EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Sorry
In Suite 422, dem Büro von Walter Jones, hängt ein Poster, das einen sechsjährigen Jungen zeigt, der sich an die Fahne auf dem Sarg des gefallenen Vaters klammert. Der Junge will nicht loslassen, sie haben ihn wahrscheinlich wegzerren müssen von dem Sarg. Es ist ein sehr trauriges Foto.
Walter Jones ist Abgeordneter im Repräsentantenhaus in Washington, und wenn er in seinem Büro von solchen Beerdigungen erzählt, legt er den Kopf zur Seite und stützt ihn auf seine Hand. Er sieht dann ziemlich ratlos aus.
Jones kommt aus North Carolina, er ist ein Hinterbänkler, seit elf Jahren sitzt er im Kongress. Einen »Fußsoldaten« der Republikaner nennt er sich selbst, einen »Nobody«, auf den sich der Präsident verlassen kann. Oder jedenfalls einmal konnte.
Zweimal in seinem Leben hat Jones Schlagzeilen gemacht. 2003, als glühender Anhänger des Irak-Krieges, der aus Ärger über die störrischen Franzosen die »French Fries« in den Kantinen des Kongresses in »Freedom Fries« umbenennen ließ. Und in diesen Tagen, wenn er in seinem Büro sitzt und sagt: »Was für eine blöde Geschichte, ich wünschte, das alles wäre nie geschehen.«
Walter Jones bereut nicht nur seine Fritten-Fatwa, er will ein Ende des Irak-Krieges, der für ihn keinen Sinn mehr hat. Gemeinsam mit demokratischen Kollegen hat er eine Resolution vorgestellt, die Präsident George W. Bush zum schrittweisen Abzug der US-Truppen auffordert. Im Oktober 2006 sollen die ersten GIs nach Hause kommen, egal, wie die Lage dann auch immer sein wird. Kaum vorstellbar, dass der Kongress sich dieser Resolution anschließt, es ist eine Geste, ein Versuch von Walter Jones, seiner Seele etwas Frieden zu geben.
Walter Jones ist 62 Jahre alt, ein hagerer, höflicher Mann, ein strenggläubiger Katholik. Schon sein Vater saß 26 Jahre lang im Kongress. Erst das Land, dann die Partei, so sah es der Vater, so sieht es der Sohn. Der Widerstand gegen den Präsidenten könnte ihn die Wiederwahl kosten. »Dann ist es der Wille Gottes«, sagt er.
Das Weiße Haus sagt, Festlegungen zum Truppenabzug ermunterten nur die Terroristen. Parteifreunde haben Jones bestürmt, den Vorschlag zurückzuziehen, aber er lässt sich nicht beeindrucken. Die Zahl der Amerikaner, die nicht mehr verstehen, was dieser Krieg soll und warum Präsident Bush ihn begonnen hat, wächst stetig. »Es ist bewiesen, dass es keine Massenvernichtungswaffen gab«, sagt Jones. »Ich wünschte mir, irgendjemand würde sich für all die falschen Informationen entschuldigen.«
Es ist eine lange Reise der Erkenntnis, die der Abgeordnete hinter sich hat. Den Tyrannen in Bagdad zu stürzen, empfand er als Patriotenpflicht, der Widerstand der deutschen wie der französischen Regierung gegen den Krieg hat ihn empört. Zu Hause in North Carolina reiht sich eine Kaserne an die nächste, und die Wut auf die vermeintlich treulosen Verbündeten war groß. Dann bekam Jones einen Anruf vom Inhaber eines Hamburger-Restaurants in seinem Wahlkreis, der stolz erklärte, die »French Fries« in »Freedom Fries« umbenannt zu haben, und um Unterstützung bat. Jones war sofort begeistert.
Zusammen mit dem republikanischen Abgeordneten Bob Ney, dem Vorsitzenden des Verwaltungsausschusses, veranlasste er, dass auch in der Kantine des Repräsentantenhauses nur noch Freedom Fries angeboten wurden. Das war neun Tage vor Beginn der Invasion. »Wenn ich mit anschauen muss, wie unsere Soldaten ihren Lieben auf Wiedersehen sagen, kann ich ihnen gar nicht sagen, wie sehr ich über die Franzosen enttäuscht bin«, sagte Jones. Auch der »French Toast« wurde umbenannt, und wären die Frankfurter Würstchen nicht schon wegen des Ersten Weltkriegs in Hot Dogs umbenannt worden, hätte es wohl auch noch die Deutschen getroffen.
Seine »Freedom Fries« gibt es heute noch zu jedem Lunch in den Restaurants des Kongresses. Aber Jones ist nach drei Jahren Krieg und über 1700 US-Toten ein anderer geworden. Vor Suite 422, seinem Büro im Kongress, stehen große Staffeln mit Plakaten. Ein briefmarkengroßes Foto für jeden, der im Irak starb. »Gesichter der Gefallenen« nennt Jones seine Ausstellung. Die Hausverwaltung hat den Abgeordneten gemahnt, nicht den Durchgang auf dem Korridor zu verstellen.
Es sind diese Gesichter, die den Mann aus North Carolina heute am Krieg zweifeln lassen. Seine Zweifel begannen vor zwei Jahren auf der Beerdigung von Sergeant Michael Blitz in Camp Lejeune, er war in Nassirija gefallen, seine gerade geborenen Zwillinge hat er nie gesehen. Seitdem war er auf vielen Beerdigungen, viel zu vielen, und es schmerze ihn, sagt seine Pressesprecherin, dass alle immer nur nach den Pommes frites fragen.
Bis heute hat Jones, der republikanische Fußsoldat, 1300 Familien Beileidsschreiben geschickt. Als wollte er sich persönlich bei ihnen für seine frühere Begeisterung entschuldigen.
GEORG MASCOLO