Sylt: Runderneuerung mit der Planierraupe - DER SPIEGEL
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Sylt Runderneuerung mit der Planierraupe

Die Flaniermeile Westerlands, die Friedrichstraße, soll endlich in neuem Glanz erstrahlen. Das hässliche schwarz-graue Pflaster soll weg, der Straßenzug aufgepeppt werden. Die Geschäftsleute wollen die schickere Variante, die Stadt lehnte ab. Jetzt sollen die Bürger entscheiden.
Von Kristina Jagemann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Westerland - Hauptstadt von Sylt. Tummelplatz der Reichen und Schönen. Im Zentrum die Friedrichstraße. 1,5 Kilometer lang und die meiste Zeit im Jahr sieht sie aus, als wäre die Nordsee gerade in die Innenstadt geschwappt. Touristen waten von einem Geschäft zum nächsten. Tiefe Pfützen, riesige Lachen bestimmen das Bild. Dabei hat es nur geregnet. Doch das genügt bereits, um die Flaniermeile unter Wasser zu setzen und den Strom kaufwilliger Touristen zum Erliegen zu bringen.

"Wir haben Bruchbudenzustände"

Geziert wird Westerlands teure Einkaufsstraße von einem über 30 Jahre alten Pflaster. Zahllose Versorgungsarbeiten haben der Friedrichstraße so sehr zugesetzt, dass bei den Touristen heute keine rechte Kauflust mehr aufkommen mag. Kein Wunder, dass Prominente und Reiche ins benachbarte Kampen abgewandert sind. Seitdem hat Westerland das Nachsehen. "Wir haben teilweise Bruchbudenzustände", klagt SPD-Stadtradt Kurt Windolf. "Es gibt Sitzmöbel in Straßencafés, die würde ich mir nicht in den Garten stellen!" Was Westerland braucht, ist ein neues Erscheinungsbild, und zwar so schnell wie möglich. Darin sind sich Politiker und Unternehmer einig.

So beschloss die regierende SPD, wenn schon dauernd der Himmel über der Stadt grau ist, solle wenigstens das Pflaster bunt sein. Es wurde angeordnet, dass die Friedrichstraße in sozialdemokratischem Klinker-Rot erscheinen möge. Dazu ein bisschen Kunst mit Lichteffekten und einer Teilüberdachung. 5,5 Millionen Mark soll die "billige" Variante kosten. Und das in jener Stadt, die es schafft, mit nur einer Ampel am Eisenbahnverladebahnhof ein regelmäßiges Verkehrschaos zu verursachen. Auch Wohnraum ist Mangelware. In Westerland stehen rund 600 Familien auf der Warteliste für bezahlbaren Wohnraum.

Roter Klinker! Die Unternehmer in Westerland sind empört. Nichts wäre einfallsloser als jener eintönige Belag, wie er in jeder x-beliebigen Fußgängerzone zu finden ist. Nein, Granit solle sein, befinden jene Geschäftsinhaber entlang der (noch) grauen Friedrichstraße. Nun ist die aufgebockte Sandbank im nordfriesischen Wattenmeer zwar nicht gerade für reiche Granitvorkommen bekannt, doch wen kümmert das, denn so ein Stein schmückt ungemein. Den Geschäftsleuten geht es aber nicht vorrangig um den Straßenbelag. Es geht ihnen um die künstlerische Gestaltung, um "maritime" Elemente, kurz gesagt, eine Runderneuerung der Friedrichstraße.

Die Bürger sollen entscheiden

Ob man damit allerdings neue kaufwillige Urlauber anzulocken vermag und die Promis vom Golfplatz aus Kampen zurückholen kann, ist fraglich. Ebenso strittig ist, welcher der beiden Beläge billiger wäre. Außer Frage steht nur, dass die reichen Urlauberinnen mit Klunker und Pumps keine Freude daran haben werden, wenn sie weiterhin auf unebenem Boden von einem Champagnerstand zum nächsten stolpern müssen.

Um den Streit zu schlichten, sollen jetzt alle 7742 Westerländer Bürger und Bürgerinnen in einem "Volksentscheid" am 2. September über die Bepflasterung und über mehr Kunst oder weniger Kunst abstimmen. "Wir sind fest davon überzeugt, dass der Bürgerentscheid ein Erfolg für uns wird", zeigt sich Karl Max Hellner stellvertretend für das Lager der Unternehmer optimistisch.

Bislang unberücksichtigt blieb der Vorschlag eines Touristen: "Ein paar Mal mit der Planierraupe über das alte Pflaster, dann passt es schon." Dann flösse das Regenwasser auch wieder geordnet ab und hinterließe nicht den Eindruck, als verliefe die Friedrichstraße mitten durchs Wattenmeer.