Strafbefehl oder Prozess: Witwe Gsell könnte glimpflich davonkommen - DER SPIEGEL
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Strafbefehl oder Prozess Witwe Gsell könnte glimpflich davonkommen

Geht es nach Unrechtsgehalt und Sozialprognose, müsste die "schöne Witwe" Tatjana Gsell für ihren versuchten Versicherungsbetrug mit einem blauen Auge davonkommen. Doch die Öffentlichkeit giert nach einem Prozess, der unbekannte Details über Leben und Lieben der schönen Tatjana ans Licht bringen würde.
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Nürnberg/München - Geht es nach den Vorstellungen der Nürnberger Staatsanwaltschaft, dann wird der Fall der "schönen Witwe" Gsell mit einem Strafbefehl und damit ohne mündliche Verhandlung erledigt. Damit käme Gsell für ihren versuchten Versicherungsbetrug glimpflich davon. Mit einem solchen "Begräbnis zweiter Klasse" kann vielleicht auch das Verfahren gegen Staatsanwalt Stefan M. rechnen, der als Jugendfreund Gsells offenbar das Drehbuch für den Krimi mitschrieb, der seit über einem Jahr die Öffentlichkeit beschäftigt. Die Angelegenheit liegt gegenwärtig beim Justizministerium in München zur Prüfung vor. Innerhalb der nächsten zwei Wochen soll es ein Ergebnis geben.

Zur öffentlichen Person wurde Tatjana Gsell durch die Straftat. Hält der Rechtsstaat es aus, einen Teil der Gründe für die so erzeugte Prominenz in Akten verborgen zu lassen? Das sind wohl die Erwägungen, die derzeit im bayerischen Justizministerium angestellt werden. Wie üblich wird es keine Weisung an die Staatsanwaltschaft in Nürnberg geben, aber bisher hatten ministerielle Ansichten immer eine nicht zu schlagende Überzeugungskraft.

Tatjana Gsell ist nicht vorbestraft und ihre Tat ein Allerweltsdelikt. Aber die Öffentlichkeit verlangt danach zu erfahren, wie es die schöne Gsell schaffte, gestandene Männer zu solchen Dummheiten mit tragischem Ende zu bewegen. Sie will wissen, wie Staatsanwalt M., der Kämpfer gegen Autoschieber, zu deren Kunde werden konnte.

Mittlerweile glaubt die Staatsanwaltschaft Nürnberg die Fakten beisammen zu haben. Danach hatten die 32-jährige Tatjana Gsell und ihr 67-jähriger Mann Franz, ein bekannter Schönheitschirurg, einen fingierten Raubüberfall verabredet. Bei dem sollten für 30.000 Euro die Schlüssel des Mercedes 500 der Frau im Wert von 100.000 Euro an zwei angeheuerte Ganoven übergeben werden.

Die Sache lief aber gewaltig aus dem Ruder: Die "Räuber" hatten das Geld nicht dabei, der "Überfallene" wollte die Schlüssel nicht rausrücken. Es kam zu Handgreiflichkeiten, der alte Mann fiel gegen ein Geländer und landete schwer verletzt im Krankenhaus, wo er ein paar Wochen später starb. Die beiden Männer sitzen inzwischen in Haft.

Am Tatort war - das ist für die Ermittler sicher - der Staatsanwalt Stefan M. aus Hof. Er präparierte die Szene so, dass die Polizei zunächst an einen richtigen Überfall glaubte. Die Fantasie der Kriminalbeamten reichte nicht so weit, dass ein mehrfacher Millionär mit Hilfe eines Staatsanwaltes eine vergleichsweise kleine Gaunerei begehen könnte. Sie glaubte an einen Raubüberfall. Mit allem, was gut und teuer ist, wurden die Ermittlungen geführt, und Tatjana Gsell geriet in den Verdacht, den Tod ihres Mannes in Kauf genommen zu haben. Sie wurde für 173 Tage eingesperrt. Wenig später zog Staatsanwalt M. die Robe aus und landete im Knast.

Übrig geblieben ist von den Vorwürfen nur sehr wenig. Danach hat Tatjana Gsell sich eines versuchten Versicherungsbetruges und des Vortäuschens einer Straftat schuldig gemacht. Ihr Jugendfreund M. war Mittäter. Die Haftbefehle wurden kassiert. Kleinlaut rückte das Nachlassgericht sogar den Erbschein an die Witwe heraus.

Im August kam es zu einer spektakulären "Vorverhandlung" in Königssaal des Nürnberger Justizpalastes. Der Pressesprecher des Oberlandesgerichtes Nürnberg präsentierte den Stand der Ermittlungen, und die Verteidigerriege von Tatjana Gsell sagte, warum alles nicht so schlimm war.

Die Veranstaltung ist ohne Beispiel in der jüngeren deutschen Justizgeschichte. Vom Unrechtsgehalt und der Sozialprognose her müsste die Staatsanwaltschaft in Nürnberg und anderswo mit einem Strafbefehl ohne mündliche Verhandlung eine solche Sache aus der Welt schaffen. Der Justiz erspart es Arbeit, den Beteiligten die peinliche Öffentlichkeit.

Wobei Tatjana Gsell ja eigentlich das schmeichelnde Licht der Kameras und der gedruckten Worte sucht. Sie hat als Witwe das geschafft, wozu sie als Ehefrau vergeblich eine Münchner PR-Agentur angeheuert hatte: Sie ist ein Medienstar. Geschickt hat es die Millionenerbin verstanden, sich aus dem Schatten der Tat zu entfernen. "Vielleicht werde ich eine ähnliche Werbe-Ikone wie Verona Feldbusch. Die ist in dieser Hinsicht mein Vorbild", sagte Gsell jüngst der Münchner Abendzeitung. In einer öffentlichen Verhandlung könnte das Image der schönen Witwe aber hässliche Schrammen bekommen.

Hansjochem Ostermann, ddp