Stummer Protest - DER SPIEGEL
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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Stummer Protest

Warum ein 16-jähriger Inder dem Gott Shiva seine Zunge opferte
• aus DER SPIEGEL 33/2008
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am Ende seiner Reise steht der Junge vor dem Trinath Tempel in Rourkela. Zehn Wochen hat er gebraucht für die 300 Kilometer bis hierher, mit jedem der vergangenen Tage wuchs seine Entschlossenheit, nun wird ihn der Mut nicht mehr verlassen.

Jetzt wird er es allen zeigen, seinem Vater, seiner Familie, den Nachbarskindern, der ganzen Welt. Er, Aswini Patel, 16 Jahre alt, aus dem zentralindischen Dörfchen Padaria.

An dem Tag, an dem er aufgebrochen war, hatte es mal wieder Streit gegeben, mit seinem Vater, einem Lebensmittelhändler. Aswini hatte einen Mathe-Test nicht bestanden. Sein Vater tobte. »Aus dir wird nie etwas!«

Aswini ist ein stiller Junge, kräftig, aber mit babyhaften Zügen, daran ändert auch der allmählich wachsende Flaum über der Oberlippe nichts. Ein Einzelgänger, bei den Nachbarskindern nicht sehr beliebt. In der Schulhof-Hierarchie steht er, einer der Ältesten und Kräftigsten, ganz unten.

Es ist Anfang Mai, über 40 Grad heiß, und wenn nicht bald der Monsunregen einsetzt, dann wird die Ernte schlecht, der Vater muss die Lebensmittel für den Laden teuer einkaufen, kann vielleicht das Schulgeld nicht mehr bezahlen. Der Junge soll doch eine gute Ausbildung bekommen, er soll es besser haben später, vielleicht Mechaniker werden oder Beamter. Aswini soll sich anstrengen, findet der Vater, verflixt noch mal.

Aswini aber hat genug von den Vorwürfen, dass er dumm sei und faul. Alle erwarten etwas von ihm, keiner fragt, was er denn gern möchte. Er denkt, was Millionen Teenager auf der ganzen Welt denken.

An diesem Tag beschließt er, dass niemand ihm mehr sagen soll, was er tun und lassen soll. Nur noch den Göttern will er gehorchen.

Shiva, dieser mächtige, tanzende Gott mit seinen vielen Armen, fasziniert ihn am meisten. Besonders beeindruckt ihn die Geschichte, wie Shiva versehentlich dem Jungen seiner Frau den Kopf abschlug. Auf ihr Flehen hin pflanzte er dem Kind einen Elefantenkopf auf und erweckte ihn so wieder zum Leben - der Gott Ganesha war geboren.

Auch sein Vater soll Reue empfinden, denkt sich Aswini.

Er packt eine Tasche, Hemd, Kamm, Rasierer, und verschwindet, ohne sich zu verabschieden. Marschiert in die nächste Stadt, nach Champa. Dort steigt er in den Zug Richtung Osten, raus aus dem Bundesstaat Chhattisgarh.

Aswini hat keine Fahrkarte und immer Angst vor dem Schaffner. Er wechselt die Züge, fährt immer nur kleine Etappen, schlägt sich durch mit Betteleien, die Zeit vergeht. Wenn er einen Tempel sieht, bittet er um Essen. Die Priester bieten ihm eine Ecke zum Schlafen an. Niemand fragt, wer er ist und wohin er will.

Es ist Mitte Juli, der Monsun hat eingesetzt, heftige Gewitter, die Straßen sehen aus wie kleine Bäche. Der Regen kühlt, Aswini fühlt sich frei, seinem Gott Shiva nahe. Er hat einen Plan. Er wird ein Opfer bringen, eines, das Shiva gefällt - und das ihn, den unscheinbaren Jungen, erhebt über die anderen.

In Rourkela steigt er aus. Die Stadt, umgeben von Hügeln und Flüssen, gefällt ihm. Direkt gegenüber dem Bahnhof entdeckt er den Trinath Tempel, ein kleines Gebäude aus grauem Stein, in dem eine graue Shiva-Statue steht.

Er kramt seinen Rasierer aus der Tasche, löst die Rasierklinge und geht mit wackligen Beinen zum Tempel. Er hat seit ein paar Tagen nur wenig gegessen, es wird Zeit, dass er wieder nach Hause geht. Jetzt ist die Gelegenheit, die Reise mit einem Knall zu Ende zu bringen.

Am Eingang des Tempels bleibt er stehen. Er erblickt die kleine, steinerne Shiva-Figur.

»Lord Shiva!«, murmelt Aswini.

Er streckt seine Zunge heraus, packt sie mit der linken Hand. Ein Schnitt.

Er legt sein Opfer neben die Gottesstatue, stolpert rückwärts aus dem Tempel. Er brüllt vor Schmerz. Die Frau des Priesters sieht ihn, sie schreit, der Priester läuft herbei und entdeckt das blutige Etwas neben der Figur, er ruft die Polizei.

Aswini sackt vor dem Tempel zusammen. Sein Mund ist rot vor Blut, das lockt die Fliegen an.

Der Polizist bringt den Jungen ins Rourkela Government Hospital. Ein Arzt operiert ihn sofort. Das abgetrennte Stück lässt sich nicht wieder annähen.

Am Tag nach der Operation hält der Inspektor dem Jungen ein Blatt Papier und einen Stift hin. Wie er heiße und woher er komme, will er wissen. Aswini schreibt. Seinen Namen, seine Adresse. Er macht sich älter, man soll nicht wissen, dass er erst 16 ist. Dann schreibt er die Handy-Nummer seines Vaters auf.

Der Vater kommt einen Tag später in Rourkela an, der Inspektor erzählt ihm, was passiert ist. Der Vater umarmt seinen Sohn. Er schimpft nicht, fragt nichts.

»Verrückter Junge«, sagt er nur. Und: »Wird schon wieder.«

Auf dem Weg zum Zug zurück nach Champa kauft er seinem Sohn noch eine Plastiktüte voller Medizin. Die Ärzte sagen, dass Aswini bald wieder sprechen wird, die Reste seiner Zunge werden sich umgewöhnen, der Mensch kann lernen, mit seinen Wunden zu leben. Es wird aber ein paar Monate dauern. HASNAIN KAZIM

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