KARRIERE Solide Halbbildung
Hiervon träumen Biografen, und Politiker-Biografen allemal: die eine Begebenheit zu finden, die ein Leben erklärt, in der alles Weitere seinen Ursprung hat. Bei Lothar Späth, CDU-Politiker, Fernsehtalker, Buchautor, Wirtschaftsmanager war es offenbar der eigenmächtige Abgang vom Gymnasium, den der Zehntklässler 1953 selbstbewusst in Szene setzte. »Solange ich das Schulgeld zahle, bestimme ich«, hatte sein strenger Vater gerufen, und am nächsten Tag war der Junge zum Schulleiter marschiert und hatte sich abgemeldet. So kommt Lothar Späth, Jahrgang 1937, zu einem Schlüsselerlebnis und Marlis Prinzing zu einer These: Späths Bestreben, überall der Schnellste, der Erste und der Gescheiteste zu sein, speise sich aus dem Komplex, es zu Akademikerehren nie gebracht zu haben - ob als Verwaltungslehrling, Stadtinspektor oder Jahre später als Vorstandsvorsitzender bei Jenoptik: Stets habe Späth sich und vor allem anderen beweisen wollen, dass er auch ohne Abitur und Jurastudium »mindestens ebenso viel drauf habe«. 1984 verlieh die Universität Karlsruhe dem Ruhelosen die Ehrendoktorwürde. Da war er längst Ministerpräsident.
Marlis Prinzing: »Lothar Späth. Wandlungen eines Rastlosen«. Orell Füssli Verlag, Zürich; 432 Seiten; 29,80 Euro.