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STARS Streber mit Herz

Mit »Mission: Impossible 2« liegt Hollywoods ewiger Schwiegersohn Tom Cruise im Rennen um Amerikas Sommer-Kinohit vorn - und wirkt plötzlich wie ein cooler Bursche. Von Thomas Hüetlin
• aus DER SPIEGEL 24/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Jedes Jahr, wenn der Sommer nach Amerika kommt, die Klimaanlagen die Büros in riesige Kühlschränke verwandeln und Hitze den Asphalt auf den Straßen zum Schmelzen bringt, beginnt an den Kinokassen der Countdown für jenen Tag, der in der Kinobranche als D-Day gilt: das »Memorial-Day-Weekend«.

An jenem langen Wochenende im Mai sollen die Amerikaner derjenigen ihrer Soldaten gedenken, die im großen Bürgerkrieg starben - und es ist eine Ironie moderner Zeiten, dass ausgerechnet an diesem Feiertag an den Kinokassen die Schlacht um die Filmfans beginnt: große Stars, große Budgets, große Geschichten, in denen meist die Welt vor dem Untergang gerettet werden muss oder wenigstens ein hübsches Mädchen vor den Mächten der Finsternis.

Klar in Führung beim Kampf um den großen Sommerhit liegt Hollywood-Star Tom Cruise mit seinem Film »Mission: Impossible 2«. Mit 71,8 Millionen Dollar sorgte das mit dem schicken Digitalkürzel »M:I-2« beworbene Werk für das zweitbeste Startergebnis aller Memorial-Day-Zeiten - übertroffen nur noch von Steven Spielbergs legendärem »Jurassic Park«.

Cruise, der schon mit dem ersten Teil des Geheimagentenspektakels 1996 über 70 Millionen Dollar verdiente, darf mit einem weiteren Geldregen rechnen. Er ist auch bei »M:I-2« Hauptdarsteller und Produzent, und das bedeutet: garantierte Gage 20 Millionen Dollar plus Beteiligung an der Kinokasse.

Die Millionen sind für den 37-Jährigen schon deshalb wichtig, weil sie signalisieren, dass er weiterhin zur A-Liga der Leinwandhelden gehört - ein Privileg, welches ihm in letzter Zeit abhanden zu kommen drohte, weil er durch seine Mitwirkung an dem Stanley-Kubrick-Film »Eyes Wide Shut« zwar die Zuneigung anspruchsvoller Feuilletons erwarb und für das Melodram »Magnolia« gar mit einer Oscar-Nominierung belohnt wurde. Doch der Applaus vieler Kritiker machte die leeren Säle nicht wett, in denen beide Filme oft spielten. Mit »M:I-2« stand also ein wenig mehr als die Rettung der ganzen Welt auf dem Spiel. Es ging darum, ob Tom Cruise in das grüne Gras von Beverly Hills beißen musste und in Zukunft vielleicht nur noch zehn Millionen Dollar pro Film verlangen durfte.

Schon deshalb war anzunehmen, dass Cruise, der vor seinen künstlerischen Ausrutschern zu »Magnolia« und »Eyes Wide Shut« vor allem durch sehr kurze Beine in sehr engen Jeans, einem Cornflakes-Frühstücks-Lächeln und einer Mitgliedschaft in der Scientology Church aufgefallen war, sich auf seine alte Strebertugend besinnen würde, die da hieß: »Geh absolut niemals ein Risiko ein.« Aber anscheinend genügt es sogar einem wie Tom Cruise auf die Dauer nicht, ein Held für Schwiegermütter und ein Depp für den Rest der Welt zu sein. Und so ist nun das eigentliche Ereignis an »Mission: Impossible 2« die Tatsache, dass Tom Cruise auf einmal als halbwegs cooler Bursche rüberkommt.

Das liegt vor allem daran, dass Cruise als Regisseur einen Mann namens John Woo angeheuert hat - einen Haudegen, der lange Zeit als Choreograf leichenreicher Actionfilme made in Hongkong zwar die Verehrung von jungen Wilden wie Quentin Tarantino genoss, aber in Familienkinos ähnlich beliebt war wie ein Hai an einem Badestrand. Immerhin hatte der Hai Woo in den letzten Jahren mit Filmen wie »Broken Arrow« (mit John Travolta) und »Face/Off« (mit John Travolta und Nicolas Cage) bewiesen, dass er im großen Becken von Hollywood zwar weiterhin gefährlich ist, aber auch Geld verdienen kann.

Seine Vorliebe für Zeitlupenfrequenzen und die Abgründe der menschlichen Seele lassen ihn zum opernhaftesten der derzeitigen Action-Spezialisten werden. Er drehe den Film nur unter einer Bedingung, soll Woo zu Cruise gesagt haben: »Ich will dich nicht so kalt sehen wie im ersten Teil. Ich möchte dich charmant und mit Tränen. Ich will eine bessere Story mit mehr Romantik und mehr Menschlichkeit.« Spiel mir das Lied vom Tod mit Hightech.

Es gibt nicht viele Leute in Hollywood, die eine romantische Agentengeschichte schreiben können - ein Bursche namens Robert Towne konnte es einmal, und dieses Einmal hieß »Chinatown« und hatte ihm einen Oscar eingebracht. Das Dumme war nur, dieses Einmal lag 25 Jahre zurück. Cruise behielt zum zweiten Mal die Nerven. Er fragte Towne trotzdem.

Herausgekommen ist ein Vergnügen, das James Bond samt Pierce Brosnan und seinen BMW Z3 in die kaum verdiente Rente schickt. Wie der englische Geheimagent in den sechziger Jahren das damals fortschrittlich anmutende Gerät zwar beherrschte, aber am Ende in Flammen aufgehen ließ, feiert und zerstört Tom Cruise alias Ethan Hunt das Hightech-Ambiente der Jahrtausendwende. Am Ende, so die Botschaft des Cruise-Teams, hilft dir keine Maschine, sondern nur die Liebe im Kampf Mann gegen Mann.

»Um einen Helden zu schaffen, muss man erst einmal einen Bösewicht kreieren«, lautet der erste Satz in diesem Pop-Epos, und er wird durchdekliniert, egal ob die Action auf dem Wasser, im Feuer oder in der Luft spielt. Ein Geheimagent läuft erst mit einem brillanten Gegner zur Höchstform auf. Er ist das Serum zu einem tödlichen Virus. Von der wechselseitigen Infektion handelt »M:I-2«.

Der Gangster trägt Designerkleidung, wohnt in einem modernistischen Palast an der Bucht von Sydney und plant, mit einem neuen, hochgiftigen Virus die Menschheit zu verseuchen, ehe er ihr für viel Geld die rettende Medizin verkaufen will. Der einzige Weg, ihm auf die Spur zu kommen, führt über seine Ex-Freundin Nyah Hall (Thandie Newton), die ihrerseits längst ein Verhältnis mit Ethan Hunt hat. Als sich Hunt bei seinem Chef beschwert, diese Art Spionage sei eine Schweinerei, weist der ihn zurecht: »Dies ist nicht Mission Kompliziert, Mr. Hunt, es ist Mission Impossible.«

Wenn das Überleben schwer wird, müssen Muster her, die schon in der Vergangenheit den schnellen Tod an der Kinokasse vermieden haben. Bei »Mission: Impossible 2« ist es der Hitchcock-Klassiker »Berüchtigt«, jenes Spionageepos aus der Nachkriegszeit, in dem Ingrid Bergman herausfinden musste, wo in Südamerika untergetauchte Nazis Uran beschaffen, um eine Atombombe zu bauen. Ihr Liebhaber Cary Grant ging damals durch die Hölle, weil er sein Mädchen den Schurken ausliefern musste, um die Welt vor Schlimmerem zu bewahren. Gut 50 Jahre später kann man jetzt Cruise dabei zusehen, wie er versucht, ähnliche Qualen zu leiden.

Leider ist es ihm unmöglich, auch diesen Auftrag noch zu erfüllen, was nicht weiter tragisch ist, denn »Mission: Impossible 2« ist ohne jeden Zweifel das Eintrittsgeld ebenso wert wie das Popcorn, das man während dieser Achterbahnfahrt vor Aufregung durch die Luft schmeißt. »Mission: Impossible 2« bringt das Erbe Hitchcocks mit Explosionen, Karateschlägen, tief ausgeschnittenen Dekolletés und hartem Rock in die Multiplexe.

Manche Leute mögen das bedauern. Allein, lieber mit Donnergetöse überleben, als leise untergehen. Manchmal lassen einem die Verhältnisse keine Wahl. Drehbuchautor Towne ahnte das wohl schon vor 25 Jahren. Damals ließ er die Helden seines bis heute berühmtesten Films angesichts einer schmutzigen Wirklichkeit lässig resignieren - mit den Worten: »Vergiss es, Jake, es ist Chinatown.«

* Links: mit Filmpartnerin Thandie Newton auf derPremierenparty im Mai; rechts: Filmszene mit Ving Rhames.

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