Sonja Kirchberger "Wir stumpfen ab und werden immer einsamer!"
SPIEGEL ONLINE:
Ihr Rollenspektrum reicht von der lesbischen Polizistin über die Pornodarstellerin oder die Rennfahrerin hin bis zur Hexe. Wann beginnt eine Figur Sie zu interessieren, wann interessiert Sie ein Mensch?
Kirchberger: Wenn die Person aneckt, das ist im Beruf so, wie auch im Privatleben. Aalglatte Menschen, an denen alles zu stimmen scheint, interessieren mich nicht. Der Mensch muss Mensch sein, er muss einen Regenbogen haben. In die Figuren, die ich spiele, muss ich hineinwachsen und Sie verstehen lernen können. Früher war ich ein Workaholic, der nur arbeiten, arbeiten, arbeiten wollte, auch dann, wenn mich eine Rolle vielleicht sogar gelangweilt hat. Heute will ich das nicht mehr, denn meine Zeit ist knapper geworden...
SPIEGEL ONLINE: . . .durch die Geburt Ihres Sohnes vor zwei Jahren
Kirchberger: Ja, ich habe jetzt Familie und die ist mir wichtiger als alles andere. Wenn ich an einem Film arbeite, dann ist mir das wichtig, und ich tue alles dafür, eine gute Arbeit abzuliefern; die Familie aber hat absolute Priorität.
SPIEGEL ONLINE: "Familie und Gesundheit sind das Wichtigste, der Rest ist Hobby" haben Sie gesagt, als die Folgen der Frühgeburt überstanden waren. Schleift der Alltag diese Erkenntnis wieder ab, vergisst man diese Demut?
Kirchberger: Ganz vergessen werde ich diese schwere Zeit nie, dieses Empfinden sitzt in jeder Pore meines Körpers. Was jetzt allmählich mit mir geschieht, ist ein gesundes Vergessen. Und das ist gut so, denn ließe der Schmerz nicht irgendwann nach, würde man wohl wahnsinnig. Demut ist wichtig, wer nicht begreift, "Wo ich bin, ist nicht zwangsläufig vorne!", der wird nicht wachsen, der wird sich nicht entwickeln. Denn ich kann heute gut sein, und morgen verdammt schlecht.
SPIEGEL ONLINE: Wer fängt Sie auf, wenn Sie schlecht sind?
Kirchberger: Ich bin in der Lage das zu kommunizieren, also fängt mich meine Familie auf. Dann rufe ich eben in vier Stunden nicht fünfmal, sondern 50-mal zu Hause an. Meine Familie ist immer für mich da.
SPIEGEL ONLINE: Und dennoch stammt folgendes Zitat von Ihnen: "Wenn es einem richtig dreckig geht, dann ist man in letzter Konsequenz allein".
Kirchberger: Dazu stehe ich auch, das schließt aber nicht aus, dass meine Familie immer für mich da ist. Wenn es aber hart auf hart geht, dann hilft selbst das nicht mehr. Wenn Sie unerträglichen Liebeskummer fühlen, dann kann Ihnen diesen Schmerz der beste Freund der Welt nicht nehmen, vielleicht kann er ihn nicht einmal nachvollziehen. Dass man dann allein ist, ist ein Naturgesetz.
SPIEGEL ONLINE: Mancher Mann, aber nur wenige Frauen denken so.
Kirchberger: Das habe ich schon oft gehört und das ist auch komisch. Denn einerseits bin ich eine Vollfrau und bin gerne Frau, habe aber andererseits auch viele männliche Seiten. Vielleicht hängt es daran, dass ich mit drei Brüdern aufgewachsen bin. Ich bin Fischen gegangen und Fußball spielen und bin höchstens am Wettpinkeln gescheitert.
SPIEGEL ONLINE: Die "Vollfrau" Sonja Kirchberger war eine der ersten TV-Schauspielerinnen, die sich auch nackt gezeigt hat. Mittlerweile reißen sich Frauen in jeder Talk-Show die Sachen vom Leib.
Kirchberger: Heute lockt eine nackte Frau in der Tat niemanden mehr hinter dem Kamin hervor, jede Eiscreme, jede Margarine wirbt mit nacktem Fleisch. Dieses Verwechseln von Sex und Erotik macht mich krank. Ich erinnere mich, dass ich einem Club war, in dem Go-Gos tanzten. Ich, als Frau, bin rot geworden, so heiß war dieser Auftritt. An der Bar aber standen die letzten Typen aus der Pampa und würdigten diese schönen Frauen keines Blickes. Diese Übersättigung . . .
SPIEGEL ONLINE: . . . dieses Abstumpfen?
Kirchberger: Ja, wir stumpfen ab und werden immer einsamer. Und merken es nicht einmal, denn wir sind erfolgreich, wir sind schön, wir sind cool. Wir schlucken, schlucken, schlucken, und Depressionen sind längst die Volkskrankheit Nummer eins. Ich sage Ihnen, es ist keine Schande, um eine Frau zu weinen und zu leiden wegen einer Frau. Die Fähigkeit zu leiden aber, die haben die meisten von uns verlernt.
SPIEGEL ONLINE: Wie bewahren Sie sich in dieser Welt dann die Unversehrtheit Ihres eigenen Glückes?
Kirchberger: Ich bin ein Fighter, ich habe keine Angst anzuecken, ich habe keine Angst, "Nein" zu sagen. Ich verteidige mein kleines Privatleben wie eine Löwin ihre Jungen. All das mögen Illusionen sein, aber meine Illusionen sind wichtig für mich. Denn der Mensch braucht etwas, an das er glauben kann. Sonst wäre alles doch nur noch eine Luftblase.
Das Interview führte Andreas Kötter