Stolze Brut - DER SPIEGEL
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Stolze Brut

Hurras vor dem Palast, Trinksprüche in englischen Clubs: Princess Diana ist schwanger. *
• aus DER SPIEGEL 8/1984
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Nun hat es ja endlich doch noch geklappt, Mister Pinker sei Dank. Man wird nicht umhin kommen, den tüchtigen Mann demnächst in den Adelsstand zu erheben.

Der Londoner Frauenarzt, der sich seit über einem Jahrzehnt um das unterleibliche Wohl der Queen kümmert, hat die jüngeren Mitglieder der Königsfamilie ins blaublütige Leben geholt und auch bei der Geburt von Prince Charles' Sohn William Hand angelegt.

Gute 20 Monate ist das nun her, und seitdem mühten sich der Prince und seine Diana um weiteren Nachwuchs.

»William soll«, flocht der englische Thronfolger fast beschwörend sogar in offizielle Tischreden ein, »möglichst bald einige Geschwisterchen bekommen« - was Regenbogen- und Boulevardblätter jedesmal zum Anlaß nahmen, zu künden, die Princess sei wieder schwanger.

Doch lange blieb die Liebesmüh vergebens. Erst als sich Doktor Pinker im September letzten Jahres dazu entschloß, die untergewichtige Diana mit empfängnisfördernden Hormonspritzen zu behandeln, stellte sich der ersehnte Erfolg ein: »Ihre Königliche Hoheit«, teilte der Buckingham-Palace am Montag letzter Woche mit, »erwartet Ende September ein Kind.«

Die Briten, die sich in ihrer Liebe zur Monarchie nur durch ihren Abscheu vor allem Fremdländischen übertreffen lassen, reagierten auf die Botschaft erwartungsgemäß: Tausende von Mitgliedern des gemeinen Volkes brachen vor dem Kensington Palace (der Londoner Wohnung des Paares) in Hurra-Rufe aus; die Mitglieder der feineren Schichten brachten in ihren fashionablen Clubs wie dem »White's« (wo, gelobt sei die Tradition, Frauen noch immer keinen Zutritt haben) Toasts auf die noch ungeborene Nummer drei in der Thronfolge aus.

Sämtliche Zeitungen, vom linken »Daily Mirror« bis zum knochenkonservativen

»Daily Telegraph« (Spottname: »Daily Torygraph"), meldeten die frohe Botschaft von der Empfängnis mit übergroßen Lettern auf Seite eins.

Daß am selben Tage ein gewisser Andropow begraben und 24 Stunden vorher ein Towarischtsch Tschernenko zum zweitmächtigsten Mann der Welt ernannt wurde, schrumpfte zur Nebensache angesichts der Frage, ob die werdende Mutter unter schwangerschaftsbedingter Morgenübelkeit leide (bis jetzt: nein), ob sie eine Fruchtwasserprobe vornehmen lassen werde (auch diesmal: ja) und vor allem, an welchem Ort das Kind gezeugt worden sei (unbekannt).

»War es in Sandringham«, wo Diana einst zu Hause war, »oder in Highgrove«, dem Landsitz des Paares, rätselte die »Daily Mail«. Einzig »Bild« gelang es, mit deutscher Präzision, sogar den Zeitpunkt der Zeugung auszumachen: »In der Silvesternacht.«

Vater Charles kommentierte die Umstände mit dem der britischen Königsfamilie eigenen Humor: »Der Brutprozeß ist in vollem Gange«, und: »Ich bin stolz auf sie.« Dazu haben Hoheit allen Grund: Mit der ehelichen Vereinnahmung der vormaligen Lady Diana Spencer gelang den Windsors der beste PR-Coup ihrer Familiengeschichte.

Die einst so scheue »Di« entwickelte sich, wer hätte das gedacht, zum »Medien-Marktführer des Planeten« (so die »Times") - kein Photomodell erschien öfter in den illustrierten Blättern der westlichen Hemisphäre; selbst die »Prawda« und die »Pekinger Volkszeitung« kamen nicht umhin, ihren Völkern von dem königlichen Blondschopf zu berichten; die Nordkoreaner, hartgesottene Kommunisten und mithin monarchistischer Fraternisation unverdächtig, verewigten die Princess und ihren Sohn sogar auf einer Briefmarke.

Wo immer Diana, längst das beliebteste Mitglied des englischen Königshauses, in britischen Landen auftaucht - sie ist der Star, und ihr Gatte steht so unbeachtet herum wie ein Säulenheiliger in der Nische eines Portalbogens.

Und wo immer die 22jährige in ehemaliges britisches Kolonialgebiet einfällt, wie jüngst in Kanada oder Australien (dort mit Baby William, über 90 Koffern und zwei Friseuren), bringt sie das Blöken republikanisch gesinnter Schafsköpfe schlagartig zum Schweigen: Australiens sozialistischer Premierminister Robert James Lee Hawke beispielsweise, der stets lautstark die Abschaffung der Monarchie gefordert hatte, überschüttete das königliche Paar mit Elogen. Sein Volk war einem Zustand akuter Dianamanie verfallen: Eine Million Australier säumten während der Royal Tour die Straßen.

Charles war, wie üblich, ein paar Mal vom Pferd gefallen; das mitgeführte Blag erfreute sich (wie spürnasige Reporter an Hand der aus dem Müll gekramten Windeln herausfanden) einer geregelten Darmtätigkeit, und die Princess strich den Tausendschaften angetretener Kinder mit routinierter Geste übers Haupthaar - freilich nur so lange, bis eines der Objekte ihrer Zärtlichkeit auf die Frage, warum es nicht in der Schule sei, antwortete: »Weil ich Kopfläuse habe.«

Bedenklich schien den Beobachtern in letzter Zeit, daß die Princess dramatisch an Gewicht verlor, »Bild« war wieder mal dabei: »An den Hüften, am Schlüsselbein und am Rückgrat schimmern die Knochen durch die marmorweiße Haut.« Mediziner halten das Untergewicht für die Hauptursache der nunmehr behobenen Fruchtbarkeitsstörungen.

Schon am Tage der Bekanntgabe des freudigen Ereignisses begannen Londoner Buchmacher, Wetten über die wahrscheinlichen Namen (Favoriten: Elizabeth und George) sowie das Geschlecht des Ungeborenen anzunehmen.

Die königlichen Eltern erklärten hierzu bescheiden, sie würden »diese Entscheidung dem Schicksal überlassen«.

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