Stoß vor S-Bahn Angreifer weiter auf der Flucht
Hamburg - Wie ein Polizeisprecher SPIEGEL ONLINE mitteilte, gebe es zwar etliche Hinweise auf den Gesuchten, konkrete Spuren hätten sich daraus aber noch nicht ergeben. Die Ermittler fahnden nach einem kräftig gebauten, etwa 1,80 Meter großen Mann südländischer Herkunft mit kurzen schwarzen, gegelten Haaren. Sein Alter wird auf etwa 22 Jahre geschätzt. Während der Tat trug er ein weißes Hemd und eine dunkle Hose.
Der erste Fall: Der S-Bahn-Schubser von Hamburg im Mai 2004
Bei dem Vorfall am Morgen des 2.Mai war der Mann am Hamburger S-Bahnhof Reeperbahn mit anderen Fahrgästen in Streit geraten und hatte nur mit Mühe von einer Schlägerei abgehalten werden können. Seine Wut reagierte er stattdessen an einer zufällig vorbeikommenden Frau ab, die er in Richtung der S-Bahn stieß. Die 22-Jährige fiel zwischen Bahnsteig und den gerade anfahrenden Zug. Nur mit Glück konnte ihre Begleiterin sie festhalten und gerade noch rechtzeitig wieder hochziehen. Das Opfer erlitt einen Schock.
Einen wirksamen Schutz gegen solche Attacken gibt es auf deutschen Bahnstationen nicht. "Es kann keine hundertprozentige Sicherheit geben", sagte Egbert Meyer-Lovis, Sprecher der Hamburger S-Bahn-GmbH. Auf den Überwachungsvideos habe man sehen können, dass sich der Mann plötzlich von seinen Begleitern losgerissen habe. "Bei so einer überraschenden Aktion kann man selbst mit Wachleuten, die direkt daneben stehen, nichts mehr machen", glaubt Meyer-Lovis. Man nehme den Fall ernst, es handele sich jedoch um einen "absoluten Einzelfall".
Doch in der Vergangenheit haben sich auf deutschen U- und S-Bahnstationen bereits ähnliche Fälle ereignet - meist mit einem weniger glücklichen Ende: Im Dezember 2002 stieß ein Betrunkener einen 33-jährigen Mann auf die Gleise eines Berliner U-Bahnhofs. Das Opfer verlor beide Beine. Bereits wenige Monate zuvor war eine 24-jährige Frau vor den Zug gestoßen und lebensgefährlich verletzt worden, ebenfalls in Berlin. 2001 hatte ein psychisch gestörter Mann einen Bundeswehrsoldaten angegriffen und ihn auf die U-Bahn-Schienen geworfen. Der Soldat sitzt seitdem im Rollstuhl und verlor zudem bei der Attacke noch einen Arm.
Wie man solche Unglücke verhindern könnte, zeigen die Konstrukteure der neuesten Pariser U-Bahn-Linie 14. Sie haben auf eine technische Innovation gesetzt: Die computergesteuerte Bahn hält hinter Plexiglas-Wänden. Erst wenn die Bahn zum Stillstand gekommen ist, öffnen sich automatisch die Glastüren. Andreas Ernst, Pressesprecher der Hamburger U-Bahn-Gesellschaft, zweifelte allerdings daran, dass ein solches System in Deutschland durchsetzbar ist: "Was macht man zum Beispiel, wenn es im Tunnel oder in der Station brennt?" Möglicherweise zeigten sich dann die Nachteile des Türsystems, wenn es eine schnelle Evakuierung behindere.
Man tue bereits alles mögliche, um die Fahrgäste zu schützen, sagte Ernst gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Unsere Fahrer sind darauf geschult worden, in solchen Fällen schnell zu reagieren." Über Kameras könne zudem nicht nur die Leitstelle der U-Bahnen, sondern auch der Zugführer in seinem Fahrstand die Situation in den Waggons und auf dem Bahnsteig überblicken.
Als weitere Maßnahme habe man die Bahnsteige so gebaut, dass zwischen Bahn und Bahnsteigkante möglichst wenig Raum bleibe. Markierungen an den Bahnsteigen sollen verhindern, dass man sich den Gleisen zu sehr nähere. Gegen den Faktor Mensch - den Stoß eines aggressiven Fahrgastes - sind die Warnlinien freilich nutzlos. Von so mörderischen Angriffen, wie dem in Hamburg, kann man auf diese Weise niemanden abhalten. "Auf den Bahnhöfen", sagte Ernst, "findet sich nunmal der gesamte Querschnitt der Gesellschaft."