Tiere Spring, Willy, spring
Einmal hat er diesen Sprung gemacht: Hoch und kraftvoll stieß er aus dem Wasser und flog in weitem Bogen über den Steinwall, hinein ins offene Meer, zurück in die Freiheit.
Es war diese archetypische Befreiung aus der Gefangenschaft, die aus dem ziemlich billig produzierten Kinofilm »Free Willy« einen Überraschungserfolg und aus dem Killerwal Willy einen Star machte. Dabei war der Sprung das Produkt einer Computermontage, und der Wal hieß in Wirklichkeit auch nicht Willy, sondern Keiko.
Dieser Keiko ist zwar nach Flipper das berühmteste Meeressäugetier der Welt, im realen Alltag aber dümpelte er bis vor kurzem in einem viel zu kleinen und viel zu warmen Becken in Mexiko City vor sich hin, täglich geärgert von zwei schlechtgelaunten Delphinen. Doch inzwischen hat Keiko - diesmal mit Hilfe eines Flugzeugs des United Parcel Service - tatsächlich einen Sprung in Richtung Freiheit gemacht: Seit rund zwei Monaten schwimmt der Killerwal (auch Orca genannt) in einem viermal so großen Pool im Oregon Coast Aquarium. Hier, in Newport an der Westküste der USA, soll er später lernen, wieder selbst Fische zu fangen, um irgendwann zu seiner Familie heimzukehren, die vor Island lebt.
Nur ist es bis dahin ein langer Weg. So müht sich Keikos neuer Trainer, Mark Trimm, 35, derzeit damit ab, den Wal in einen kleinen Pool zu locken, in dem er in Zukunft medizinisch behandelt werden soll. Er hält eine Stange ins Wasser, auf deren Ende ein weißer Plastikkegel sitzt. Stößt Keiko mit der Nase dagegen, gibt's einen Pfiff und ein paar Fische als Belohnung.
Keiko traut sich nicht recht - er hat nicht verstanden, daß der kleine Pool zwei Türen zum Hinein- und Hinausschwimmen hat, obwohl er den Weg bereits zweimal bewältigt hat. Ganz langsam bewegt er sich Zentimeter für Zentimeter vorwärts, um dann doch wieder ängstlich rückwärts herauszupaddeln.
Sechsmal am Tag muß der Orca sich mit Übungen sein Futter aus Heringen und Tintenfisch verdienen. Ein harter Job - auch für die Trainer: Im stürmischen Regen an Oregons Meeresküste sehen Trimm und seine Kollegen in ihren naßglänzenden Gummianzügen schon nach kurzer Zeit dem Wal ziemlich ähnlich. »Wir setzen uns jeden Morgen hin und entscheiden, was trainiert werden soll«, sagt Mark, »wir denken zur Zeit nur bis zum nächsten Tag.«
Seit seiner Ankunft hat Keiko gelernt, die Befehle zu verstehen, die ihm vom Beobachtungsfenster unter der Wasseroberfläche aus gegeben werden. Wenn ihm einmal pro Woche Blut abgenommen wird, hält er die Schwanzflosse hin. In Mexiko City, sagt Cheftrainer Mike Glenn, sei er dafür festgebunden worden. Als nächstes soll Keiko üben, eine Urinprobe abzugeben.
Denn seine Gesundheit ist die größte Sorge der Trainer. Die traurig nach links fallende Rückenfinne ist dabei nur ein ästhetisches Problem. Daß Keikos Haut geschädigt ist und sich die durch den Papillomavirus verursachten Warzen so ausbreiten konnten, zeige dagegen, erzählt Glenn, daß das Immunsystem schwach sei - vermutlich weil das selbstgemixte Salzwasser im mexikanischen Reino-Aventura-Freizeitpark mit 26 Grad viel zu warm war. Außerdem hat der Wal Untergewicht. Die Flanken sind eingefallen, die Muskeln schlapp. Deshalb kommt er schnell außer Atem. Immerhin hat der Orca guten Appetit: Statt wie in Mexiko 55 Kilo Fisch pro Tag frißt er nun 112 Kilo.
In Newport schwimmt der Wal in gefiltertem, neun Grad kaltem Meereswasser, das aus der 30 Meter entfernten Yaquina-Bucht heraufgepumpt wird. Etwa neun Millionen Dollar kostet das Keiko-Projekt inklusive Pool und Futter für zwei Jahre - Geld, das die »Free Willy Foundation« innerhalb von einem Jahr aus Spenden und Einnahmen durch Merchandising-Produkte gesammelt hat.
Doch nicht nur für den Orca ist die Umsiedelung in den 23 Meter breiten, 46 Meter langen und 7,5 Meter tiefen Pool ein Schritt in eine bessere Zukunft. »Keiko wird den Tourismus stimulieren«, hofft Phil Hutchinson, Geschäftsführer der Handelskammer von Newport, und vermutlich hat er recht: Seit der Ankunft des Killerwals, erklärt die Aquariumschefin Phyllis Bell, hat sich die Besucherzahl des Meereszoos im Vergleich zum Vorjahresmonat um 250 Prozent gesteigert.
Nicht nur die Hotels in Newport, die auf riesigen Schildern »Special Keiko Packages« offerieren, profitieren von dem neuen schwarz-weißen Einwohner. Mit bedruckten oder bestickten Keiko Sweatshirts, T-Shirts und Baseball-Kappen hat zum Beispiel Victor Weitzel, 31, den Umsatz seines Betriebs im Januar mehr als verdoppelt. 35 000 Mark hat er im Vertrauen auf die Popularität des Wals in neue Maschinen investiert, im Sommer möchte er zudem neue Leute einstellen. »Das Geschäft«, sagt er, »wächst und wächst.«
Mit dem wirtschaftlichen Erfolg wäre es vorbei, wenn Keiko nach Island geflogen und in die Freiheit entlassen wird - allerdings will die Free Willy Foundation, die zu der Naturschutzorganisation »Earth Island Institute« gehört, erst in zwei Jahren über eine Auswilderung entscheiden.
Daß Keiko eines Tages tatsächlich wieder im Atlantik schwimmen wird, ist höchst unwahrscheinlich. »Den Pool zu designen war ein Kinderspiel im Vergleich zu den Problemen einer Freilassung«, sagt Trainer Glenn. Im Alter von ein bis zwei Jahren wurde Keiko vor Islands Küste gefangen. 16 Jahre hat er seither in Gefangenschaft verbracht - ohne die Chance, jagen, töten und Sozialverhalten zu lernen. Schon daß er seinen Pool in Mexiko mit Delphinen teilte - anstatt sie, wie Killerwale das sonst tun, aufzufressen -, läßt es sehr zweifelhaft erscheinen, daß er seine Jagdinstinkte reaktivieren kann.
Zuallererst aber müßte seine Familie aufgespürt werden, denn Orcas leben in Verbänden von 5 bis 20 Walen. Allein das, schätzt Howard Garrett vom Center for Whale Research im Bundesstaat Washington, würde mindestens 300 000 Mark kosten - falls es überhaupt gelingt.
Fünfzig Killerwale leben weltweit in Gefangenschaft, und noch nie ist einer ausgewildert worden. Für die Arterhaltung wäre das - im Gegensatz zur Aussetzung etwa von Luchsen und Kalifornischen Kondoren - auch nicht notwendig, denn Orcas sind keineswegs vom Aussterben bedroht. Zudem werden sie gerade deshalb nicht in die Wildnis entlassen, weil sie die Hauptattraktionen von Parks wie »Sea World« in San Diego sind.
Bisher sind nur Delphine ausgesetzt worden, nicht alle haben sich in der Freiheit zurechtgefunden: Einige magerten deutlich ab und mußten schließlich wieder eingesammelt werden.
Keiko jedenfalls kann Sturm und Regen nicht leiden, und da er keine Shows mehr absolvieren muß und auch kein Zuschauer mehr ruft »Spring, Willy, spring«, taucht er bei schlechtem Wetter so lange wie möglich unter. Dann schwimmt der Wal öfter zu einem der Fenster und betrachtet die Besucher, die wiederum ihn betrachten.
»Man sollte Keiko nicht freilassen«, sagt Susan Kirchem, 32, die mit Mann und drei Kindern drei Stunden Autofahrt hinter sich gebracht hat, um den Wal zu sehen. »Hier hat er mit Sicherheit eine bessere Überlebenschance als in der Freiheit.«
Und so wird Keiko wohl den Rest seines Lebens in Oregon verbringen und das bleiben, was seit »Free Willy« seine Hauptrolle ist: ein Symbol für die ewige Hoffnung auf ein besseres Leben. Y