Südsee-Romantik Alfred und die Bombe
Der lange Weg von Alfred Redmann geht zu Ende. Die schlimmen Träume werden weniger. Das Paradies ist schon zu sehen.
Jeden Morgen um vier schlägt Alfred Redmann die Augen auf und spürt die Verheißung. Warm ist es, das Laken ist nur Schutz vor den Geistern, die ihn manchmal noch anfliegen. Er wirft es zur Seite, geht ein paar Schritte hinaus durch die immer offene Tür zur Terrasse, und da liegt vor ihm, im hellen Mondlicht, sein Glück, sein Vorgarten von Eden. Die Bucht von Haamene auf Taha'a, Insel unter dem Wind, ein knappes Etmal nordwestlich von Tahiti.
Jeden Morgen staunt er hier über die Welturaufführung. Seiden umhüllt ihn die duftende Luft der Südsee. Er wölbt seine Brust, atmet tief davon ein. Hinter ihm, hinter seinem Haus, über der Anhöhe, färbt sich jetzt der Himmel in sattem Orange-Violett, gegen das überscharf die Scherenschnitte von hoch ragenden Kokospalmen stehen. Der erste Hahn kräht von fern. Über den Hügeln auf der anderen Seite der Bucht zieht ein Gewitter ab.
Alfred Redmann, 68 Jahre, ist ein stattlicher Mann. Kräftiger Körper, starke Arme, sehnige Beine, kein überflüssiges Gramm an ihm, Brust raus, Bauch rein! seine ständige Haltung. Kein Haar fehlt auf dem Kopf. Sein scharf geschnittenes Gesicht hat feine Züge, auch jetzt am Morgen wirkt er wie frisch rasiert. Die Zähne leuchten hell wie die Tiaréblüte. Gekleidet ist er in der Uniform der Südsee: Shorts und T-Shirt. Wenn er spricht, sprudelt es in einem seltsamen Gemisch aus altem Brandenburgisch und Armeefranzösisch. Stakkato wechselt mit gedehnten Silben, wenn er etwas Wichtiges sagt, die Gedanken wie der Körper immer auf dem Sprung.
Er schaut auf sein Land. Mit wachen Augen versichert er sich seines Vorhandenseins. Eine Angewohnheit seit seinem ersten Zyklon. Die große Vanilleplantage links unter den Schattennetzen. Vor ihm, unten an der silbernen Lagune, Schuppen, Werkstatt, Büro und der kleine Vanillegarten. Rechts von seiner Loge der Hang mit den bananiers, manguiers, citronniers, den uru und noni des Selbstversorgers und natürlich den unerlässlichen Frangipani und Tiare. Die Lagune murmelt herüber. Und auch Elvina, seine polynesische Frau, im Schlafzimmer. Er ist ihr zu früh.
Er war ihr immer zu früh, bei aller Liebe. Schon vor 21 Jahren, als es mit ihnen begann. Als er noch das kleine Bauunternehmen hatte, auf Bora Bora. Da war er schon immer der Erste auf der Baustelle, belustigte alle mit seinem Fleiß und Pflichtgefühl. Seither nennen sie ihn hier le Prussien, den Preußen. Das liegt ihm im Blut, er kennt es ja nicht anders. Schon von seiner Jugend an kennt er es nicht anders.
Im pommerschen Stargard wird er geboren, im April 1935, als Drittältester von sieben. Der Krieg verschont seine frühe Kindheit. Er erlebt sie in maßvollem Glück. Seinen Vater sieht er höchstens, wenn er von der Front auf Urlaub ist, und die Mutter hat viel um die Ohren. Alfred hält sich an den Großvater, er ist Schweinemeister auf einem großen Junkergut und ein Freund der Natur. Nimmt den geliebten Enkel mit auf ausgedehnte Gänge durch die Wälder. Lange geht das ja nicht mehr gut, sagt ihm der Großvater damals öfter. Die Rote Armee kommt ja immer näher. Die Redmanns verziehen sich nach Eberswalde, Brandenburg.
Als der Russe da ist, ändert sich das Leben von Alfred Redmann auf einen Schlag. Kein Stromern mehr im Wald, er muss jetzt in die Schule im Eberswalder Westend, lernt, was Großvater ihn nicht lehrte, und er lernt Russisch. Die Sprache der strahlenden Zukunft, die sich erst in den Reden, dann in den Köpfen immer breiter macht. Die Sorgen werden verdrängt, wie die Schrecken des Krieges. Redmann lernt schnell. Im Eberswalder Kranbau hilft er mit am besseren Deutschland, geht in die Maurerlehre. Die Hoffnungsfreude des Aufbruchs gefällt ihm, die zarte Pflanze muss beschützt werden. Der Geselle schreibt sich ein bei der Kasernierten Volkspolizei, dem Vorläufer der NVA, lässt sich zum Unteroffizier drillen.
Ist ja alles anders gekommen. Aber damals, da war das aufregend. Bei den russischen Offizieren hatte ich einen Stein im Brett. Ich dolmetschte, und dafür kriegte ich Lebensmittel. Hat mir an nichts gefehlt, und für meine Familie blieb auch noch einiges. Aber dann sind uns die Bolschewiken nur noch auf der Nase rumgetanzt. Erst war alles druschba, und am Ende waren sie die Herren im Haus.
Seine beiden älteren Schwestern schicken ihm Briefe in die Angermünder Kaserne. Aus Wanne-Eickel, Ruhrpott. Sie sind schon '53 über die Grenze, sie mussten ja nur die Straßenseite wechseln. Sein Politoffizier lässt ihn eine Stunde strammstehen, bevor er daraus vorliest. Fragt ihn, was man davon denn zu halten habe. Kein Schlangestehen nach Nahrungsmitteln, schreiben sie, alles da, und weniger Gängelei und Vorschriften, komm doch auch.
Alfred Redmann ahnt, es wird nichts mit dem Offizierslehrgang. Nichts mit der strahlenden Zukunft, nicht hier. Er liest jetzt viel, ist Stammkunde in der Regimentsbibliothek. Abenteuerbücher, Reiseberichte, Afrika, Fernost, er träumt sich aus der Klemme, in der er nun steckt. Ein Buch liest er mehrere Mal: In der Fremdenlegion, der Bericht dreier deutscher Söldner, die im Indochina der Franzosen aus Ho Chi Minhs Fängen entrinnen. Was für ein Buch! Abenteuer, Mutprobe, Kameradschaft, Fallschirmspringen. Parachutiste, das ist es. Das will er werden, wenn er hier wegkommt. Wenn nur Heidi nicht wäre, die schöne stolze Unteroffizierin, seine große Liebe. Aber auch sie schneidet ihn, seinen Westkontakt nimmt sie ihm übel. Was kann er dafür?
Im Frühjahr '56 geht er. Packt einen Koffer, nicht mehr, sieht sich nicht um, nicht nach den Eltern, seinen Geschwistern. Du bist ja eh bald zurück, sagen sie. Er fährt mit dem Zug nach Bonn, weiter nach Düren, Arbeit gibt es überall. Dann nach Wanne-Eickel zu der einen Schwester, dann nach Herne. Fährt Laster, malocht untertage als Gleisbauer. Aber ein Abenteuer ist es ihm nicht.
Bei einem Bier kommt er mit Willi Bauer ins Gespräch. Das Buch aus der Regimentsbibliothek, Willi hat es auch gelesen. Fremdenlegion, das Wort wird ihnen magisch. Sie werden sich einig: Wir gehen gemeinsam. Im Herbst '57 brechen sie auf: nach Saarlouis, hier gibt es eine Anlaufstelle. Dann über Metz nach Straßburg. Inscription. Hier beginnt der Ernst. Untersuchung, Tauglichkeit, Befragung, Vorstrafen. Hier wird kein Auge zugedrückt. Kleine Dummheiten gehen in Ordnung, aber Verbrecher haben keine Chance. Wehrmacht, ja, SS auch, viele Russen, Polen, Belgier, Dänen, Tschechen, Titics - Jugoslawen -, Spaghettis. Sind alles gute Soldaten, können ja nichts anderes, den Krieg haben sie bewältigt, aber den Frieden, den nicht.
Legio patria nostra, die Legion ist unser Vaterland. An Nikolaus '57 unterschreibt Redmann für fünf Jahre. Seine matricule: 120083. Er kommt nach Marseille. Sein erster Spieß, "Gaston", ist deutscher Pole. Hat im Krieg schon den Gefreiten Karol Wojtila gescheucht, der ist aber später Papst geworden. Sie gewöhnen sich an Hitze, mörderischen Drill, harte Strafen für geringste Vergehen. Légionnaire 2ème classe Redmann steht das alles durch. Dann geht es in den Krieg nach Algerien, zum 5ème R.E., dem traditionsreichen 5. Regiment von Tonkin. Die fürchterliche Angst vor Überfällen, die mörderischen Angriffe, die Redmann erlebt, nachdem er vom Himmel gefallen ist, die Gräuel. Aber er kommt zurecht in Sidi Bel-Abbès, viele andere nicht. Sie desertieren oder betteln bei den Colonels um vorzeitige Entlassung. Caporal Redmann steht das alles durch.
Lesen Sie weiter in Teil zwei: Alfred Redmann bekommt ein ungewöhnliches Angebot: Er soll Frankreichs Atombombe bewachen
Legio patria nostra. Der Entwurzelte wird neu eingepflanzt, die neue Erde wird ihm zum Halt. So erbarmungslos der Krieg auch ist, nicht alles hier ist übel. Alle sprechen Deutsch, sind ja zu drei Viertel Deutsche hier. Ossitzky, Kramer, Neidhard, alles seine Freunde, auch seine Unteroffiziere und manche Offiziere. Der Sold ist mehr als genug in Sidi Bel-Abbès, dem alten Quartier der Legion in Algerien. Die Kameraden, die wilden Absprünge hinter den Linien, die Gelage im pot, dem Mannschaftskasino, die Besuche im Freudenhaus. Bloß der Springerunfall, der war schlimm. Kracht aus 40 Metern in die Dünen am Mittelmeer, vierfacher Beckenbruch. Und die entsetzlichen Albträume nach den Einsätzen. Caporal-Chef Redmann steht das alles durch.
Nein, Algerien, das war kein Krieg. Das war ein Massaker! Wir wollten sie doch nur beschützen vor den FLN-Rebellen. Das Öl hat uns ja nicht interessiert, die Bombe schon gar nicht. Die Bauern, die Harkis, alles unsere Freunde, die Pieds-noirs, Algerienfranzosen, sowieso. Nur die Rebellen, die kannten keine Gnade. Haben alles niedergemacht, das schöne blühende Land. Haben uns rasiert, wo sie nur konnten. Und wenn nicht uns, dann nahmen sie die Frauen und Kinder, die haben aufgeschlitzt, was sie vors Messer bekamen. Und was machen wir? Graben die halbe Kabylei um. Trotzdem, wir hätten Algerien nicht verloren. Wenn uns de Gaulle in Evian nicht verraten hätte, wir hätten Algerien nicht verloren.
1962, gegen Kriegsende, wird er zurückgeholt nach Frankreich. Er wird Sergent und bildet aus, das gibt eine hübsche Zulage. Er gewöhnt sich an Frieden, braust mit seinem Alfa über die Corniches der Côte d'Azur. Der Junggeselle Redmann hat ein schönes Leben. Bald ist sein Dienst zu Ende; er überlegt sogar, mit seinem Bruder in Deutschland eine Hühnerfarm aufzubauen. Aber seine Offiziere wollen ihn behalten, er soll seine Verpflichtung verlängern. Da kommt er ins Wanken. Der Kommandeur hat ein As im Ärmel: Tahiti. Das Paradies, sagt er, und der Sergent-Chef, der Feldwebel, ist auch noch drin. Und braucht er nicht noch paar Jahre für den Anspruch auf Rente? Naturalisierter Franzose ist er ja schon. Was er dort tun soll? Die Bombe. Er soll Frankreichs Atombombe bewachen.
Legio patria nostra. Mit dem Flugzeug kommt er an einem Herbsttag 1963 in Tahiti an. Keine Sekunde reut er seinen Entschluss. Er ist überwältigt von der Schönheit der Insel am anderen Ende der Welt, der Menschen, ihrer Heiterkeit, den Farben, dem leichten Leben in den sanften Winden. Keine Zeit. Er wird einer Pionierkompanie des 5ème R.E.I. im Camp von Arue, einer Nachbargemeinde von Pape'ete, überstellt. Nun erfährt er, was zuerst zu tun ist. Der gelernte Maurer Redmann soll hier bauen. Alles, was man für einen Atombombentest in der Südsee benötigt.
Nach zwei Monaten geht es weiter. Mit der Vorhut kommt er auf der "Francis Garnier", der zum französischen Truppentransporter gewordenen Privatyacht Mussolinis, nach drei Tagesreisen am Ziel an: Moruroa, "großes Geheimnis" in der Sprache der Einheimischen.
Das Atoll in der einsamen Weite des Südpazifiks, 1200 Kilometer von Tahiti entfernt, ist von sprachlos machender Anmut. Ein zartes Oval im Tintenblau, 60 Kilometer rosaweißes Riff mit Palmen, keine 300 Meter breit, eine makellose Lagune mit Wolken aus schimmernden blauen und grünen Korallen, unzählige tropische Fische. So schön hat Redmann es sich nicht ausgemalt. Das Paradies ist ihm ganz nah.
Er spuckt in die Hände. In zwei Jahren muss alles fertig sein. Zuerst bauen sie den Hafen an der Ostseite des Atolls, Zement und Moniereisen kommen mit Schiffen aus Pape'ete, sie müssen oft improvisieren. Eine Einheit planiert nordöstlich eine Landebahn für die Noratlas-Transporter, die dann immerfort Material einfliegen. Bald fehlt es an nichts mehr. Unterkünfte für Soldaten, Zivilisten und Geheimdienstler, Wachen, Stromzentrale, Kasino, die pots und das Freudenhaus im Norden, das Laborgelände im Westen, die Pisten für die Jeeps. Redmanns Auftrag ist es, Leitungsschächte für die Stromversorgung zu ziehen. Die ersten Ingenieure und Wissenschaftler des CEP, des Centre d'expérimentation du Pacifique, beziehen die Baracken auf dem Atoll. Das blockhaus, der gewaltige, fensterlose Betonbunker, ist bald fertig. Fremd wie ein kultisches Bauwerk liegt es in der soupe de corail, der gebrochenen Koralle. Hier wird der Befehlsstand eingerichtet. Die Kabel der Sonden, Messgeräte, Kameras laufen hier zusammen. Die Plattform für die Bombe in der Mitte der Lagune wird zusammengeschweißt. Die Pioniere arbeiten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. De Gaulle will bald inspizieren. Der Ersatz für das verlorene Testgelände in der algerischen Wüste will den Bedenken und Warnungen der Wissenschaft, will allen lokalen, nationalen und internationalen Protesten trotzen, will sich dem Verzicht der Nuklearmächte auf atmosphärische Tests von 1963 widersetzen. Die force de frappe muss kommen.
Angst hat Alfred Redmann nicht. Die Offiziere und Techniker beruhigen Soldaten und Zivilisten. Die Bombe ist ganz anders als die der Amerikaner auf Bikini vor 20 Jahren, viel moderner, ohne Risiken, sagen sie. Redmann versteht nicht, was ein Wissenschaftler ihm nach Feierabend an der Tafel über die Physik erklärt. Muss er auch nicht. Es gibt keine Gefahr. Angst hat also Sergent-Chef Redmann nicht.
Lesen Sie weiter in Teil drei: Die Franzosen zünden die Bombe - doch der Wind trägt die Wolke in die falsche Richtung
Am 2. Juli 1966 zünden die Franzosen die erste Bombe. De Gaulle lässt melden, er komme später, aus Sicherheitsgründen. Am 10. September stehen Fremdenlegionäre Spalier für den Alten. Der Wind kommt ungünstig von Südost, sie müssen verschieben. Der Präsident ist unzufrieden, er hat wenig Zeit und drängt. Am 11. zünden sie die Bombe; der Südoster trägt die Wolke in Richtung der bewohnten Inseln.
Später wechselt das CEP die Versuchstechnik. Neue Abläufe müssen eingeübt werden. Die Legionäre breiten eine riesige Gummihaut auf dem Startplatz aus. Auf ihren Transportbehältern steht "Ballonfabrik Augsburg". Das Gas steht bereit, den schweren Sack zu füllen. Als er sich bläht, wird eine unscheinbare Kiste von knapp zwei Meter Kantenlänge aus Aluminium in eine Tragvorrichtung geklinkt, die Attrappe der Bombe. Redmann hält mit seinen Leuten die Tragseile. Am nächsten Tag soll der Ballon von seinen Fesseln befreit werden, der Sprengsatz dann in 400 Meter Höhe über dem point zéro gezündet werden. Die Legionäre haben alles im festen Griff, der Test für den Test geht glatt.
Es war noch hell, als wir uns am Anleger sammelten und das letzte Schiff bestiegen. Alle gingen wir an Bord, nur die Wissenschaftler und ein paar Wachen sollten im blockhaus bleiben. Dann legten wir ab. Ein paar Stunden fuhren wir nach Norden, etwa 30 Seemeilen, dann drehten wir bei, die Maschinen stoppten. Uns war feierlich zumute in der Nacht, und wir machten natürlich Witze, wegen unserer Aufgeregtheit. Alle suchten sich beizeiten einen guten Platz an Deck. Schwarzglasbrillen wurden verteilt, war freiwillig. Die, die nicht wollten, sollten sich, wenn es soweit war, umdrehen und den Kopf auf die Brust senken. Ich hatte kein Glas, brauchte ich nicht. Im Sonnenaufgang sahen wir den Ballon schon über der Lagune stehen. Um neun Uhr kamen die Befehle über die Bordlautsprecher. Ich drehte mich um, schaute noch mal über die Schulter, konnte die Bombe aber in der Eile nicht sehen, dann begann das Runterzählen. Bei Null gab es einen Donnerschlag, war gar nicht so laut, dann sofort der Lichtblitz, weißer als weiß, sogar durch die geschlossenen Augen, und nach zwei Sekunden die Druckwelle, die mich nach vorne schubste. Ich musste einen Schritt machen. Fini. Wir drehten uns um, und neben der Sonne sah ich den Pilz wachsen, im Innern glühte es rot. Dann begann das Wasser um das Schiff zu kochen. Enorm. Wir blieben noch drei, vier Stunden, dann fuhren wir zurück. Der Pilz war da schon längst weg. Am Nachmittag gab's eine Feier, da haben wir uns einen gezwitschert, bis spät in die Nacht.
Aber es gibt bald Probleme, und sie kommen übers Meer. Seit Frankreich am Pazifikhimmel seine neue Sonne strahlen lässt, werden die Proteste drängender, die diplomatischen Noten schärfer. Redmann ahnt, dass sie sich anderen Aufgaben zuwenden müssen, als alle paar Wochen das Urfeuer zu entzünden.
1969 bekommt er eine neue Order. Er soll mit einem Prisenkommando die Schiffe von Atomgegnern fernhalten von Moruroa und Fangataufa; auf dem Nachbaratoll hatte seine Kompanie dem CEP inzwischen ein zweites Testgelände hingeklotzt, damit die Zahl der Versuche erhöht werden kann.
Einmal, 1972, rammt Redmanns Kreuzer ein kalifornisches Segelschiff von Protestierern. Sie schleppen die manövrierunfähige Zwölf-Meter-Ketsch nach Moru- roa und internieren die Crew im Camp. Der Fremdenlegionär versteht nicht ihre Weltanschauung, ihre Lebensweise, ist angewidert von dem bunten Chaos auf dem Schiff. Der Skipper fällt Redmann auf: David McTaggart, ein Selfmade-Millionär und Umweltschützer; er hatte seine "Vega" kurz zuvor in "Greenpeace III" umbenannt.
Der verdiente Soldat Redmann darf nun in die Etappe. Reist in seiner Freizeit von einer Insel zur andern; die Liebe zu Tahiti wächst mit der Distanz zu seiner Kaserne. In einem Urlaub in Pape'ete lernt er Tauea kennen; auch diese Liebe wächst, zum ersten Mal denkt Redmann an Hochzeit.
An einem Herbstmorgen 1973 wird er zum Kompaniechef, Capitaine Schmidt, befohlen. Es geht um die Zukunft. Seine Zeit in Tahiti geht zu Ende; für eine weitere Verpflichtung müsste er zurück nach Europa. Aber dort würde er nicht erwartet. Und er weiß, wie eintönig das Leben als Ehemaliger in Frankreich sein würde. Und auch, dass es in der Provence ziemlich kühl sein kann. Wie sollte er Tauea sagen, dass sie weg sollen von hier? Sie würde das nicht überstehen. Und er auch nicht.
Legio patria nostra. Aber alles hat ein Ende. 16 Jahre sind genug, genug für eine hübsche Pension, genug für eine Familie in Polynesien. Wieder packt er seinen Koffer, nur einen, sieht sich noch einmal um im Camp Arue und besteigt in Pape'ete das Schiff, das ihn nach Bora Bora bringt. Für ihn ist sie die schönste aller Inseln, und genug zu tun gibt es hier, seit der Flughafen in Pape'ete reichlich Touristen anlanden lässt. Er liest noch in der Dépêche de Tahiti, dass Neuseeland ein Kriegsschiff entsendet, Peru die Beziehungen zu Frankreich abbricht und Giscard d'Estaing ankündigt, es werde nur noch unterirdische Tests auf Moruroa geben. Haben sich die Bolschewiken wieder durchgesetzt, denkt Redmann.
Er gründet eine Bauunternehmung. Die Bürgermeister schätzen die Zuverlässigkeit, mit der le Prussien die Stromzentrale von Bora Bora baut, eine Schule, ein Gemeindehaus; er errichtet solide Steinhäuser, in die seine Kunden immer pünktlich einziehen und die die Zyklone überstehen. Sie mögen den Sonderling, der so seltsam redet und stets das Zeichen der Legion trägt. Er baut nun auch auf anderen Inseln, ist oft weg von seiner Tauea, für die Liebe bleibt wenig Zeit. Ein Zyklon wischt ihm sein Haus von der Insel. Dann stürzt er von einem Gerüst und bricht sich den Fuß. Für Monate muss er in Raiatea ins Hospital. Die Ehe zerbricht. Sein Glück geht dahin. Er träumt jetzt oft von der Legion, von Eberswalde, von Rollmöpsen.
1982 trifft er auf Elvina. Die Polynesierin mag seinen Charme und seine gewitzte Ritterlichkeit. Er bewundert ihre Schönheit, ihre Jugend und ihre Hingabe. Und sie hat Land, die stärkste Währung, auf Taha'a, der Insel zwischen Bora Bora und Raiatea. Und ein weiteres Mal packt er seinen Koffer, zieht mit ihr an die Lagune von Haamene, baut ihnen ein Haus und pflanzt Vanille. Nirgends gedeiht sie besser als hier; sie hat einen prächtigen Ruf in aller Welt und einen guten Preis.
Arbeiten muss er nicht. Er will nur nicht vor Langeweile verblöden, wie viele hier. Der Preuße macht alles anders. Gießt Vanillestöcke aus Beton, statt die Orchidee wie seit ewig auf einen Baumstamm zu setzen; stellt sie auf wie eine Kompanie; wird Meister beim Wettbewerb der Vanillebauern. Aber bei allem Frieden auf der Insel vermeidet er fremde Hilfe, er argwöhnt den Neid der anderen. Macht alles allein, auch nach dem schlimmen Zyklon '98, als der Schein seiner Lampe im Regensturm keinen halben Meter reicht und er nicht sieht, wie der alte Mangobaum ihm ins Haus kracht.
Zwei Mädchen schenken sich Elvina und Alfred. Heidi Herenui, große Liebe, und Paloma Hinanui, große Blume. Er verehrt sie, auch wenn sie seit langem im Streit liegen und sich knapp behandeln. Er weiß den Grund nicht mehr genau. Wird schon wieder werden, ist doch immer so.
Vor ein paar Jahren hat Alfred Redmann in Tahiti den ganzen Vorrat an T-Shirts der Fremdenlegion aufgekauft. Es waren die letzten, die er kriegen konnte, 2000, als sein 5. Regiment aufgelöst wurde, nachdem die Tahitianer 1995 in einem Aufstand ein für alle Mal das Ende der Tests erzwungen hatten. Auf der Brust sind sie bedruckt mit dem Emblem in den geheiligten Farben Rot und Grün und der goldenen siebenflammigen Granate. Sein Schatz, neben der alten Paradeuniform, die er manchmal beim Treffen der Anciens in Bora Bora trägt.
Keine anderen trägt er, wenn er samstags zum Einkaufen nach Raiatea fährt in seinem Sportboot, ein wenig ramponiert, aber das schnellste weit und breit, in Rot und Grün. Wenn er mit der Vespa, ständig nach rechts und links grüßend, über die Dörfer auf Besuch zu Kombattanten rumpelt und sie von alten Zeiten reden. Wenn er mit dem Luftgewehr die gefräßigen Molukken-Stare aus seiner Vanille scheucht. Und natürlich, wenn er Kunden im türkis getünchten Büro empfängt.
Die stehen dann schon bald vor seiner Ehrenwand. Und er beginnt zu erzählen mit einem Leuchten in den Augen. Ein Leben auf fünf mal drei Metern: Fotos, Postkarten, Urkunden, Abzeichen, Ehrungen, Fahnen, das Barett und das Képi blanc, die Kopfbedeckung der Legion. Ein Leben in der Fremde. In einer Ecke zwei verblichene, halb vergessene Fotos: das Elternhaus in Eberswalde und das Brandenburger Tor.
Träge wühlt sich der Ventilator durch die Vanilleluft. Redmann weiß nicht mehr, wie Rollmops riecht.
Legio patria nostra. Noch vier T-Shirts. Das Paradies ist schon zu sehen.
Aus dem "Mare"-Heft "Tahiti", Februar/März 2004