Tack oder tacktack - DER SPIEGEL
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Zeit Tack oder tacktack

Tagungen über die moderne Raserei, Vereine für Langschläfer und Verlangsamung - der Widerstand gegen die Hektik wächst.
• aus DER SPIEGEL 40/1994
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Evangelische Akademie Hofgeismar nahe Kassel ist ein Ort, wo die Zeit ihren Lauf unterbrechen und sich mal richtig ausruhen könnte: ein ehemaliges Jagdschloß, im Park der Glanz des Nachsommers, bevölkert von meist weißhäuptigen Tagungsgästen, die das gepflegte Wort zum gepflegten Thema lieben, besonders, wenn es »Zeitverlangsamung« heißt.

Doch plötzlich am Abend kommt Leben in die Bude, Pardon, den Synodalen-Saal. Die Kölner Pianistin und Musikwissenschaftlerin Grete Wehmeyer ist vom Flügel aufgesprungen und tänzelt im Wiegeschritt durch die heilige Halle. Die Leibesübung dient der Erklärung: So zögerlich, wie es die Pianistin gerade auf ihren Sandalen mit Silbersteg vorführt, seien einst vor Wien die türkischen Heere marschiert. Mozarts berühmter »Türkischer Marsch« müsse deshalb viel, viel langsamer gespielt werden.

Seit Jahren führt Wehmeyer eine Kampagne wider die Raserei am Klavier und die hetzenden Dirigenten. In ihrem Buch »prestißißimo« weiß sie Mozart auf ihrer Seite, der sich bereits 1778 bei seinem Vater über einen Raserich beschwerte: »Prima vista - herabgehudelt . . . die augen können es nicht sehen und die hände nicht greifen«.

Den Beweis, daß in der klassischen Musik langsamer richtiger ist, erbringt die Kölnerin weniger durch die Darbietungen am Klavier. Chopins »Revolutionsetüde« klingt bei ihr wie ein Trauermarsch. Schuberts Kunstlied »Erlkönig« bremst die Kölnerin von der üblichen »Ambulanzwagenraserei« (Wehmeyer) auf das Tempo des Pferdetrabs herab.

Die Sicherheit, daß der Einbruch der schnellen Technik die Musik vergewaltigt habe, gewinnt sie aus den Forschungen des holländischen Musikwissenschaftlers Willem Retze Talsma. Der ist davon überzeugt, daß die Metronomzahlen der Klassik seit Generationen falsch gelesen werden und die Musik deshalb um das Doppelte zu schnell erklingt: Die Klassiker zählten tack, wenn das Metronom hin- und zurückgependelt war, spätere Zeitgenossen sagten bereits tack beim einfachen Pendelschlag.

Tack oder tacktack - Wehmeyers Klage über die virtuose Raserei paßt genau in den Trend. Seit Michael Ende im alternativen Märchen »Momo« unheimliche graue Herren beim Zeitdiebstahl ertappte und Sten Nadolny den Bestseller »Die Entdeckung der Langsamkeit« schrieb, fühlen sich sogenannte Zeitpioniere zum Widerstand gegen den allgemeinen Schweinsgalopp ermutigt (SPIEGEL 20/1989). Symbol für die Marter der Uhr ist der Stummfilmkomiker Harald Lloyd, der sich in »Ausgerechnet Wolkenkratzer« (USA 1926) an deren Zeiger klammert.

Ein Tempolimit in allen Lebenslagen scheint das Gebot der Stunde zu sein. Es duldet keinen Aufschub und kein Warten auf einen Wink von oben. Eine Basisbewegung für den Go-slow ist im Entstehen, denn: »Alle Menschen sind Praktiker und Theoretiker der Zeit«, wie die Soziologin Helga Nowotny bereits vor Jahren in ihrem Standardwerk »Eigenzeit« festgestellt hat.

Noch sind Politiker Ausnahmen wie der Wiesbadener Oberbürgermeister Achim Exner, der ein halbes Jahr wegen seines Kindes halbtags arbeitete, oder die baden-württembergische Ministerin Brigitte Unger-Soyka, die die Presse mit der Nachricht verblüffte, sie werde zwei- bis dreimal pro Woche um 16 Uhr das Büro verlassen, um sich um ihre Kinder zu kümmern.

Doch Dieter Kramer, Kustos des Völkerkundemuseums in Frankfurt, beobachtet seit neuestem auch bei den Jungmanagern der Geldstadt eine Veränderung in den Statussymbolen: Nicht wer total busy ist, gilt etwas, sondern wer Zeitsouveränität zeigt, also den Tag so plant, daß er ein halbes Stündchen für sich selbst gewinnt.

Intellektuelle beginnen, Marxens berühmte Feuerbach-These umzudrehen: »Wir haben die Welt genug verändert, es kommt darauf an, sie zu interpretieren.« So tat sich vor sechs Jahren im österreichischen Klagenfurt eine Gruppe zusammen, die aussteigen wollte aus der Welt des »rasenden Stillstands«, ein eiliges Schlagwort, geprägt vom Pariser Architekten, Ingenieur und Essayisten Paul Virilio. Das Paradox meint einen Zustand, in dem sich die Verkehrszeit von Nachrichten, Menschen und Waren beschleunigt, während die Geschichtszeit um einen Nullpunkt oszilliert.

Die Klagenfurter gründeten einen »Verein zur Verzögerung der Zeit«. Ziel ist die bewußte Förderung eigener Zeitorganisation, die Anpassung an biologische Rhythmen und die Abwehr von Eingriffen in den Tag/Nacht-Wechsel. Inzwischen hat die Vereinigung rund tausend Mitglieder in Deutschland und Österreich. Man trifft sich zu Seminaren, um Langsamkeit zu trainieren.

Eine Übung heißt, 100 Meter in einer halben Stunde zurückzulegen. Gegen das Diktat der Uhr brennen auf Rednerpulten Kerzen. Sind sie heruntergebrannt, ist die Zeit um. Der Verzögerungsverein kann echte Pioniere vorweisen: Den 36-Stunden-Mann beispielsweise, der 24 Stunden wacht und 12 Stunden schläft.

In Dreieich bei Frankfurt trat jetzt ein weiterer Zeit-Verein an die Öffentlichkeit: »Delta t, Verein für Zweitnormalität«. Was nach einer Vereinigung von Marsmännchen oder Cyberfreaks klingt, hat ein ernstes Anliegen: den Kampf gegen die kulturelle Ächtung von Spätaufstehern. »Delta t« ist das physikalische Zeichen für die Zeitdifferenz, also die Meßgröße jener Stunden, die Langschläfer täglich »zu spät« wach werden. »Zweitnormal« protestiert gegen die Ausgrenzung der späten Hühner.

Günter Heinrich Woog, Grafiker und Gründungsmitglied: »Wir sind weder Spinner noch Faulenzer. Wir schlafen nur eben zeitversetzt und einige von uns länger als andere.« Dabei wissen sie sich zugehörig zu einer kreativen Minderheit, der berühmte Leute wie Luciano Pavarotti und Woody Allen angehören.

50 organisierte »Mitleider« (Woog) gibt es bereits, welche die Klage der Vereinspräambel unterstützen: »Ausschlafen ist ein Luxus, den sich vor allem der abhängig beschäftigte, zeitversetzt und lang schlafende Mensch nur gegen seine Natur mit verfrühtem Zubettgehen erkaufen kann. Ständiges Zuspätkommen, unnötig schlechte Leistungen und permanenter Gewissensdruck sind die Folgen.« Y

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