Stichwort Zigeuner
Wohl über kein anderes Volk ist in Deutschland so wenig bekannt und zugleich so viel Negatives im Umlauf wie über Sinti und Roma, die seit über 600 Jahren in Deutschland leben. Seit dem ersten Auftauchen des Wortes "Zigeuner" im Mittelalter bis heute werden Sinti und Roma in der Öffentlichkeit hauptsächlich im Zusammenhang mit Kriminalität und Konflikten erwähnt.
Im 15. Jahrhundert warf man ihnen "mannigerley zaubrey" vor, im 16. galten sie als Spione der Türken, im 18. las man in einschlägigen Lexika, sie seien ein "zusammengelauffenes böses Gesindel", das "mit allem Recht verfolgt" werde. Den Gipfel erreichte der Antiziganismus im Nationalsozialismus, als von damals 40000 deutschen und österreichischen Sinti und Roma mehr als 25000 ermordet wurden. Nahezu folgerichtig leitet die Volksetymologie das Wort "Zigeuner" bis heute von "Ziehgauner" her.
Nicht zuletzt, um solch tief verwurzelte "Zigeuner"-Bilder aufzubrechen, fordern deutsche Sinti und Roma seit dem Ende der siebziger Jahre, dass ihre Selbstbezeichnung, eben "Sinti und Roma", anerkannt wird. Diese Doppelbezeichnung ist eine deutsche Besonderheit. Sie trägt der großen Zahl der Sinti Rechnung, aber sie wird auch als kompliziert kritisiert. Denn "Roma" bezeichnet einerseits eine eigenständige Gruppe, wie Sinti, ist andererseits aber auch der Sammelbegriff für das gesamte Volk. Sinti sind also auch Roma. Das Wort "Roma" bedeutet in der Sprache Romanes "Menschen".
Die Herkunft des Begriffs "Zigeuner" ist nicht zweifelsfrei geklärt. Wahrscheinlich rührt er von dem griechischen Wort "athinganoi", "Unberührbare". So wurde eine gnostische Sekte in Griechenland bezeichnet, wo sich überhaupt die meisten frühen Hinweise auf Roma finden. Einige Wissenschaftler vermuten, dass "Zigeuner" von "asinkari", dem persischen Wort für "Schmied", stammt.
Sinti und Roma kommen ursprünglich aus dem Nordwesten Indiens. Ihre Vorfahren haben Indien vor 1300 in mehreren unabhängigen Gruppen verlassen. Heute verteilen sich drei große Gruppen über Europa: die Roma in Osteuropa, die Sinti in Mittel- und Westeuropa sowie die Calé auf der Iberischen Halbinsel.
In Deutschland leben etwa 70000 deutsche Sinti und Roma, davon circa 50000 Sinti. Sie sind eine von vier nationalen Minderheiten, zusammen mit deutschen Dänen, Sorben und Friesen. Seit den Achtzigern und verstärkt nach den politischen Wenden von 1989/90 sind mehrere zehntausend Roma aus Osteuropa hinzugekommen, als Arbeitsmigranten, Flüchtlinge vor Verfolgung und - in den Neunzigern - vor Krieg. Die Zahl der Roma in Europa beträgt acht bis zehn Millionen.