EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Szenen einer Ehe
Die Polizisten sprachen in den Teehäusern über den Fall, abends erzählten sie ihren Frauen davon - so machte Wardas unglaubliche Geschichte die Runde. Warda al-Said al-Banna, rund, breithüftig, 17 Jahre jung, aber zäh, Gattin des Saad Kassim, des Gärtners, sie hatte alles haarklein dem Staatsanwalt erzählt, als sie tags zuvor in seinem Büro erschienen war, im ersten Stock der Polizeistation, es war ein Dienstag.
Warda gab zu Protokoll, wie ihr Ehemann ihr eines Tages eröffnet hatte, er wolle sie ins Krankenhaus bringen. Zu einer Untersuchung. Und wie er ihr, bevor sie aufbrachen, ein Glas Saft einschenkte. Und wie sie diesen Saft trank, arglos, obwohl er bitter schmeckte, und wie ihr bald schwarz wurde vor Augen und wie sie in einem fremden Bett erwachte, in einem Krankenhaus, ihr linkes Bein taub, im Rücken, unter dem Verband, ein hämmernder Schmerz. Saad sei beflissen an ihr Bett geeilt, alles sei in Ordnung, sagte er, dabei war nichts in Ordnung, gar nichts.
In Europa warten etwa 40 000 Menschen auf eine Spenderniere. Sie hoffen, warten Jahre, etwa jeder Fünfte stirbt während dieser Zeit. Organhandel ist in Europa strikt verboten, auch in Ägypten illegal, dort jedoch boomt er, dank des Angebots und der biegsamen Gesetze. Es mehren sich Stimmen wie die des Wirtschafts-Nobelpreisträgers Gary Becker, der vorschlägt, den Handel zu liberalisieren, zu legalisieren, den Körper endlich zu dem zu machen, was er doch ohnehin längst sei: eine Ware.
Saad erbleichte, als die Polizisten kamen. Er zappelte, jammerte, zeterte, aber sie zerrten ihn davon, schafften ihn nach Kisna, steckten ihn in eine stinkende Zelle, Untersuchungshaft.
Am nächsten Tag gab Wardas Rechtsanwalt, der sie ohne Honorar vertrat, in der Hoffnung auf Berühmtheit, eine Pressekonferenz. Zwei Tage darauf konnte man Wardas Geschichte in Kairoer Zeitungen lesen, von da aus ging sie um die Welt, auch, weil sie einen Schuldigen gleich mitlieferte.
Allerdings war sie erlogen.
Kafr Abu al-Hassan liegt im Nildelta, etwa 60 Kilometer von Kairo entfernt. Eine trübe Vorstadtsiedlung mit flachen Ziegelbauten, röchelnde Busse fahren in die Stadt, nach Kisna. Hier, in Kafr Abu al-Hassan, wuchs Warda auf, als Tochter eines landlosen Fellachen und einer kränkelnden Mutter, mit diesem Start stellt man keine hohen Ansprüche ans Leben. Mit Glück wird man verheiratet, gebärt Söhne, die Wert und Status der Mutter bestimmen.
Doch Warda wollte mehr vom Leben, nämlich Liebe. Sie war bereit zu kämpfen.
Sie und Saad hatten ein halbes Jahr zuvor geheiratet, am 2. Juli 2007. Das Fest fand auf der Straße statt, es gab Limonade, das Paar saß unter einem Baldachin aus buntem Papier, der Scheich, Ortsvorsteher des Viertels, sprach die rituellen Worte.
Die Hochzeitsnacht verbrachten sie in der Wohnung einer befreundeten Familie, in einem stickigen Zimmer, das Saad gemietet hatte, denn zusammenziehen, das ging nicht, Saad war schon verheiratet, Warda seine zweite Frau.
Die Zweitfrau ist der ersten Frau an Status unterlegen. Doch Warda nahm die Herausforderung an.
Saads Schulden bei Kollegen, Nachbarn, Freunden beliefen sich auf 4000 Ägyptische Pfund. Von seinem Lohn als Gärtner, 280 Pfund, etwa 30 Euro, wurden jeden Monat 100 Pfund abgezogen; um zu leben, musste er neue Schulden machen. Für Warda hatte Saad kaum Zeit, und wenn, dann stritten sie. Sie verlange zu viel von ihm, schimpfte er, und er nannte sie Bint al-Kalb, Tochter eines Hundes, später schlug er sie.
Der Makler hieß al-Nusf, was so viel bedeutet wie »die Hälfte«, dies sei seine übliche Provision. Er musste Saad nicht lange überreden, hier war ein Ausweg. Al-Nusf brachte Saad ins Krankenhaus, wo die Ärzte Hepatitis C feststellten; Saads Niere war wertlos.
Dann opfern wir eben meine Niere, sagte Warda. Sie war jung, stark, sie waren ein Fleisch, jetzt konnte sie ihre Liebe beweisen. Sie unterschrieb eine Einverständniserklärung, und sie setzte, weil ihre Buchstaben krakelig waren, ihren Fingerabdruck hinzu.
Wardas Niere brachte 15 300 Pfund in bar, insgesamt etwa 1800 Euro. Davon gingen 4000 Pfund an den Makler, Saad bezahlte außerdem seine Schulden. Es blieben mehr als 7000 Pfund, genug für ein neues Leben, dachte Warda.
Doch Saad blieb ablehnend, kalt. Er gab das Geld aus, kaufte Schmuck, Süßigkeiten, doch nicht für Warda, sondern für die andere Frau, für seine Kinder. Bald hörte er auf, Warda zu besuchen - vielleicht, weil er sich schämte. Und aus Wardas Liebe wurde Hass.
Vier Tage dauerte es, bis Saad, aus dem Untersuchungsgefängnis heraus, als Beweis seiner Unschuld Wardas schriftliches Einverständnis herbeibringen lassen konnte. Jetzt ließ der Staatsanwalt Warda kommen. Anfangs war sie nicht schuldbewusst. Gelogen? Sie? Allenfalls hatte ihre Lüge eine tiefere Wahrheit ausgedrückt: Saads Verrat an ihrer Liebe.
Saad und Warda versöhnten sich noch im Büro des Staatsanwalts, es war Abend geworden, sie gingen gemeinsam in eines der Straßenrestaurants, Saad bestellte Brathähnchen. Sie sprachen. Dann kehrten sie zurück in jenes stickige, gemietete Zimmer, Saad war für seine Verhältnisse freundlich zu ihr.
Überhaupt, er sei inzwischen ein anderer Mensch geworden, sagt Saad. Er beschimpfe seine Frau nicht mehr, er hätte erkannt, wie sehr Warda ihn liebt.
Sie hätte die Operation verkraftet, sagt Warda, ihr Wert als Frau sei nicht beeinträchtigt. Eines Tages, so hofft sie, wird sie Kinder haben, und ihre Kinder werden sich nicht verkaufen müssen, dafür lebt sie. RALF HOPPE