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GRÜNE Spannendes Medium

Gunda Röstel macht Karriere: Die einstige Parteichefin wird zur Lobbyistin und verkauft jetzt Wasser.
Von Christoph Mestmacher und Hajo Schumacher
• aus DER SPIEGEL 40/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ganz diskret, wie bei Diplomaten üblich, ließ Außenminister Joschka Fischer den Stellenplan im Auswärtigen Amt durchforsten. Wo um Himmels willen könnte man diese Person möglichst unauffällig unterbringen? Entwicklungshilfe böte sich an, auch wenn die Kandidatin lieber etwas in Richtung Europa gemacht hätte.

Die hatte ziemlich hohe Ansprüche: »Mindestens Staatssekretärin« schwebte ihr als Belohnung dafür vor, dass sie ihren Sprecherposten klaglos geräumt hatte.

Nach Monaten der Suche gab der Ober-Grüne die Suche auf. »Das dauert eine Weile«, ließ er seinen Parteifreunden ausrichten, ein adäquater Job für Gunda Röstel sei nicht so ohne weiteres zu finden. Ähnlich verhielt es sich sowohl in den anderen grünen Ressorts, Gesundheit und Umwelt, als auch bei der parteinahen Heinrich-Böll-Stiftung.

Es war der parteilose Wirtschaftsminister Werner Müller, der der Öko-Partei aus der Verlegenheit half, einen Posten für Röstel zu finden. Schließlich schätzte Müller die Grünen schon deswegen, weil sein Posten sicher ist, solange Kanzler Gerhard Schröder nicht mit der FDP koaliert.

Also ließ der einstige Veba-Manager seine Kontakte spielen und schwupp: Ab sofort dient die Frau aus Flöha als Lobbyistin der Gelsenwasser AG, Tochter des Energieriesen E.on - »direkt unter dem Vorstand«, wie sie stolz vermeldet. Lukrativ ist der Job auch: Eine viertel Million Mark soll er ihr einbringen.

»Ich freue mich riesig auf die neue Aufgabe«, ließ die gelernte Sonderschullehrerin wissen, die wärend ihrer Amtszeit mit Modefotos in »Life & Style«, die allerdings nicht sonderlich lasziv ausfielen, Aufsehen erregte.

Die Wasserwerker sind angetan über die neue Kraft, die ihre neue Aufgabe als »stimmig mit meiner Biografie« sieht: Verwaltungserfahrung, die sie erst als Schulleiterin, dann als Parteichefin gesammelt habe, könne sie jetzt Gewinn bringend in der freien Wirtschaft einsetzen, »im Bereich Projektentwicklung und Unternehmensstrategie«.

Und allein ist die Grüne auch nicht beim Konzern. Wenn sie an diesem Montag ihren Dienst antritt bei einem der größten Wasser- und Energieversorger mit 3,9 Millionen Kunden, dann trifft sie auf Felix Wirtz. Der machte zuletzt für Nordrhein-Westfalens Bauminister Michael Vesper die Presse; jetzt muss er Röstel interpretieren.

Was genau Röstels Aufgabe sein wird, lässt der Konzern noch im Ungefähren. Wegen der anstehenden Liberalisierung des Wassermarkts rangeln die Versorger um gute Ausgangspositionen. Ein Hauch von Grün gehört dabei wohl zum modernen Image, wenn es um das Erschließen neuer Märkte geht. »Vor allem im Osten«, so Wirtz, »ist da einiges zu tun.« Was die Sächsin sonst für die neue Aufgabe qualifiziere, konnte die Gelsenwasser AG nicht so schnell ermitteln: »Kein Kommentar«, meldet Firmensprecher Wirtz.

Genauer weiß es die Neu-Managerin auch nicht, nur so viel: »Ich werde nicht bei Politikern Klinken putzen, aber meine Kenntnisse über Spielregeln der Politik sind von Nutzen.« Dafür verfüge sie schließlich über »ganz ausgeprägte kommunikative Fähigkeiten«, lobt sie sich und gibt gleich die erste Kostprobe ab: »Wasser als Medium ist für mich sehr interessant wegen der spannen- den Entwicklungen.« Wegen der Globa-

lisierung lernt Röstel im Crash-Kurs Business-Englisch.

Kaum zwei Jahre in der Bundesregierung, ereilt die Grünen bereits jenes Problem, mit dem sich die Altparteien bereits länger herumschlagen: Wohin mit dem ausgedienten Personal?

Fachkräfte sind ja noch relativ begehrt in der Industrie. So wechselte die einstige Gesundheits-Staatssekretärin Cornelia Yzer (CDU) 1997 zum »Verband forschender Arzneimittelhersteller«. Der frühere EU-Kommissar Martin Bangemann (FDP) arbeitet, angeblich für ein Jahressalär von zwei Millionen Mark, seit Juli als Berater beim spanischen Kommunikationskonzern »Telefónica«.

Auch Hamburgs ehemaliger Umweltsenator Fritz Vahrenholt (SPD) war begehrt. Er sitzt bei Shell jetzt im Aufsichtsrat. Zuvor hatte sich der Sozialdemokrat aus allen Parteiämtern zurückgezogen.

Röstel dagegen will ihren Sitz im Parteirat behalten. Ob der neue Job womöglich mit dem Dienst im wichtigsten Gremium der Grünen kollidiert, wurde bei der Sitzung am vergangenen Montag nicht debattiert. Darüber, sagt ein Mitglied, »haben wir uns ehrlich gesagt gar keine Gedanken gemacht«.

Aber vielleicht erweist sich die unverhofft abgängige Sprecherin bei Gelegenheit sogar als hilfreich. Immerhin, so hofft ein führender Grüner, habe man nun womöglich eine Geldquelle für die notorisch klamme Bundespartei erschlossen: »Jetzt kann Gunda wenigstens dafür sorgen, dass wir eine ordentliche Spende für den nächsten Bundestagswahlkampf bekommen.« CHRISTOPH MESTMACHER,

HAJO SCHUMACHER

* Oben: auf dem Parteitag in Karlsruhe am 19. März; unten: imFebruar in »Life & Style«.

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