EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Sühne, Gott und Geld
Den ersten Antrag auf vorzeitige Entlassung darf Chante Mallard im Jahr 2028 stellen. Dann hat sie 25 Jahre abgesessen, mit Glück lässt der Richter sie auf Bewährung raus. Im schlimmsten Fall aber bleibt sie weitere 25 Jahre im Gefängnis, sie wäre bei ihrer Freilassung dann 77 Jahre alt.
Mallard wurde verurteilt, weil sie einen Mann getötet hatte, Court TV übertrug live aus dem Gericht. Der Prozess in Fort Worth (Texas) zählte zu den spektakulärsten des Jahres. Und das lag nicht nur an der besonderen Grausamkeit des Falles.
Keiner der Beteiligten entsprach dem Bild, das man von ihnen erwartet hatte. Die Angeklagte: verheult und bescheiden, keine Bestie. »Jawohl, Sir, ich habe Strafe verdient«, sagte sie mit leiser Stimme im Gerichtssaal, »ja, ich glaube, dass ich ins Gefängnis gehöre.«
Der Sohn des Opfers wiederum hätte nach Rache schreien können - aber schon vor Prozessbeginn verzieh er der Frau, die seinen Vater auf dem Gewissen hat. Er bete für sie und ihre Familie, teilte er den Journalisten mit.
Das war so außergewöhnlich, dass die wohl gnadenlosesten Männer Amerikas - verurteilte Mörder in ihren Todeszellen - Geld sammelten, um es dem Mann zu schenken, der Chante Mallard vergeben konnte.
Mallard ist 25 Jahre alt, als sie im Oktober 2001 eine Disco in Arlington (Texas) besucht. Die Drinks sind im Sonderangebot, sie kosten nur 69 Cent. Mallard trinkt, sie raucht Marihuana, außerdem teilt sie mit einem Freund eine Ecstasy-Pille.
Etwa um drei Uhr morgens steigt Mallard in ihren vier Jahre alten Chevrolet Cavalier. Sie nimmt den sechsspurigen Highway nach Fort Worth.
Zur gleichen Zeit läuft ein Mann den Highway entlang, es ist Gregory Biggs, 37 Jahre alt, gelernter Maurer. Biggs ist wohnungslos und auf dem Weg zu einer Unterkunft für die Nacht. Am Ausgang einer lang gestreckten Kurve, acht Kilometer vor Downtown Fort Worth, wird Gregory Biggs angefahren, der Chevrolet rast ungebremst in seinen Körper.
Mallard erinnert sich an den Lärm beim Aufprall, sie weiß noch, wie die Frontscheibe platzt und Glassplitter ihr Gesicht treffen. Die kleinen Wunden brennen, Wind pfeift ins Auto.
Gregory Biggs lebt noch. Mit dem Kopf voran hat er das Glas durchschlagen, der Oberkörper hängt auf der Beifahrerseite über dem Handschuhfach. Die Beine stecken draußen, zerschlagen und grotesk verbogen. Die Hose ist heruntergerutscht. Er steckt fest.
Chante Mallard schreit, aber sie hält nicht an. Erst nach einer Meile verlässt sie den Highway und bleibt endlich stehen. Sie ist Schwesternhelferin, sie müsste jetzt einen kühlen Kopf bewahren, Erste Hilfe leisten, einen Krankenwagen rufen, die Polizei verständigen.
Aber Mallard ist zu nichts davon in der Lage. Sie geht um ihren Wagen herum, sie sieht die Beine aus der Scheibe ragen und weiß nicht, was sie tun soll. Für eine Sekunde fasst sie dieses fremde Fleisch an, der Mann in ihrem Auto stöhnt und bittet um Hilfe. Chante Mallard lässt sofort los, sie schreit, sie weint, sie ist völlig überfordert.
Dann steigt sie in ihr Auto und gibt Gas. So, als ob man einfach wegfahren könnte, und alles wäre wieder gut.
Biggs hustet Blutklümpchen. »I'm sorry«, sagt Mallard. Immer wieder: »Es tut mir so Leid.« Dann fährt sie nach Hause, stellt den Wagen in ihre Garage und rennt davon, ins Haus.
Mindestens einmal kehrt Mallard in die Garage zurück, da lebt Biggs noch. Seine Verletzungen sind schwer, aber nicht tödlich, wird der Gerichtsmediziner später sagen. Biggs verblutet.
Bei Tagesanbruch werfen zwei Freunde Mallards die Leiche in einen Park und verbrennen die Autositze. Nur den Blutgeruch in der Garage werden sie nicht los.
Mallard und ihre Freunde behalten das Geheimnis vier Monate lang für sich, aber dann erzählt Mallard auf einer Party, weshalb ihr Auto kaputt ist und sie ihre Freundinnen nicht nach Hause fahren kann. Wenig später steht die Polizei in der Garage.
Die Gefängnisstrafe von 50 Jahren habe Mallard akzeptiert, sagt ihr Anwalt. Sie sei eine gute Gefangene. Und Brandon Biggs, der Sohn von Gregory, sagt, nun habe nicht nur er, sondern auch die Familie Mallard eine geliebte Person verloren: »Es gibt in diesem Fall keine Gewinner.«
Brandon Biggs studiert seit kurzem Theologie, und er glaubt daran, dass Jesus jedes Verbrechen vergeben kann, selbst das schlimmste. Da müsse auch er vergeben können.
Die Zeitschrift »Compassion« (zu Deutsch: »Mitgefühl") hat Biggs jetzt einen Preis verliehen, es ist eine besondere Auszeichnung, vergeben von einer besonderen Jury. »Compassion« wird hergestellt mit Hilfe der katholischen Kirche, die Redaktion aber besteht aus Todeskandidaten: verurteilte Mörder in ihren Zellen, allesamt tiefgläubig geworden. Ihre Themen: Sühne, Schuld und Gott.
»Compassion« sammelt Geld, um Angehörige von Mordopfern zu unterstützen. Die Mörder wollen zeigen, dass sie keine Monster sind. Der Preis wurde jetzt zum dritten Mal verliehen.
Einen besseren Kandidaten als Brandon Biggs, der den Tod seines Vaters verzeihen konnte, hat die Jury noch nie gehabt. Er erhielt 10 000 Dollar, zweckgebunden fürs Theologiestudium.
ANSBERT KNEIP