranstalter Krischan Schöninger, 32, hofft, von seiner Schwäche kuriert zu werden, »es mit keiner Frau länger als drei Monate auszuhalten«.
Wer noch tiefer in der Krise steckt, kann sich Michael Klich, 24, anvertrauen, Berlins erstem mietbarem Seelen-Mülleimer. Der Schauspieler gibt als Berufsbezeichnung »Zuhörer« an. Zum neuen Job hat ihn seine Mutter, die als Wahrsagerin unter dem Künstlernamen »Medina« wirkt, ebenso inspiriert wie zum Text der Anzeige, mit der Klich seine Kunden wirbt: »Mal alles von der Seele reden? Aber niemand hört zu oder ist verschwiegen? Junger, geduldiger Mann hört sich alles an und spendet vielleicht Trost und Hoffnung.«
Der gelernte Artist, der bereits in TV-Serien mitgespielt hat, profitiert auch selbst. An seinen Kunden studiert er, wie sich Menschen in Extremsituationen fühlen und ausdrücken. Rund einem dutzend Männern und Frauen hat Klich bisher zugehört. Ein Familienvater outete sich als homosexuell, andere erzählten von Beziehungskrisen, eine einsame ältere Dame suchte lediglich Gesellschaft.
Das Honorar bestimmt der Kunde selbst, meist zwischen 20 und 50 Mark pro Sitzung. »Den Leuten drückt etwas auf die Seele«, erklärt sich Klich den Bedarf, »doch zum Therapeuten wollen sie nicht gehen.«
So ganz nebenbei entdeckt Berlin aber auch sein seit Kriegsende verschüttetes großbürgerliches Gesicht wieder. Neben Buntem und Wildem sind Lebensart, Etikette und die dazugehörigen dienstbaren Geister gefragt.
Für rund 30 Mark pro Stunde mieten sich wohlhabende Berliner bei der Hausdienstagentur von Maria Struss, 28, Personal mit feinen englischen Umgangsformen. Mit Häubchen und gestärkter Schürze, das Haar zu einem strengen Knoten gebunden, poliert Yael Schlesinger, 19, Sektgläser, stellt den Champagner kalt und dekoriert den Tisch mit Tulpenblüten. Wenn der erste Gast zum Dinner klingelt, begrüßt Yael ihn mit einem Knicks, fragt höflich nach dem Namen, um dann den Besuch beim Hausherrn formgerecht anzukündigen.
Die Nachfrage nach qualifizierten Mitarbeitern ist bereits größer als das Angebot. Als besonders schwierige Hürde gilt das perfekte Bügeln: »Von 100 Bewerberinnen bestehen durchschnittlich 2 den 15-minütigen Bügeltest«, sagt Struss, die den Nachwuchs an so genannten Hausmanagerinnen bald in der eigenen Hauswirtschaftsschule in Kreuzberg ausbilden will.
Luxusbetreuung für Neu-Berliner und reiche Touristen offeriert die Agentur »Stay in Style«. Oliver Bielski, 28, gelernter Architekt, vermittelt nicht nur geschmackvoll eingerichtete private Wohnräume. Er organisiert auch die Raumpflege und den Babysitterdienst, füllt den Kühlschrank und kreiert das abendliche Kulturprogramm. Seine Hauptklientel sind Politiker, Verwaltungsangestellte und Angehörige von Botschaften, die der Regierungsumzug nach Berlin schwemmt: »Wir sind zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort.«
SPD-Vorstandssekretärin Rita Lintz, 48, aus Bonn, die als Vorhut in Berlin Gerhard Schröders Hauptstadtbüro organisierte, ist von Bielskis Diensten entzückt: »Dadurch ist man so nah dran an der Stadt.«
Sightseeing joggend vom Brandenburger Tor nach Kreuzberg und zurück, unterwegs ein Döner an der Bude, »all inclusive« - so lieben vor allem US-Touristen den »Personal Concierge Service« von Matthias Walter, 28, und Michael Stöhr, 29. Für 80 bis 120 Mark die Stunde machen die ehemaligen Lehrlinge des Berliner Fünf-Sterne-Hotels Kempinski fast alles - von der Abwicklung des Besuchsprogramms für die ausländische Industriellen-Ehefrau bis zur schnellen Neubeschaffung gestohlener Ausweispapiere. So einen Markt gebe es nur hier im neuen Berlin, erklärt der moderne Butler Stöhr: »München und Hamburg sind für so etwas nicht reif.«
Anbieter wie Konsumenten der Berliner Service-Szene genießen das Milieu des Nichtkonventionellen. »In Berlin wird man nicht in eine Schublade gesteckt«, erklärt Minne-Mann de Treskow. »Die Bewohner dieser Stadt sind nicht so schnell zu schockieren«, assistiert Claudia Marschner, 34, Besitzerin eines Kreuzberger Bestattungsinstituts, das andernorts womöglich als pietätlos gälte. Denn Dienstleisterin Marschner organisiert außergewöhnliche Abschiedsfeiern. In ihrer Sargausstellung werden Urnen in Erdbeerform und Tierskulpturen als Kindersärge angeboten. Ein hellblauer Plüschsarg ist auch lieferbar. Und wenn die Freunde eines toten Punkers am Grab noch eine letzte Runde auf den alten Kumpel trinken wollen, beschafft sie auch das Büchsenbier.
In Berlin seien die Kreise, anders als in anderen Städten, noch nicht so fest gefügt, registrierte die aus Hamburg stammende Sozialpädagogin und Wahl-Hauptstädterin Gönke Petersen, 42. Seit gut einem Jahr trifft die ehemalige Personalberaterin bei einem Abendessen Männer, um ihnen ihre Wirkung auf Frauen zu erklären. Zu ihren Kunden zählt die selbst ernannte »High Performance Trainerin« Schüler wie Rentner, Malermeister und Aufsichtsräte, denen sie zum Honorar von 200 Mark pro Sitzung nötigenfalls die Abgründe zwischen Selbsteinschätzung und Wirklichkeit zeigt.
Eindeutig eine Frage des Standorts ist auch ein Relikt aus der anarchistischen Phase des Mauerfalls. Der »Spätkauf«, natürlich illegal, weil die Ladenschlussgesetze einfach ignoriert werden, wird nirgendwo anders geduldet als im Osten Berlins.
Wie der »Volcksladen« von Oliver Volck, 33, in Friedrichshain, der von Überlebensartikeln wie Rotwein und Zigaretten bis hin zu frischem Obst und Gemüse alles bietet, orientieren sich Spätkaufgeschäfte ausschließlich an den Bedürfnissen ihrer Kunden. »Offen ist, wenn offen ist«, erklärt Volck, dessen mit Wandmalereien dekorierter Lebensmittelmarkt nachts mehr Treffpunkt denn Geschäftslokal ist.
Inzwischen haben sich in der neuen Hauptstadt so viele ungewöhnliche Menschen eingefunden, dass auch eine andere Geschäftsidee Erfolg hat. Der Nürnberger Daniel Kalem, 25, hat in Berlin-Friedrichshain die bundesweit erste so genannte »Superstar-Management«-Agentur gegründet. Sie vermittelt für Partys, Film und Fernsehen ausschließlich schräge Figuren wie Drag Queens, Drag Kings oder auch so genannte Club Kids, attraktive androgyne Männer und Frauen.
Dabei bleibt ein kaum lösbarer Widerspruch: Kreatives Milieu und Profit vertragen sich offenbar nur schlecht - reich werden die alternativen Dienstleister von Berlin in den seltensten Fällen.
»Solche Menschen und solche Ideen gibt's nur hier«, sagt Kalem, »doch das Geld wird woanders gemacht.«
JULIA BATHELT, SUSANNE KOELBL