Dieser Beitrag wurde am 25.07.2017 auf bento.de veröffentlicht.
Das Bild soll in Rakka aufgenommen worden sein – der einstigen Hochburg des "Islamischen Staates" in Syrien.
Jetzt steht da Syriens erste Schwul-lesbische Kampfbrigade: TQILA.
Die Abkürzung TQILA steht für "The Queer Insurrection and Liberation Army", also in etwa Befreiungsarmee des queeren Aufstands, und ist laut der Gruppe kein Zufall.
Das Bild wird seit Montagabend auf Twitter geteilt. Die Gruppe soll zu den Internationalen Revolutionären Volksguerilla-Kräften (IRPGF) gehören, die ebenfalls in Syrien kämpfen. Doch nicht alle sind von der Brigade überzeugt.
Die IRPGF ist ein Kollektiv ausländischer, linker Kämpfer, die in Nordsyrien dabei helfen wollen, einen eigenen kurdischen Staat aufzubauen.
- Syrien befindet sich seit mehr als sechs Jahren in einem blutigen Bürgerkrieg. Mittlerweile ist das Land weitestgehend zerstört.
- Im Norden hatte die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) einst große Teile erobert, mittlerweile sind die Dschihadisten im Rückzug begriffen (bento).
- Seit Monaten ist Rakka, die einstige Hauptstadt des IS, stark umkämpft. Vor allem die Syrisch-Demokratischen Kräfte (SDF) haben dort den IS zurückgedrängt.
- Beim SDF kämpfen Kurden und Araber gemeinsam, das Bündnis wird von den USA mit Waffen unterstützt.
Fakten zum Syrienkrieg
Die IRPGF spielte im Bürgerkrieg bislang keine große Rolle, hat sich aber angeblich kurdischen Einheiten angeschlossen. Die Einheit wurde erst Ende März diesen Jahres gegründet – und sie besteht vor allem aus radikalen Linken aus Europa, die im Syrienkrieg mitmischen wollen. (Hier findest du ihr Gründungsvideo)
Die Anarchisten träumen von einem befreiten Landstrich, in dem es keine klassische Staatsgewalt mehr gibt. Die Probleme der Syrer, die seit Jahren unter schrecklichen Bedingungen einen Krieg mit vielen ausländischen Kräften aushalten, sind für die IRPGF-Kämpfer aus Deutschland, Frankreich und anderen Ländern aber eher zweitrangig. Den Einfluss der Anarchisten vor Ort halten viele Experten für gering.
Die Gruppe hat ein Statement veröffentlicht, in dem sie als Hauptziel von TQILA angibt, den Unterschied zwischen den Geschlechtern "zu zerstören" und eine "sexuelle Revolution" in Syrien anzustreben.
Motivation für die Gründung der Brigade seien die grausamen Taten des IS gegen Schwule in Syrien und im Irak gewesen.
So geht es Schwulen unter dem IS
Der IS verbreitet eine Ideologie, in der Homosexualität als "unnatürliche Krankheit" angesehen wird und verfolgt Schwule. Ein Video zeigt, wie mehrere Männer von einem Hochhaus im Irak gestoßen wurden. In anderen Fällen wurden Steinigungen von Schwulen gezeigt.
Im Koran selbst gibt es jedoch keine klare rechtliche Quelle, die Homosexualität verbietet. Die Islamisten begründen ihre Taten auf eigenen Auslegungen, liberale Muslime sehen hingegen keinen Gegensatz zwischen Homosexualität und Islam.
Wie viele Kämpfer tatsächlich in der schwul-lesbischen Brigade aktiv sind – und wo genau sie kämpfen – bleibt jedoch unklar. Auf Nachfrage wollten sich die Verantwortlichen nicht näher äußern.
Unklar bleibt auch, wie ernst es TQILA tatsächlich meint. "Es gibt keine solche Einheit, die mit uns zusammenarbeitet", sagt ein kurdischer Kämpfer aus Nordsyrien zu bento. Er möchte aus Sicherheitsgründen anonym bleiben, ist aber vor Ort am Kampf gegen den IS beteiligt.
- Seit Ende 2016 würden bereits Kurden in den Vororten von Rakka kämpfen – queere Brigaden aber nicht. "Das ist nicht mehr als Propaganda irgendwelcher Ausländer, die nur behaupten, Kurden zu sein", sagt der Kontakt. "Von den Traditionen unserer Kämpfer hier ist das weit entfernt." Das angebliche Foto aus Rakka hält er für gestellt.
- Eine andere kurdische Aktivistin berichtet bento hingegen, die Gruppe sei real und setzte sich aus queeren Kurden zusammen. Auch die Seite "Newsweek" schreibt über TQILA und zitiert die angebliche Kommandatin Heval Rojhilat. "Wir sind bereits in Rakka und kämpfen dort", sagt sie.