Szenen aus Erfurt: "Warum?" - DER SPIEGEL
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Szenen aus Erfurt "Warum?"

Erfurt steht unter Schock: Trauer, Verzweiflung und Ratlosigkeit haben die Menschen gepackt - und überall hört man die Frage: Warum?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Irgendjemand hat diese Frage auf ein kleines Pappschild gemalt und vor den Seiteneingang des Gutenberg-Gymnasiums in Erfurt gelegt - an den Ort, wo wenige Stunden zuvor ein 19-jähriger 17 Menschen und sich selbst hingerichtet hat.

Die wenigen Passanten die am Freitagnachmittag im Nieselregen vor der abgesperrten Schule ausharrten, fragen sich ebenfalls warum. Und haben kurze, hilflose Erklärungen parat: "Die liberale Politik ist schuld", sagt ein Mann, der mit seiner Tochter und seiner Frau zum Tatort gekommen ist. Die zu "laschen" Waffengesetze seien schuld.

"Das ist der Hass - auf die Schule, auf die Noten", sagt ein anderer, der selbst nach eigenen Angaben von 1966 bis 1975 in dem Gebäude die Schulbank gedrückt hatte. Das werde noch schlimmer werden, prophezeit er. "Bekommen wir jetzt hier amerikanische Verhältnisse?", versucht ein etwa 40-Jähriger einen Polizisten in ein Gespräch zu verwickeln. Der von Regen durchnässte Beamte zuckt nur mit den Schultern.

Blumen und Kerzen liegen am Schultor

In dem fünfstöckigen sandfarbenen Schulgebäude sichern derweil die Polizeispezialisten die Spuren, im Schulhof wurde für die heranbrechende Nacht ein Lichtwagen in Stellung gebracht. Vor dem Schultor sind inzwischen zahlreiche Kerzen angezündet worden, Blumen stapeln sich vor den Eingängen und über den Türbogen des kleinen Seiteneingangs steht in Stein gemeißelt: "Lerne um zu Leben".

"Es ist unfassbar", sagt die 79-jährige Ilse Wagner, und die Umstehenden an einer Straßenbahnhaltestelle nicken zustimmend. "Was treibt einen jungen Menschen bloß zu so einer Tat?" Sie blicken still einem Servicefahrzeug der Erfurter Verkehrsbetriebe nach, an dessen Antenne ein Trauerflor angebracht ist.

Kino, Musik und Modenschau fallen aus

Erfurt ist wie paralysiert: Alle Volksfeste wurden abgesagt, am Kommunalen Kino steht auf einem Zettel, dass auf Grund der aktuellen Lage die Spätvorstellung ausfällt. Die Besucher nehmen die Nachricht still auf und gehen, keiner beschwert sich. Auch im nahe gelegenen Kinocenter hat man auf die Tat reagiert. "Die Mitarbeiter sprechen den Angehörigen der Opfer des Gutenberg-Gymnasiums ihr tief empfundenes Mitgefühl aus", steht an den Kassen. Nach Auskunft der Kassiererinnen läuft das Programm aber normal weiter. Kurz vor der Abendvorstellung warten jedoch nur wenige Kinobesucher auf den Einlass. "Natürlich ist das eine schlimme Sache, aber das Leben muss weiter gehen", sagt ein junger Mann.

Im Regen steht auf dem abendlichen Anger, der Fußgängerzone, eine verwaiste Bühne. Eigentlich hatte zum Geburtstag eines Kaufhauses ein buntes Programm mit Musik und Modevorführungen stattfinden sollen. Aber auch hier ein eilends angefertigtes Plakat: "Aus gegebenem Anlass entfällt unser Programm. Wir trauern mit den Angehörigen."

"Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen"

Bernd Helsungen begrüßt die kurz entschlossenen Absagen von Feierlichkeiten. Der 46-Jährige kommt aus Nordrhein-Westfalen und ist als Gast in der Stadt. In seinem Hotelzimmer hat er im Fernsehen die Bilder vom Tatort gesehen. "Ich frage mich, wie verzweifelt der Junge gewesen sein muss", sagt der Bauingenieur. Doch was ihn und die Umstehenden am meisten bewegt, ist die Frage, wie der junge Amokläufer an die Waffen gelangen konnte, mit denen er 18 Leben auslöschte.

Als um 20 Uhr in der Andreaskirche ein ökumenischer Gottesdienst beginnt, hat sich vor dem trauerbeflaggten Rathaus eine Gruppe Jugendlicher eingefunden. Sie haben Kerzen mitgebracht und gedenken stumm der beiden Mädchen und ihrer Lehrer, die am Vormittag ihr Leben verloren haben. Für sie ist nach diesem Vormittag nichts mehr so, wie es war.

In der Kirche spricht ein Mitglied der Pfarrgemeinde zu Beginn die Worte: "Fassungslos Gott, sind wir, wo warst Du heute...Wo geht es hin in unserer verkehrten Welt..." Dann spricht die Gemeinde den Psalm 22: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen..."

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