Spuren im Land
Es ist kalt, Weihnachtszeit, es ist die Zeit der Abschiede, das ist in jedem Dezember so. War jedoch je ein Dezember so traurig?
Der Mann in Schwarz steht allein auf der Bühne, seine Musiker sind hinter Leinwänden verschwunden, der Mann in Schwarz singt: »Ich seh den kleinen Jungen noch vor mir, der ich mit 14 war, es ist so lange her.« Und 15 000 Menschen stehen ihm gegenüber, die Hände vor den Gesichtern, und die meisten weinen, und der Mann in Schwarz weint jetzt auch.
Deutschland nimmt Abschied. Vom Jahr 2003, vom Sozialstaat, von Schill, Saddam und Harald Schmidt, die No Angels geben ziemlich viele Abschiedskonzerte. Und Howard Carpendale gibt dieses, es ist sein letztes, sagt er, er werde nicht zurückkommen, sagt er, es ist Samstag, kurz vor 23 Uhr, Carpendale trägt einen schwarzen Anzug, schwarze Schuhe, ein schwarzes T-Shirt. Der Mann in Schwarz singt: »Ich wollte Sterne sehen, nie in ein Leben ohne Feuer gehen.« Er trägt die Haare wie immer, zu lang und zu blond sind diese Haare, an Deutschlands Litfaßsäulen klebte dieses Gesicht 37 Jahre lang.
»Das schönste Konzert in meinem Leben war mein allerletztes«, hat er gesagt, bevor er sein letztes Lied begann. »Die lange Straße hinter mir war nicht immer nur Glück«, singt er jetzt. Und er weint. Eineinhalb Minuten noch, dann wird es vorbei sein.
Howard Carpendale wurde in Durban in Südafrika geboren. Er wuchs am Strand auf. Er hielt zwölf Minuten lang den südafrikanischen Jugendrekord im Kugelstoßen. Er spielte Cricket, sang in einer Band, ging nach England, hatte Mädchen, viele Mädchen, »Sex ist Motivation für alles«, sagte er. Die Band fuhr nach Düsseldorf, es gab 40 Mark pro Abend, die Band zerstritt sich, Carpendale fuhr per Anhalter weiter nach Köln, von einer Raststätte aus sah er den Dom. Das war 1966.
1966 trat Ludwig Erhard zurück, Kurt Georg Kiesinger und Willy Brandt formten die Große Koalition, Uwe Seeler schlich aus dem Wembley-Stadion, Howard Carpendale sang »Lebenslänglich«, er verkaufte 60 000 Platten. Sein Deutsch war seltsam und sein Trumpf.
1970 trafen sich Willy Brandt und Willi Stoph in Erfurt, Richard Nixon führte Krieg in Vietnam, Howard Carpendale sang »Das schöne Mädchen von Seite 1«.
1973 war die Zeit der Ölkrise und des Fahrverbots, Howard Carpendale sang »... da nahm er seine Gitarre«.
1976: Biermann-Ausbürgerung, Schmidt-Wahl, Pol Pot und Jimmy Carter, Howard Carpendale sang »Deine Spuren im Sand«. 15 000 Menschen konnten diese Zeilen vorhin mitsingen: ... die ich gestern noch fand, hat die Flut mitgenommen.
1984 wurde Richard von Weizsäcker Bundespräsident, Ronald Reagan wiedergewählt, das Kabelfernsehen eingeführt, der Aids-Erreger entdeckt. »Hello again« sang Howard Carpendale.
1989 fiel die Mauer, und Carpendale fiel nichts Neues ein, er sang seine bekanntesten Lieder: »Ti amo«, »... dann geh doch«, »Nachts, wenn alles schläft«.
Er hat diese Lieder auch heute gesungen. Es hat sich viel geändert in diesem Land, und vielleicht war es Carpendales Erfolg, dass man das seinen Liedern nicht angehört hat. Vielleicht hat ihn das Große nie interessiert, vielleicht war ihm immer wichtiger, wie er die nächste Blondine flachlegen konnte. Die Schlüpfer, die auf die Bühne fliegen, sind breiter geworden im Lauf der 37 Jahre, sagt er.
Er hat wie Sinatra an einem Barhocker gelehnt heute, er hat gute Witze erzählt, neulich sei er bei der Konfirmation von Udo Jürgens' neuer Freundin gewesen, hat er gesagt, und 15 000 Menschen spürten mit jedem Witz, dass das Ende näher kam, jetzt ist es 50 Sekunden entfernt. »Nicht jeder Weg war leicht zu gehen«, singt der Mann in Schwarz. »Danke«, hat er seinem Publikum vor seinem letzten Lied gesagt, und was für Menschen dieses Publikum ausmachen, kann man vielleicht ahnen, wenn man weiß, welche Prominenten hier sind. Hans Meiser, Ulli Potofski, Dieter Thomas Heck, Jörg Berger und Erich Rutemöller sind hier.
Es ist natürlich leicht, über Howard Carpendale und sein Publikum zu spotten, die Männer in Leinensakkos und die Damen schon mit Festfrisuren, es ist zu leicht. Heute Nachmittag waren auch 15 000 Menschen in der Kölnarena, die ganze Tournee war ausverkauft, 50 Konzerte in 59 Tagen.
Howard Carpendale war mal so etwas wie Deutschlands Vorzeigeausländer, dann Deutschlands liebster doppelter Staatsbürger, er war Deutschlands Seelentröster. Damals, als Dieter Thomas Heck die »ZDF-Hitparade« machte, rief Carpendale live seine Mutter in Südafrika an, heute ist die Mutter 91 und sitzt im Parkett und weint. Er hatte Krisen, seine Freundin trank, er hatte Affären, alle Männer seien schwanzgesteuert, sagte er. Er wurde reich, aber er wollte Anerkennung, und die bekam er nicht; Grönemeyer, Westernhagen, NDR 2 und Bayern 3 nahmen Carpendale nicht weiter wahr. »Es bleiben tiefe Spuren«, singt der Mann in Schwarz.
Er ist 57 Jahre alt. Er sagt, er wolle nicht enden wie Roy Black, er wolle seinen Beruf niemals hassen, er wolle keiner dieser Besucher sein, die zu lange bleiben. Also hat er den Termin festgelegt, also beschloss er, dass es in Köln zu Ende gehen solle, dort, wo alles begann, also sagt er, dass man zu oft den richtigen Zeitpunkt verpasse und dass es genau darum doch gehe im Leben, »die Summe der falschen Momente so klein wie möglich zu halten«.
Es ist so weit. »Doch ich würd es immer wieder tun«, singt der Mann in Schwarz. Dann ist die Bühne leer.
KLAUS BRINKBÄUMER