Sri Lanka Welle der Panik
Galle - Hunderte Menschen rennen, weg von der Küste, ins Hinterland oder hoch auf den nächsten Hügel. Viele stürzen, springen auf, laufen weiter. Bagger, Busse, Minivans und Motorradfahrer bahnen sich rücksichtslos ihren Weg durch die stiebende Menge. Vorbei an zerstörten Häusern, zerschmetterten Booten und zermalmten Autos. Binnen weniger Minuten ist die Küste leergefegt.
Galle gehört zu den Orten im Süden Sri Lankas, die am schlimmsten von der Flutwelle am Morgen des 2. Weihnachtstages heimgesucht wurden. Tausende starben, große Teile der Stadt wurden von den Wassermassen verwüstet. Kein Wunder, dass Panik ausbrach. Das Radio hatte eine Flutwarnung gemeldet, ein Ruf genügte, und die Bewohner rannten um ihr Leben.
Die Welle bleibt aus an diesem Donnerstag. Doch es dauert Stunden, bis sich die traumatisierten Bewohner wieder auf die Straßen trauen. Zu präsent sind noch die Bilder des Grauens vom vergangenen Sonntag. Alle hier haben Freunde und Verwandte verloren. Häuser, Autos und Boote. Das Wasser vernichtete die Existenzen von Fischern, Händlern und Hotelbetreibern. Hilfe kommt nur schwer voran, der Tsunami, so heißen solche Flutwellen, hat die Küstenstraße zur Hauptstadt Colombo zerstört. Viele haben Hunger, Trinkwasser ist knapp.
Noch kurz vor der Wasserpanik am Donnerstag wird Nalaka Guenerathna, Pathologe am Zimtgarten-Krankenhaus in Galle, zum Platz vor dem alten holländischen Fort direkt am Indischen Ozean gerufen - dem zentralen Leichensammelplatz. Zwei Tote Erwachsene liegen dort, ein Mann und eine Frau, ein totes Kind und ein paar Kartons mit den Leichen Neugeborener. Die Toten Babys wurden unter den Trümmern eines Geburtshauses gefunden. Die anderen Leichen sind aufgeschwemmt und riechen übel. Wie Wasserleichen eben so sind.
Die Gesichter der Toten sind kaum noch zu erkennen. Sie werden trotzdem fotografiert und auf besondere Merkmale untersucht. Ein Arzt schneidet der Frau mit einer Rasierklinge die Ohrläppchen ab. Daran sind Ohrringe, die später bei der Identifizierung helfen können. Viel Zeit bleibt den Ärzten nicht. Die Kühlkapazitäten des städtischen Leichenhauses sind knapp, und in der Hitze schreitet die Verwesung schnell voran.
Die Toten müssen deshalb schnell begraben werden, viele kommen als Unbekannte in Massengräber. Am Zimtgartenkrankenhaus hängt eine Liste mit den Namen der Verletzten, die nicht überlebt haben. "Mehr als 2000 Leichen haben wir bisher erfasst, täglich kommen 40 bis 50 dazu, darunter auch mehr als hundert Ausländer, die wir nicht identifizieren konnten", sagt Mudidha Vidana-Pathirana, der Leiter der Pathologie. Die Leichen der Ausländer ließ er nach Colombo bringen. Ungezählte Toten werden außerdem von ihren Angehörigen begraben, zahllose Leichen liegen noch unter den Trümmern oder schwimmen im Meer.
Galle, die fröhliche Fischer- und Touristenstadt stinkt nach Verwesung. Der süßliche Geruch des Todes kriecht um jede Ecke. Mit bewundernswerter Energie versuchen die Bewohner, die Trümmer zu beseitigen und zerstörte Häuser wieder aufzubauen. Doch es fehlt an schwerem Gerät, mit dem der Schutt bewegt werden kann.
Die Welle hat besonders viele Opfer unter den Fischern und Armen gefordert, die in Holzhäusern am Strand lebten. Die Überlebenden schlagen Nägel aus zersplitterten Balken und bauen neue Häuser daraus. Was sonst sollen sie tun? Ihre Boote liegen zerschlagen auf Land, sie besitzen nur noch, was sie am Leib tragen.
Fast die gesamte Fischereiflotte von Galle ist zerstört, der zentrale Omnibus gleicht einem Schrotthaufen, die Tourismusindustrie ist in den Wassermassen untergegangen. Die Wellen hatten eine unvorstellbare Kraft entwickelt, rissen Autos, Boote und Trümmer weit ins Hinterland.
Das Deutsche Technische Hilfswerk ist mit 18 Helfern vor Ort und bereit, Wasseraufbereitungsanlagen aufzustellen und zerstörte Leitungen zu reparieren. Eine Condor-Maschine brachte bereits am Dienstag zehn Tonnen Material aus Deutschland nach Colombo. Von dort ging es auf Lastwagen in stundenlanger Fahrt über Nebenstraßen nach Galle. Andere ausländische Hilfsorganisationen sind noch nicht vor Ort.
Während Hubschrauber der indischen Armee unermüdlich Schwerverletzte in die Krankenhäuser nach Colombo fliegen, verteilen örtliche Helfer Trinkwasser und Nahrung an die Opfer, die in Schulen, Turnhallen und anderen öffentlichen Gebäuden untergebracht sind. Die Regierung ist dabei, zerstörte Brücken entlang der Küstenstraße zu reparieren. Erst wenn die Straßen wieder geöffnet ist, können Hilfsgüter in größerem Umfang die Region erreichen.