Spanien "Auch der Heilige Geist kann sich irren"
Madrid - Wenige Minuten vor 18 Uhr starrten die Kunden im Gemüseladen des kleinen kastilischen Städtchens Tudela del Duero auf den Fernsehbildschirm. Weißer Rauch wurde da gezeigt und die Schrift "Habemus papam" eingeblendet. Der Ladeninhaber in dem nicht nur wegen seiner exzellenten Weinlagen am Duero-Fluß sondern auch wegen seines saftigen weißen Spargels bekanntem Ort konnte seine Aufregung kaum zügeln: "Das ist wirklich bewegend", murmelte er ein übers andere Mal und vergaß, das Wechselgeld zurückzugeben. Er sei bei den Salesianern zu Schule gegangen, sagt der junge Mann, auch die Trauerfeiern für den verstorbenen Papst habe er sich bei der Arbeit angeschaut.
Als dann einige Kilogramm Spargel abgewogen waren und der seltsame Name bekannt war, "Habemus Ratzinger", sparten Kundinnen aus der Hauptstadt Madrid nicht mit bissigen Bemerkungen: "Der ist doch erzkonservativ. Umso besser, dann werden der Kirche immer weniger Leute folgen."
Ganz anders die Stimmen des offiziellen spanischen Katholizismus, die sich im Lob des bayerischen Kardinals überschlugen. Der erzkonservative Laienorden Opus Dei, der unter dem Vorgänger Wojtyla stark an Einfluss gewonnen hatte, rühmte den Erwählten als "Gabe Gottes". Und der Sprecher der Bischofskonferenz, der Jesuit Martínez Camino, der früher jahrelang dafür zuständig war, die Rügen der von Ratzinger geleiteten Glaubenskongregation an spanische Abweichler weiterzuleiten, hob die engen Beziehungen des Neuen zu Spanien hervor.
Dabei hatte sich die Amtskirche noch kürzlich Hoffnungen gemacht, ihr Kardinal von Madrid, Antonio María Rouco Varela, 68, bis vor wenigen Wochen Präsident der Bischofskonferenz, könnte zum Papst gekürt werden. Jetzt gehört der gestrenge Galicier, der letztes Jahr den Thronfolger mit einer geschiedenen Bürgerlichen verheiratet hat, zu den begeistertsten Gratulanten. Denn Rouco hat einst in München studiert und spricht deutsch. Ratzinger hatte im Februar 1999 auf seine Einladung hin in Madrid einen hoch beachteten theologischen Vortrag gehalten. Noch im November hatte Ratzinger die Klagen der spanischen Bischöfe über den "laizistischen Fundamentalismus" der neuen sozialistischen Regierung geteilt und die geplante Gesetzesreform zur Homoehe als "zerstörerische Legalisierung" verurteilt.
Dennoch hofft die Regierung von José Luis Rodríguez Zapatero auf verbesserte Beziehungen zum Vatikan, denn Ratzinger sei immer den internen Reformen der Kirche zugeneigt gewesen. Nur der Chef der kommunistisch dominierten Vereinigten Linken, Gaspar Lamazares, spottete offen: "Auch der Heilige Geist kann sich mal irren."
Einige Radiokommentatoren stellten den alten Geistlichen aus Marktl als Mitläufer in Hitlers Wehrmacht da. "Der Panzerkardinal", so die erzkatholische Madrider Zeitung ABC, sei ein Polizistensohn, "der auf der Orgel Bach zu spielen lernte und den Adenauer überzeugte, dass Hitler nicht der richtige Weg ist".
Vertreter katholischer Basisorganisationen wünschen sich, dass der Papst, der sich bislang durch starren Dogmatismus in den Themen Sexualität, Frauen und Dritte Welt hervorgetan hat, zu seinen eigenen Anfängen als Reformfreund Anfang der sechziger Jahre zurückkehren möge. Einer der bekanntesten progressiven Abweichler in der spanischen Kirche, Enrique Miret de Magdalena von der Theologenvereinigung Johannes XXIII., sieht Überraschungen voraus. Manchmal seien gerade konservative Kardinäle fähig, die nötige Öffnung einzuleiten. In diesem Sinne schrieb die konservative Tageszeitung "El Mundo": Anstatt sich auf dem Petrusfels einzumauern, müsse der Papst Benedikt XVI. über die Beschränkungen des Joseph Ratzinger hinauswachsen.