Süße Frucht
Der Athener General sah rot, als er in der Illustrierten »Eikones« blätterte und dort einen von der deutschen »Quick« übernommenen Artikel über die Moral der alten Griechen fand.
Was er las, erfüllte für ihn den Tatbestand der »Verletzung der Ehre unserer Vorfahren«. Ioannis Ladas schritt zur Selbstjustiz.
General Ladas - zur Zeit des Geschehens Polizeichef unter der Obristendiktatur - ließ den »Eikones«-Chef sowie den für den anstößigen Artikel verantwortlichen Redakteur zu sich kommen. Er verprügelte beide höchstpersönlich anschließend flohen die Publizisten ins Ausland .
Das war 1968. Mittlerweile haben sich viele Dinge in Griechenland dramatisch gewendet. Der damalige »Eikones«-Redakteur Panayotis Lambrias hat konservativen Regierungen sechs Jahre als Staatssekretär und Regierungssprecher gedient, jetzt vertritt er sein Land im Europaparlament.
Und General Ladas, selbsternannter Hüter der »hellenisch-christlichen Kultur«, sitzt ebenso wie seine Diktatoren-Kollegen eine lebenslange Strafe wegen Hochverrats im Zuchthaus Korydallos bei Piräus ab.
Doch was den Polizeichef damals erregte, bewegt die Gemüter immer noch: Es ging um die angeblich ausschweifende Homosexualität der alten Hellenen, und das Thema läßt auch junge Hellenen von heute nicht ruhen.
Sicher, die griechische Mythologie ist ein Album der Männerliebe: Poseidon mochte Pelops, Zeus entführte Ganymed, Apollo schätzte Hyazinth, Herkules liebte Knaben über alles. Daß indes auch solche geistigen, militärischen und politischen Heroen des klassischen Altertums wie Platon und Aristoteles Pausanias, Themistokles oder die Makedonierkönige Philipp und Alexander der Große als notorische Päderasten hingestellt werden, schmerzt offenbar etliche forschende Jung-Griechen.
Einer von ihnen ist der Philologe Jannis Kouvaras, 35, der Ende vorigen Jahres mit einer Publikation in der Zeitschrift »Davlos« den Versuch einer Ehrenrettung der Altvorderen unternahm, Homosexualität und Knabenliebe, schrieb er, seien »nicht nur kein Wertideal der antiken Kultur« gewesen, wie es einige Philologen (Kouvaras: »Pure Phallologen") behaupteten. Vielmehr sei Sex unter Männern »nicht einmal akzeptabel und zulässig« gewesen.
Um seine kühne Behauptung zu stützen, beruft sich Kouvaras auf den Redner Aischines (389 bis 314 v. Chr.). Der berichtete, daß ein Mann, der sich einem anderen hingebe, weder zum Stadtherrn gewählt noch Priester werden oder ein öffentliches Amt bekleiden konnte.
Auch mit diplomatischen Missionen durfte er nicht betraut werden, öffentliche Heiligtümer waren ihm versperrt. Überdies, so Kouvaras, habe das attische Recht jedem Bürger freigestellt, einen Homosexuellen anzuzeigen und seine Bestrafung zu fordern. Das konnte die Todesstrafe sein.
Dem Athener Solon wird ein Gesetz zugeschrieben, wonach stadtbekannten Homosexuellen das wichtigste Recht im Staat entzogen wurde: Sie durften auf Bürgerversammlungen nicht das Wort ergreifen. In Sparta erklärte der Gesetzgeber Lykurg die Päderastie zur »größten Schande«.
Bleibt die Frage: Wenn denn die Regeln streng waren, waren es dann auch die Bräuche?
Der Historiker Plutarch berichtet immerhin von gelehrten Männern, die sich in öffentlichen Bädern an Jünglinge heranpirschten und die »süße Frucht« aus Furcht vor Augenzeugen des Nachts genossen. Zudem sprechen Unmengen antiker Darstellungen von Männergruppen auf Vasen und Krügen eine eindeutige Sprache.
Das Verwirrspiel um straffe Gesetze und lockere Praxis versuchte schon der angesehene Altphilologe Sir Kenneth Dover in seinem 1983 auf deutsch erschienenen Werk »Homosexualität in der griechischen Antike« aufzulösen.
Dover, Präsident des Oxforder Corpus Christi College und Ex-Präsident der British Academy, wirft christlich-abendländischen Forschern eine gewisse Begriffsstutzigkeit vor: »Solange die Welt für uns in Homo- und Heterosexuelle geteilt ist ... werden wir einem Verständnis der griechischen Einstellung zur Homosexualität nicht näherkommen.«
Der altgriechischen wohlgemerkt, denn die neugriechische ist, wie die krampfhaften Ehrenrettungsversuche
Kouvaras' zeigen, mehr vom Alten Testament geprägt: »Du sollst nicht bei Knaben liegen wie beim Weibe... Denn welche diese Greuel tun, deren Seelen sollen ausgerottet werden von ihrem Volk« (3. Mose 18, 22-29).
Nur drei Prozent der Griechen heute, Christen seit 16 Jahrhunderten, empfinden einer Umfrage zufolge Homosexualität als etwas »Natürliches«. Zwei Drittel der Frauen sehen darin ein »großes Übel«, fast alle Männer über 50 würden »Unheil« über die Familie kommen sehen, wäre einer der Söhne homosexuell. Oft genug sahen sich Griechenlands Homos genötigt, mit Slogans wie »Unsere Körper gehören uns« gegen gesetzliche Repressionen und gesellschaftliche Ächtung zu demonstrieren.
Als im vergangenen Jahr Rock Hudson an Aids starb, kommentierte die Illustrierte »Eikones": »Die Rache schlug mit einer Verzögerung von 3000 Jahren zu, nachdem die Homosexualität mit Zeus begonnen hatte.«
Soviel Nestbeschmutzung - Aids praktisch den alten Griechen in die Sandalen zu schieben - bringt Kouvaras und dessen Kollegen auf. Kouvaras: »Es ist nicht unsere Absicht, zu beweisen, daß es Fälle von Homosexualität in der Antike nicht gegeben hat, zweifellos hat es die gegeben. Aber sie stellten außergesetzliche Ausnahmen dar, die von der Gesellschaft geächtet wurden.«
Den uralten Verdacht, griechische Philosophen hätten das Abhängigkeitsverhältnis ihrer Zöglinge sexuell ausgenutzt, weist Kouvaras unter Berufung auf Plutarch zurück. Der habe geschrieben: »Es war erlaubt, die Seele von Kindern zu bewundern. Dagegen wurde es als Schande betrachtet, wenn jemand sich den Kindern näherte, um den Körper zu begehren.«
Auch Platons liebevolle Beschreibung der Lehrer-Schüler-Beziehung in seinem Werk »Symposion« sei eben »rein platonisch gemeint gewesen, glaubt der Fachmann Kouvaras. Die Entzückung der älteren Herren angesichts gut gewachsener Jünglinge habe auf Platons »himmlische Liebe« und geistige Harmonie abgezielt, nicht jedoch auf die Körper der Knaben.
Damit steht Kouvaras im Widerspruch zum britischen Experten Dover, der ein bißchen Sex doch im Spiel wähnte. Immer sei es der Ältere gewesen, der »aktiver« Liebhaber ("erastes") sein durfte, »passiv« war der junge Geliebte ("eromenos« ).
Dem Älteren oblag die geistige wie kriegerische Erziehung, die Fürsorge für die Karriere des jungen Mannes. Der hatte dafür, so jedenfalls Dover aus Respekt und Dankbarkeit die erotische Annäherung seines Gönners zu dulden.
In männlicher Würde sollte das geschehen - angeblich durfte er nicht leidenschaftlich werden, sollte aufrecht stehenbleiben und sich nicht penetrieren lassen. Zum Beweis zitiert Dover eine Ermahnung des Sokrates-Schülers Xenophon an die Jugend: »Der Knabe teilt nicht des Mannes Vergnügen an dem Verkehr, wie eine Frau es tut. Kalt, nüchtern betrachtet er den anderen, der trunken ist vor sexuellem Verlangen.«
Gegen solche Zitate bringt Neugrieche Kouvaras - wohl nach dem Motto: Was nicht sein darf, das kann nicht sein - gern antike Gesetzestexte vor. Auch Platons Überzeugung, daß eine Armee, in der zwischen den Soldaten Eros herrsche »die ganze Welt besiegen könne, möchte er verstanden wissen als Lob der reinen Männerfreundschaft.
Daß es die gegeben hat, bestreitet auch Dover nicht, im Gegenteil. Die Hoch- oder Überschätzung der Männerbeziehung und die Geringschätzung der Frauen erklärt er mit politischen Zwängen. Für die griechischen Stadtstaaten, die ständig dem Überlebensdruck im Wettstreit mit aggressiven Nachbarn ausgesetzt waren, sei »der Kämpfer, der erwachsene männliche Bürger, die wichtigste Person« gewesen.
Indem sich Männer für militärische, politische, religiöse und gesellschaftliche Zwecke in Gruppen zusammenschlossen, sei »eine nahezu perfekte Kampfmaschine« entstanden, die allerdings die volle Entfaltung intimer Gefühle zwischen Männern und Frauen verhinderte.
Und so kommt der Oxford-Professor zu dem Schluß: »Erastes und eromenos fanden in dem anderen ohne Zweifel, was sie sonst nirgendwo finden konnten.«
Kouvaras' Unterfangen, den Ruf der alten Griechen im Sinne christlicher Moral zu retten, hat nicht nur einen Gelehrtenstreit entfacht. Seine Theorien haben auch die griechische Homo-Szene alarmiert. Ein Gegenangriff, heißt es, sei in Vorbereitung.
Ihm sei vollig unverständlich, beklagte sich telephonisch ein homosexueller Professor beim Kollegen Kouvaras, wie »ein so progressiver Mann einen so reaktionären Artikel« verfassen könne.
Kouvaras versteht die ganze Aufregung nicht. Ihm sei es nur darum gegangen, den »Mythos« zu widerlegen, das griechische Altertum sei »ein Paradies für Homos und Päderasten« gewesen.