St. Gilgen: Idyll ohne Kohl - DER SPIEGEL
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St. Gilgen Idyll ohne Kohl

In St. Gilgen ist die Welt noch in Ordnung. Von hier versuchte Helmut Kohl jahrelang ein bisschen konservierte heile Welt in die deutsche Politik mitzunehmen. Jetzt fehlt er. Ortstermin am Wolfgangsee.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Er hat immer auf diesem Stuhl dort gesessen, sagt der Bürgermeister und zeigt auf den Stuhl, auf dem jetzt eine alte Frau sitzt. Sie will nichts sagen, aber sie hat nichts dagegen, dass man in ihrem Garten guckt, wo Helmut Kohl immer gesessen hat. Es ist ihr Wohnhaus, das er 30 Jahre lang gemietet hat, um Urlaub zu machen. Sie fuhr dann für vier Wochen nach München, und wenn sie zurückkam, hatte der Bundeskanzler vier Wochen in ihrem Bett geschlafen. Aber nicht in diesem Jahr. In diesem Jahr hat Kohl seinen Urlaub abgesagt. Er trauert.

Deshalb sieht er jetzt nicht den dunkelblauen See, die weißen Segel, dahinter die Berge und links davon einen mit Bäumen dicht bewachsenen Hügel, der aussieht wie ein grüner, struppiger Riesenhund, der seine Schnauze ins Wasser legt.

Dieses Idyll hat er so geliebt, sagt Wolfgang Planberger, Bürgermeister von St. Gilgen am Wolfgangsee, und steht dabei auf dem Steg, auf dem Helmut Kohl 30 Jahre lang für 4 Wochen gesessen hat. Vier Enten schwimmen heran und drehen ab, als hätten sie den Mann, den sie gesucht haben, nicht angetroffen. Denn Kohl ist nicht da, und mit ihm ist das Idyll aus der deutschen Politik verschwunden.

Die beiden großen Versprechen, die Kohl gegeben hat, zielten ins Idyll: geistig-moralische Wende, blühende Landschaften. Die wichtigsten Beziehungen in der Innenpolitik wurden als Männerbünde verkauft: mit Strauß, mit Schäuble. Seine großen Auftritte in der Außenpolitik waren als Idyll inszeniert: Händchen halten mit Mitterrand über den Gräbern von Verdun, in der Strickjacke an einem kaukasischen Ufer, Gorbatschow die deutsche Einheit abhandelnd. Heimelig musste es immer sein. Am Vorabend der Parteitage der CDU spielte Franz Lambert auf der Orgel.

Es war, als wollte Kohl ein bisschen von St. Gilgen mitnehmen in den Alltag der Politik, ein bisschen vom Zwiebelturm der Kirche, ein bisschen vom dichten Nadelwald, ein bisschen von den Lüftlmalereien an den Häusern, ein bisschen vom Rauschen der Gewitterwinde über dem See, ein bisschen von den hier verkauften Socken, auf die ein Edelweiß gestickt ist. Ein bisschen von den beiden Hirschgeweihen, die Kohls Urlaubshaus zieren, eins vorn, eins hinten.

Hier wird eine Welt konserviert, die heil aussehen soll, eine Welt für den Satz: Heute ist wie früher, und deshalb ist hier alles besser. So etwas gefällt Kohl.

Kaum war er zwei Tage auf Urlaub in St. Gilgen, stattete er schon Bürgermeister Planberger einen ersten Besuch ab und ließ sich ausführlich berichten von der überschaubaren, wenig umstrittenen Dorfpolitik. Dann sagte er Planberger, dass er ihn um seinen Ausblick beneide, nicht auf den See, aber auf Häuser, die mit Holz verblendet sind, auf Balkone, von denen überall Geranien leuchten. Und manchmal gingen sie hinüber ins Café Dallmann, wo es so leckere Mozarttorte gibt, und sie saßen lange und traut zwischen alten Bildern beisammen, der österreichische Sozialdemokrat Planberger und der deutsche Christdemokrat Kohl; auch das ein Idyll, die große Versöhnlichkeit. Ohnehin war der Unterschied zwischen ihnen so groß nicht. Kohl machte Weltpolitik nach der Art eines Dorfschulzen, Weltpolitik unter dem Zeichen des Hirschgeweihs.

Wie harmonisch die Kohlsche Ehe in St. Gilgen war, davon kann Planberger viel erzählen. Am idyllischen See trat Kohl als liebevoller Gatte auf, als Tierfreund, der einen Ziegenbock oder eine Kuh streichelt, als Naturbursche, der stundenlang durch die Berge wandert, als Landmann, der geduldig die Sorgen der Bauern anhört. Dank der jedes Jahr einbestellten Fotografen sahen die Wähler ihren Kanzler als Menschen, und wohl selten fand er landesweit so viel Zustimmung wie in den vier glücklichen Wochen von St. Gilgen.

Im Jahr 2001 gibt es das nicht mehr. Das Idyll ist zwar da, der Zwiebelturm, der dichte Nadelwald, die Lüftlmalereien, die Gewitterwinde über dem See, das Edelweiß auf den Socken. Was aber fehlt, ist Kohl. Planberger vermisst ihn sehr. Für ihn ist er unverändert der verantwortungsbewusste Staatsmann, der rührige Gatte. Für ihn sind das Idyll und Kohl eins und werden immer eins bleiben.

In Wahrheit jedoch ist Kohls Abwesenheit ein Symbol dafür, dass die Verbindung zwischen Politik und Idyll gekappt ist, wahrscheinlich für alle Zeiten.

Denn Kohl hat seine Versprechen nicht gehalten. Er hat die politische Karriere seines Freundes Schäuble zerstört. Er hat das Parteiengesetz missachtet und damit dem Ansehen der Politik schwer geschadet.

Kohl war ein brutaler Machtpolitiker und St. Gilgen die Kulisse eines großen Schauspiels. Kohl spielte für seine Wähler ­ und mehr noch für sich ­ vier Wochen lang heile Welt. Weil er aufflog, wurde er zum Totengräber des Idylls in der Politik. Wer außer Planberger könnte noch jemals daran glauben?

Andererseits: Wer an Kohls Urlaubshaus erlebt, wie sich abends eine weiße Wolke vor den struppigen Hügelhund schiebt, wie das Wasser gegen das Ufer plätschert, wie sich der Himmel langsam rot färbt, wie ein Schwan seinen Kindern voran schwimmt, den überkommt leicht der Wunsch, die ganze Welt möge so sein ­ und wenn nur zum Schein.

DIRK KURBJUWEIT