Statt Plünderungen: Eine Welle der Menschlichkeit - DER SPIEGEL
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Statt Plünderungen Eine Welle der Menschlichkeit

Alarmanlagen hatten keinen Strom, die Polizei steckte im Verkehrschaos fest - der Stromausfall von Toronto bis Detroit schien wie geschaffen für Plünderer und Diebe. Doch diesmal hatten die Menschen besseres zu tun: Sie halfen einander.
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Am 13. Juli 1977 brach das Chaos aus. Nach einem Blitzeinschlag fiel in New York 25 Stunden lang der Strom aus, es kam zu massiven Plünderungen, 3700 Personen wurden festgenommen.

Damals waren neun Millionen Menschen betroffen, gestern Abend saßen zeitweise bis zu 50 Millionen Nordamerikaner im Dunkeln. Und auch diesmal schien die öffentliche Ordnung gefährdet: "Es gibt ernsthafte Plünderungen", sagte der Polizeichef von Ottawa, Vince Bevan, in einer ersten Stellungsnahme. Es gebe Berichte über Einbrüche, eingeworfene Fensterscheiben und Diebstahl in der Hautstadt. Große Teile Ottawas lagen nach dem Stromausfall im Dunkeln.

Doch die scheinbaren Ausschreitungen stellten sich als eine Handvoll randalierender Jugendlicher heraus. Gerade mal fünf Fälle von Plünderungen wurden aus der 800.000-Einwohner-Stadt gemeldet.

Und auch im weit größeren und einst für seine Kriminalitätsraten berüchtigten New York blieb es friedlich. Es gebe keine größeren Brände, Unfälle oder kriminellen Aktivitäten, erklärte Bürgermeister Michael Bloomberg erfreut. Nur im Stadtteil Brooklyn habe es ganz vereinzelte Fälle von Plünderung gegeben. "Stellen Sie sicher, dass eine Unannehmlichkeit nicht zur Tragödie wird", rief der Bürgermeister den acht Millionen Einwohnern zu.

"Ich möchte den Menschen dafür danken, dass sie auf diesen Notfall so ruhig reagiert haben", sagte Präsident George W. Bush bei einem Wahlkampfauftritt in San Diego, Kalifornien. "Es war bemerkenswert, im Fernsehen zu sehen, wie gelassen die Menschen mit der Situation umgegangen sind. Ich weiß, Ihre Nachbarn sind Ihnen dankbar für die angemessene und ruhige Reaktion."

Geradezu vorbildlich verhielten sich die Bürger in Kanadas größter Stadt Toronto. Als der Strom ausfiel, stiegen einige Menschen aus ihren Autos und regelten inmitten der Kreuzungen den Verkehr, berichtete die Zeitung "Globe and Mail". Die ganze Stadt sei von einer Welle der Menschlichkeit erfasst. Eine Kellnerin sagte angesichts von so viel Hilfsbereitschaft, dass sei "typisch Kanada".

"Dieser Mann dort sprang einfach aus seinem Auto und fing an, das Chaos auf der Straße zu regeln", sagte Barbara Lowe, eine Besucherin aus Irland, der Zeitung. "Der Stromausfall hätte genau so gut ein Desaster werden können, aber das wurde es nicht."

An nahezu jeder Kreuzung sollen Passanten oder Autofahrer den Verkehr geregelt haben, berichtet das Blatt weiter. Fußgänger hätten den freiwilligen Helfern applaudiert, manche brachten ihnen sogar Essen. "Sie machen tolle Arbeit, sie sind Helden", sagte eine Frau. "Ich wünschte, ich hätte eine Videokamera, um hier einen Dokumentarfilm zu drehen."

"Keiner verfällt in Panik, alle bleiben cool. Wir helfen einander. Ich liebe diese Stadt", zitiert "Globe and Mail" Torontoer Bürger.

"Wir bleiben freundlich, so sind wir in Kanada eben", sagte eine Frau, die wie so viele andere nach dem Stromausfall vergeblich auf eine U-Bahn wartete. Die Kioskbesitzer in den Bahnstationen verkauften Snacks im Kerzenschein.

Genauso wie in Toronto und anderen betroffenen Städten machten die Menschen in New York das Beste aus der Notlage. Manche unterhielten die Wartenden, in dem sie Gitarre spielten, an batteriebetriebenen Radios wartete man gemeinsam auf Neuigkeiten. Tausende Menschen trafen sich mit Kerzen im Central Park. In den frühen Morgenstunden ließen der Optimismus und die Tapferkeit dann aber nach. "Ein paar Stunden ohne Strom in einer heißen Sommernacht sind irgendwie okay", sagte ein New Yorker, "aber zu viel ist zu viel, wer sind wir denn: Das großartigste und mächtigste Land der Welt oder eine Bananenrepublik?"