Sturmschäden: Zehntausende Menschen ohne Strom - DER SPIEGEL
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Sturmschäden Zehntausende Menschen ohne Strom

Abgeknickte Strommaste, entwurzelte Bäume, Blitzschläge: Orkan "Kyrill" hat allein in Deutschland elf Menschen in den Tod gerissen. Noch immer herrscht Chaos, die Stromversorgung Hunderttausender Haushalte wurde gekappt.
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Hamburg - "Kyrill" hat durch umgeknickte Strommaste, Blitzschläge und umgekippte Bäume Hunderttausende Deutsche zeitweise von der Stromversorgung abgeschnitten. Vor allem Ostdeutschland war von den Blackouts betroffen. Allein in Brandenburg fiel der Strom bei über 150.000 Haushalten aus. "Es sind immer noch knapp 60.000 Haushalte ohne Strom", so Hans-Werner Meienberg, Leiter des Lagezentrums für Brand- und Katastrophenschutz in Potsdam. Auch in Sachsen-Anhalt, Thüringen, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern saßen ganze Ortschaften ohne Strom da.

Bei Magdeburg stürzten mehrere Strommasten um: Die Reparaturarbeiten laufen auf Hochtouren

Bei Magdeburg stürzten mehrere Strommasten um: Die Reparaturarbeiten laufen auf Hochtouren

Foto: DPA

Laut der RWE-Tochter Energy kam es auch in Nordrhein-Westfalen, Hessen, Bayern und dem Saarland zu Stromausfällen. Auch am Morgen verzeichnete der Konzern einzelne Ausfälle. Die Strommasten hätten dem Sturm aber standgehalten. Rund 270.000 Menschen in Baden-Württemberg saßen wegen umgestürzter Bäume im Dunkeln. Meist hätten die Ausfälle jedoch nicht mehr als eine Stunde gedauert. Eine Schadenssumme stehe noch nicht fest.

In Sachsen waren zeitweise bis zu 41.000 Haushalte ohne Elektrizität. In Sachsen-Anhalt war das genaue Ausmaß dagegen zunächst noch unklar. "Wir hatten im ganzen Land größere Stromausfälle", sagte die Sprecherin des Lagedienstes im Innenministerium in Magdeburg. Ausfälle gab es auch in Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern. Im Norden hielten sich die Schäden nach Angaben der Behörden in Grenzen.

Auch in Rheinland-Pfalz kam es laut Innenministerium zu teils länger andauernden Stromausfällen. Davon war auch für rund zwei Stunden das Krankenhaus in Linz (Kreis Neuwied) betroffen, das allerdings die Zeit mit Notstromaggregaten überbrücken konnte.

Spezialisten der Energieversorger begannen noch in der Nacht mit ersten Reparaturarbeiten. In den Lagezentren wurde damit gerechnet, dass die meisten betroffenen Haushalte noch im Laufe des Tages wieder versorgt werden könnten. Rund 5500 Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerkes waren in der Orkannacht bundesweit im Einsatz, um die Notstromversorgung zu sichern und Bäume zu beseitigen.

Ein 27 Jahre alter Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks (THW) wurde bei Aufräumarbeiten auf der Autobahn 63 im Kreis Alzey-Worms schwer verletzt. Der Mann erlitt Knochenbrüche und Prellungen, als er nahe Erbes-Büdesheim von einem Lastwagen erfasst wurde.

In Deutschland kamen insgesamt elf Menschen durch den Orkan ums Leben. In Nordrhein-Westfalen starben fünf Menschen: Ein 22-jähriger Autofahrer starb im sauerländischen Finnentrop, als er mit seinem Wagen auf einen umgestürzten Baum prallte. Bei den weiteren Todesopfern handelt es sich um eine 23 Jahre alte Autofahrerin in Lippstadt, einen 34-jährigen Motorradfahrer in Essen-Renninghausen sowie zwei 39 und 50 Jahre alte Feuerwehrmänner im Einsatz in Tönisvorst und Düren. Verletzt wurden in NRW nach der vorläufigen Bilanz 130 Menschen, vier davon schwer.

Im niedersächsischen Hildesheim wurde ein Pkw von einem umstürzenden Baum getroffen. Dabei starb ein Mann. In Großrodensleben (Sachsen-Anhalt) starb ein Mann, als in einer Gaststätte eine Wand auf ihn stürzte. In Strausberg bei Berlin wurde ein 25-jähriger Autofahrer getötet, als ein entwurzelter Baum auf seinen Pkw stürzte.

Mit bis zu 202 km/h fegte "Kyrill" über Deutschland

In München wurde ein 18 Monate altes Baby von einer Terrassentür erschlagen, ein 73-Jähriger im Landkreis Augsburg von einem herausgerissenen Scheunentor erdrückt. Ein Mann starb bei einem Verkehrsunfall in Heidelberg (Baden-Württemberg), als er einem umstürzenden Baum ausweichen wollte und dabei frontal auf ein entgegenkommendes Fahrzeug prallte.

Die stärksten Böen wurden auf dem Wendelstein in Bayern gemessen, sie erreichten eine Stärke von 202 Kilometern in der Stunde. Auf dem Brocken im Harz wurden 198 km/h gemessen, auf der Zugspitze 176 km/h sowie je 172 km/h auf der Wasserkuppe und dem Fichtelberg.

Forstverwaltungen warnen bundesweit vor Spaziergängen im Wald. Dort bestehe Lebensgefahr, weil weitere Bäume umstürzen und Äste herabfallen könnten. In Nordrhein-Westfalen ordnete die Forstverwaltung ein Betretungsverbot für die Wälder an.

Schreckensbilanz auch in Nachbarländern

Allein auf den britischen Inseln riss "Kyrill" mindestens zehn Menschen in den Tod, andere Quellen sprachen von zwölf Toten. In Zehntausenden Haushalten brach die Stromversorgung zusammen. Nach Angaben des Stromkonzerns EDF waren heute Morgen auch in der nordfranzösischen Küstenregion Nord-Pas-de-Calais noch rund 15.000 Haushalte ohne Strom. Gestern waren es teils bis zu 100.000 gewesen. Drei Menschen kamen in den Niederlanden, zwei in Frankreich ums Leben. In Österreich konnte eine Frau aus ihrem völlig zerstörten Haus gerettet werden.

In Polen kostete "Kyrill" laut Feuerwehr sechs Menschen das Leben. In Kattowitz kam ein Kranführer ums Leben, im Westen des Landes wurde ein Lkw-Fahrer von einem umstürzenden Baum getötet. Mehr als 20 Menschen wurden verletzt, darunter sechs Feuerwehrleute bei insgesamt 5700 Einsätzen. Zehntausende Haushalte hatten keinen Strom, bei vielen Zugverbindungen gab es Verspätungen.

Die Behörden in Tschechien meldeten drei Tote: zwei Autofahrer und einen Mitarbeiter der Rettungskräfte. Die Windböen erreichten Geschwindigkeiten bis zu 180 Kilometern pro Stunde, auf zahllosen Straßen lagen umgestürzte Bäume. Der Stromversorger CEZ berichtete, mehr als eine Million Haushalte hätten keine Elektrizität gehabt.

Im österreichischen Braunau wurden nach Angaben des Fernsehsenders ORF zwei Personen von herabfallenden Ästen schwer verletzt. In Oberösterreich wurden den Angaben zufolge Böen mit knapp 150 Kilometern pro Stunde registriert. Rund 100.000 Haushalte hatten keinen Strom. In Salzburg mussten Zugreisende Richtung Deutschland die Nacht auf dem Bahnhof verbringen. Die Schweiz kam ohne Verletzte oder größere Schäden davon.

jjc/Reuters/AP/AFP