EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Spiel oder stirb
Wochenlang hatte sich Marcus Vinicius dos Santos, 27, auf seinen Tag des Zorns vorbereitet. Er hatte ein Manifest verfasst, das er ins Internet stellte, und Abschiedsbriefe an seine Eltern und seine Freundin geschrieben: »Ich habe etwas Wichtiges vor, macht Euch keine Sorgen.«
Die Briefe legte er zusammen mit seinem Personalausweis auf den Küchentisch. Er löffelte einen Becher Fruchtsalat, denn Nervosität schlägt ihm auf den Magen, und schminkte seine Augenhöhlen schwarz wie Alice Cooper. Dann setzte er eine Sonnenbrille auf und zog einen schwarzen Mantel über.
Jetzt war er Cram, der Rockmusiker. Sorgfältig lud er den 38er durch, den sein Vater im Schuppen versteckt hatte, verbarg ihn unter der Jacke und rief ein Taxi. Er ließ sich zur Radiostation Atlântida nach Santa Teresinha bringen, wo alle Sender der brasilianischen Millionenstadt Porto Alegre ihren Sitz haben.
Es war 15 Uhr, und im Radio lief »Na Paz«. Das heißt »Im Frieden« und spielt auf den Namen des Moderators Márcio Paz, 37, an. Von zwei bis vier spielt Márcio Pop und Rock. Er hatte gerade den 15-Uhr-Werbeblock gestartet und biss in ein Sandwich, als das Taxi vorfuhr.
Cram hatte Radio Atlântida ausgewählt, weil hier keine bewaffneten Sicherheitsleute am Eingang herumstehen. Der Pförtner warf einen kurzen Blick auf seinen Musikerausweis und winkte ihn durch. Er wunderte sich nicht über das Gruftie-Outfit. Musiker sind schließlich exzentrische Leute.
Cram stieg die Treppe zum Studio hoch und öffnete die Tür. Zwei Telefonistinnen und ein Techniker blickten ihn überrascht an. Er zog den Revolver. Lasst mich mit Márcio allein, sagte er mit fester Stimme. Dann schloss er das Studio von innen ab.
Schon wieder so eine blöde Werbeaktion, dachte der DJ im ersten Moment. Neulich hatte sich ein Musiker als Pizzalieferant verkleidet, um zu ihm vorzudringen. Er ließ ihm eine Pizza Margarita und zwei Demo-CDs da. Aber dieser Typ war anders. »Mein Name ist Cram, und ich bin nicht im Frieden gekommen«, sagte er und richtete den Revolver auf Márcios Brust. Er fühlte sich stark, wie auf der Bühne.
Vor zehn Jahren hatte Cram die Rockband ACC gegründet. Das steht für »Alem do Ceu Cinzento«, »Jenseits des grauen Himmels«. Die Gruppe ist eine von Dutzenden junger Bands, die Porto Alegre zum Zentrum des brasilianischen Rock gemacht haben.
Ihre erste CD hatten sie selbst finanziert, 5000 Exemplare für 10 000 Reais, knapp 3000 Euro. Aber nur ein einziger Plattenladen nahm sie ins Sortiment auf, im vergangenen Jahr verkauften sie ganze fünf Exemplare. Cram klapperte alle Radiostationen von Porto Alegre ab, doch niemand wollte ihre CD spielen.
Mal hieß es, die Musik sei schlecht, mal klagten die DJs über den Namen der Band: »Das ist ja ein Buch, viel zu lang fürs Radio.« Eines Tages bat ihn ein mitleidiger Musikredakteur ins Hinterzimmer. Er zeigte auf ein Regal voller ungeöffneter CDs und sagte: »Du weißt doch, ohne Jabá geht gar nichts.«
Jabá heißt das Schmiergeld, das die Plattenfirmen an die Radios zahlen, damit eine neue CD gespielt wird. Bis zu 10 000 Reais kostet ein Monat. Das ist natürlich illegal, aber so läuft das in der Branche. Unabhängige Bands kriegen ihre Musik nicht ins Programm, wenn sie nicht zahlen.
Cram erinnerte sich an den Film »Air Heads«. Darin kidnappt eine erfolglose Rockband einen DJ und wird berühmt. Seither spukte diese Idee in seinem Kopf herum. Er redete mit niemandem darüber, denn seine Freunde hätten ihn wohl gestoppt.
Leg die CD ein, sagte er zu Márcio und hielt ihm den Revolver an den Kopf. Der hatte noch nie von »Alem do Ceu Cinzento« gehört. Aber mit einem Pistolero diskutiert man nicht. Nach dem ersten Stück wurde Cram ruhiger. »Du kannst dein Sandwich aufessen«, ermunterte er Márcio. Aber dem war der Hunger vergangen. »Hört mal, Leute, hier ist einer im Studio, der hat eine Waffe und zwingt mich, seine Musik zu spielen«, sagte er ins Mikro. Cram war zufrieden. »Sag den Hörern, wo sie die Platte kaufen können.« Márcio gehorchte. Dann klingelte das Telefon.
Ungläubige Hörer waren dran; Journalisten, die ein Exklusivinterview wollten, und schließlich die Polizei. Ein Spezialist für Geiselnahmen redete auf Cram ein. Aber der wollte nicht verhandeln. »Gefällt dir meine Musik?«, fragte er Márcio. Ich höre nicht zu, ich bin zu aufgeregt, log der DJ. Er fand die Songs scheußlich.
Auf einem Sims vor dem Studiofenster gingen Scharfschützen in Stellung. Besorgte Hörer fragten an, ob Márcio noch am Leben sei. Normalerweise redet er zwischen den Musikstücken, das Schweigen waren sie nicht gewöhnt.
Cram malte sich aus, wie viele Menschen seine Musik hören würden. Als die CD nach 60 Minuten zu Ende war, ließ er Márcio die ersten beiden Stücke wiederholen. Wenn du dich nicht stellst, stürmt die Polizei das Studio, dann sind wir beide tot, warnte der DJ.
Der Musiker verspürte Mitleid. Er entlud den Revolver und drückte Márcio die Kugeln in die Hand. »Es war nicht persönlich gemeint«, entschuldigte er sich. Er öffnete die Tür und übergab die Waffe.
Eine Woche blieb Cram im Gefängnis, dann boxte ein Anwalt ihn raus. Als er den Knast verließ, hatte er sich wieder wie Alice Cooper geschminkt. Dutzende Journalisten warteten, MTV wollte ihn interviewen, und Radios aus dem ganzen Land riefen an. Seine CD war ausverkauft. JENS GLÜSING