FOTOGRAFIE So war Deutschland
Ein Kleinbauer aus der Eifel, 1930 fotografiert: die Sense geschultert, den Knotenstock in den schweren, ausgearbeiteten Händen, den Strohhut in den Nacken geschoben. In seiner Haltung drückt sich die ganze Härte seines Arbeitslebens aus. Oder: eine Kontoristin, 1928, sie sitzt hinter einem Ungetüm von Schreibtisch, vor sich die alte Remington-Schreibmaschine, das Gesicht ein bisschen verlegen - wer bin ich denn, um fotografiert zu werden? - und ein bisschen stolz, schließlich hat sie schon was erreicht im Leben, bedient eine Maschine, hantiert mit Stempeln. Eine »Soziologie ohne Text«, so nannte Schriftsteller Alfred Döblin, ein Sander-Fan, dessen Meisterwerk vom »Bilderatlas deutscher Menschen«. Der Fotograf hat es einfacher ausgedrückt: »Unbedingte Wahrheitstreue ohne Mätzchen«. Mitte der zwanziger Jahre hatte er das Monumentalwerk begonnen; bis in die fünfziger Jahre arbeitete er daran. So entstand ein Spiegelbild Deutschlands, eine Typologie der Deutschen von epischer Wucht. Die Bauern, die Handwerker, die Stände, die neuen Gesten, Moden, Gesichter, die die Großstadt hervorbrachte - alles ist drin in den Schwarzweißbildern. So war Deutschland, bevor es losging mit der Multikultigesellschaft. So war Deutschland: nicht gemütlich, nicht romantisch, sondern rau und oft bitterarm. Sanders Lebenswerk ist, in bester Druckqualität, sorgfältig editiert und vor allem ergänzt um mehr als 200 unveröffentlichte Arbeiten, als siebenbändige Ausgabe erschienen.
August Sander: »Menschen des 20. Jahrhunderts. Gesamtausgabe insieben Bänden«. Schirmer/Mosel Verlag, München; 1436 Seiten mit 619Abbildungen; zum Subskriptionspreis von 198 Euro.