Streitfall: Wer entscheidet über ein krankes Baby? - DER SPIEGEL
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Streitfall Wer entscheidet über ein krankes Baby?

In Großbritannien ist ein Rechtsstreit über einen Säugling ausgebrochen, der mit einem seltenen Defekt geboren wurde. Dem Mädchen fehlen ein Auge, ein Ohr, ein Teil der Nase und eine Seite des Gaumens. Während Ärzte darauf bestehen, das Baby zu operieren, wollen das die Eltern auf keinen Fall zulassen.
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London - Maria Rafi wurde vor drei Monaten geboren. Da war die Familie gerade zu Besuch in Saudi-Arabien. Eigentlich hatte Maria Glück, denn sie war das einzige überlebende Baby von Drillingen. Doch das Mädchen kam mit einem schweren Defekt zur Welt, dem so genannten Goldenhar-Syndrom. In seinem großen runden Babygesicht fehlen ein Auge, ein Ohr, eine Nasenflügel und eine Seite des Gaumens. Besonders die mangelnde Breite des Rachens wird von den Medizinern als Problem gesehen: Sie fürchten, dass das Kind nicht genügend Luft bekommt - und wollen operieren.

Doch die Eltern stellen sich quer. Unter keinen Umständen soll Maria operiert werden, denn, so lautet die Begründung, es sei nicht notwendig. Unter anderem sei das dadurch bewiesen worden, dass das Kind die Heimreise nach Großbritannien per Flugzeug überlebt habe. Und auch jetzt sei es voll lebensfähig. "Mit der Operation ist ein Risiko verbunden", argumentierte die Mutter, Suzanne Taylor. "Ich kann nicht zulassen, dass meiner Tochter das angetan wird, wenn es nicht wirklich nötig ist."

Das Krankenhaus in Newcastle, wo das Mädchen derzeit behandelt wird, sieht das anders. Damit das Kind besser atmen kann, soll die Luftröhre punktiert werden, erläutert Klinikchef Len Fenwick. Daher leiteten die Ärzte rechtliche Schritte gegen die Familie ein. Per einstweiliger Verfügung untersagte ein Gericht den Eltern, Maria mit nach Hause zu nehmen. Das Baby wurde sogar unter Polizeischutz gestellt.

Richard Nicholson, Herausgeber eines britischen Fachmagazins für medizinische Ethik, unterstützte dagegen die Haltung der Mutter. Das Baby habe eine Flugreise von Saudi-Arabien nach England überstanden und damit bewiesen, dass die Operation nicht lebenswichtig sei. Sie diene vielmehr dem Zweck, die Pflege des Kindes zu erleichtern. Deshalb müsse bezweifelt werden, dass es ethisch vertretbar sei, die Eltern von ihrem Kind abzusondern: "Kinderärzte müssen die ganze Familie im Auge haben, nicht nur das Kind", sagte Nicholson.