PROZESSE »Soviel Pein erlebt«
Als der Chirurg einer hessischen Klinik seiner brustamputierten Patientin 1989 die Implantation von Silikonkissen empfahl, war Ingrid Horz, wie sie sagt, noch »unwissend, blind und naiv«.
Die 49jährige, damals in der Modebranche tätig und »sehr schönheitsbewußt«, hoffte nach der Krebsoperation auf eine Wiederherstellung ihrer weiblichen Formen. Doch seither hat Ingrid Horz »soviel Pein erlebt, daß nur noch der Kopf funktioniert, alles andere ist kaputt«.
Schon wenige Wochen nach dem Eingriff mußten die Implantate entfernt und wieder ersetzt werden, weil schmerzhafte Bindegewebswucherungen die Brüste hart wie Tennisbälle machten. Bereits damals stellten sich Schluckbeschwerden ein, Asthma und allergische Anfälle quälten die Frau, die vorher »immer eine astreine Haut gehabt« hatte.
Längst lebt sie nun, acht Jahre später, ohne die Prothesen, doch mit einer Fülle von Übeln, die sie zum Pflegefall gemacht haben: Schwere Nervenschmerzen, Rheuma, Leber- und Gallenschäden plagen sie derart, daß sie »rund um die Uhr« auf die Hilfe ihrer Familie angewiesen ist.
»Zerstört vom Silikon« wie Ingrid Horz fühlen sich weltweit Hunderttausende von Frauen, die seit Jahren versuchen, ihr Leiden öffentlich zu machen und eine Entschädigung einzuklagen. Chemische Bestandteile des Silikongels, die durch die halbdurchlässige Kunststoff-Ummantelung entweichen, so lautet der Vorwurf, hätten den gesamten Körper der Betroffenen durchwandert, die Organe vergiftet und die Immunabwehr lahmgelegt. Der Kunstbusen sei eine Zeitbombe.
Nachdem eine Sammelklage von 440 000 Frauen gegen amerikanische Hersteller von Brustimplantaten aus Silikon 1995 noch vor Prozeßeröffnung gescheitert war, hat Dow Chemical, Muttergesellschaft des einst führenden Produzenten Dow Corning, nun erstmals eine Schlappe erlitten: Der Chemie-Gigant könne haftbar gemacht werden, so entschied eine Jury in New Orleans, weil er seinen Busen-Füllstoff nicht hinreichend habe testen lassen und zugleich nachteilige Informationen über Silikon zurückhielt.
Damit ist für die nun 300 000 Klägerinnen, darunter etwa 50 000 Frauen aus Europa, Australien und Neuseeland, nur die erste Etappe eines langen Weges zurückgelegt: Acht Einzelklägerinnen sollen zunächst, stellvertretend für das Heer derer, die sich geschädigt fühlen, den Zusammenhang zwischen Silikon und unterschiedlichen Erkrankungen nachweisen. Dow-Chemical-Anwältin Lorna Propes hielt dagegen: Es gebe keinen Beweis, daß Silikon für den menschlichen Körper von Übel sei, die Vorwürfe seien deshalb »unsinnig und unerhört«.
Am Dienstag letzter Woche unterbreitete die Herstellerfirma Dow Corning einen Vergleichsvorschlag: Das Unternehmen sei bereit, so hieß es, 2,4 Milliarden Dollar an die Klägerinnen zu zahlen. Wenn 80 Prozent von ihnen diesen Plan akzeptierten, könne der Entschädigungsfonds sogar auf 3,7 Milliarden aufgestockt werden.
Das Angebot kam überraschend, denn in der Tat können die Silikonhersteller auch auf zahlreiche Studien verweisen, die ihren chemischen Busen-Ersatz weitgehend von Nebenwirkungen freisprechen. Erstklassige wissenschaftliche und medizinische Instanzen wie die Harvard University in Boston und die Mayo-Klinik in Rochester fanden in großangelegten Studien ein »statistisch signifikant erhöhtes«, aber gleichwohl »geringes« Risiko, durch die Implantate an Immunstörungen zu erkranken.
Laboruntersuchungen haben gezeigt, daß Silikon mit dem menschlichen Körper chemisch reagieren kann: Die Substanz regte die Bildung von spezifischen Antikörpern an und rief in einzelnen Fällen Entzündungen hervor. Doch in keiner der bislang vorliegenden Studien konnte der Kunststoff eindeutig und in größerem Ausmaß als Krankheitsursache dingfest gemacht werden.
Gilbert Omenn, Dekan der School of Public Health an der University of Washington, zeigt Verständnis dafür, daß die erkrankten Frauen verärgert reagieren, wenn Wissenschaftler auf die fehlende Evidenz hinweisen. »Wenn sich etwas als mögliche Erklärung anbietet, klammern sich die Menschen daran«, sagt Omenn, »und es ist sehr schwer zu beweisen, daß es sich anders verhalten könnte. Da ist man an den Grenzen der Epidemiologie angekommen.«
Für manche Mediziner ist das mittlerweile zusammengetragene riesige Zahlenwerk immer noch unvollständig und nicht aussagekräftig. Weltweit, kritisiert Chirurg Hans Rudolph vom Präsidium der Deutschen Gesellschaft für Plastische und Wiederherstellungschirurgie, gebe es eine »ungeheure Dunkelziffer« von Instituten, an denen Silikon implantiert wird.
Er selber, so Rudolph, habe »so viele schlimme Fälle gesehen und nachoperiert« - Fälle, in denen Implantate geplatzt oder schadhaft waren und Silikon in die Leber und die Lymphknoten eingewandert war -, daß er einen Zusammenhang mit schweren Immunstörungen durchaus für möglich hält.
Rudolph weist die Einpflanzung von Silikonkissen zur puren Verschönerung strikt zurück und übt scharfe Kritik an den Kollegen: Weil es »schlicht ums Geld geht und um nichts anderes«, bagatellisierten die meisten Schönheitschirurgen, selbst Klinikchefs, schwere Komplikationen und Nebenwirkungen des Silikons.
Ausschließlich zum Wiederaufbau der Brust, etwa nach Krebserkrankungen oder Unfällen, wählt Rudolph »dann doch Silikon«. Denn noch seien keine tauglichen Alternativen gefunden: Salzwasser als Füllstoff stört durch sein Gluckern, überpflanztes eigenes Fettgewebe kann absterben und an der Entnahmestelle schmerzhafte Defekte hinterlassen. Auch Sojaöl als Implantatfüllung sei noch nicht hinlänglich erprobt, meint Rudolph: »Was passiert mit der Kombination von Kunststoff und Öl?«
Bei den implantierten Silikonkissen jedenfalls werde viel zu selten nachgeprüft, ob sie noch intakt seien, meint Bettina Pfleiderer vom Institut für klinische Radiologie der Universitätsklinik Münster.
Mit einer neuen Methode, für die sie den diesjährigen Deutschen Röntgenpreis erhielt, hat Pfleiderer nachgewiesen, daß auch aus unversehrten Prothesen Silikon »zumindest in die Leber ausbluten kann«. Jedes dritte der Silikonkissen, die sie nachuntersuchte, wies Defekte schon ein bis sechs Jahre nach der Implantation auf. Mit solchen Problemen, hatte es bislang geheißen, müßten die Patientinnen frühestens nach etwa zehn Jahren Tragezeit rechnen.
Erste Zweifel an der Unbedenklichkeit von Silikonimplantaten waren bereits Anfang der siebziger Jahre laut geworden. Das in einer elastischen Hülle eingepflanzte Gel erschwere die Auswertung von Mammographien, kritisierten Frauenärzte. Auch wurde schon damals bekannt, daß Silikonmoleküle ausstreuen können - durch die das Implantat umgebende Kapsel von neugebildetem Bindegewebe hindurch.
Dennoch zählte die chemische Auffüllung der Oberweite in den USA seither zu den populärsten Schönheitsoperationen. Amerikanische Stars und Starlets, Models und Playmates - darunter Jane Fonda, Brigitte Nielsen und Demi Moore - trugen stolz ihre künstlichen Pfunde zur Schau.
Als »Opfer eines unnatürlichen Schönheitskults« präsentierte sich hingegen, mit den Narben nach der Entfernung ihrer Implantate, US-Model Susan Hess 1994 in VOGUE: Sechs Jahre nach der Schönheitsoperation litt sie unter heftigen Schmerzen und Depressionen.
Eine Million Amerikanerinnen, so wird behauptet, hätten bereits Brustvergrößerungen vornehmen lassen, als 1992 die Food and Drug Administration dem Boom der Traumoberweiten eine Grenze setzte. Die Behörde verbot die Einpflanzung von Silikon aus rein kosmetischen Gründen, die in den USA in den meisten Fällen das Motiv für den Eingriff waren. Nur etwa 15 Prozent der US-Frauen mit Silikonkissen ließen sich die Prothese nach Brustkrebsoperationen einlegen - eine Indikation, die in Deutschland einen ähnlich niedrigen Anteil ausmacht.
Mit Brustimplantaten leben in Deutschland etwa 250 000 Frauen, rund tausend von ihnen haben sich in der »Selbsthilfegruppe silikongeschädigter Frauen« zusammengeschlossen. Die Frankfurterin Ursula Wolf, 52, Gründerin der Gruppe, zählt zu den Frauen, bei denen durch Untersuchungen unter anderem an der Universitätsklinik Münster der Beweis geführt werden konnte, daß ihre Beschwerden und Schmerzen ursächlich auf Silikon zurückzuführen sind.
Seit vor über sieben Jahren bei einem Unfall in der Badewanne eine ihrer Prothesen platzte, ist die bis dahin gesunde Frau von Nervenschmerzen, Nierenstörungen, einer Blasendeformation und skleroseähnlichen Hautschäden heimgesucht.
Das Bundesinstitut für Arzneimittel in Berlin müsse endlich, wie die amerikanische FDA, die Anwendung des Materials für kosmetische Zwecke verbieten, fordert Silikonopfer Wolf. Die Krankenkassen seien oftmals nicht einmal bereit, die Entfernung von Implantaten zu bezahlen, und Ärzte nähmen die Klagen der Frauen nicht ernst.
»Unsere verheerende Krankheit ist nicht hausgemacht«, resümiert Wolf, »es ist wahrlich so.« Aber wahr sei auch: »Das Gefühl der Ohnmacht macht uns depressiv und bringt uns leicht auf die psychosomatische Schiene.«