Tacloban nach dem Taifun Eine Stadt beginnt ein neues Leben
Die ersten beiden Gesichter, die mir auf dem zerstörten Flughafen von Tacloban auffallen, sind die eines älteren Ehepaares, das ganz vorne in der Schlange auf seinen Koffern sitzt: Erschöpft wirken sie, aber auf eine Weise entspannt, die sie von allen anderen unterscheidet.
Der Mann, ein Ausländer, ist frisch rasiert und beobachtet das Chaos, in dem ich gerade erfahre, dass mein Gepäck nicht mitgekommen ist. Die Frau, eine Philippinerin, trägt ein beigefarbenes Kostüm, eine teure Handtasche und eine dazu passende Sonnenbrille.
"Ich bin David Geraldson", sagt der Mann, "aus Fallbrook, Kalifornien. Ich war zu Hause in den USA, als die Katastrophe passierte. Meine Frau war hier bei ihrer Familie." Er sei sofort ins Flugzeug gestiegen: "Als ehemaliger Militär hatte ich das Glück, von Manila aus sofort hierherfliegen zu können. Ich bin eine Nacht lang geblieben, jetzt nehme ich Letecia mit raus."
Ich frage, warum sie in der Hitze, im Dreck und im Gestank von Tacloban so aufgeräumt, so merkwürdig reisefertig aussehen. Letecia Geraldson, 60, sagt: "Wir haben am Morgen etwas Wasser aus dem Brunnen hinterm Haus gepumpt. Ich habe mir endlich die Haare waschen können." Ihr Mann sagt: "Lassen Sie sich nicht täuschen. Die Stadt ist voller Leichen, die ersten werden Sie gleich vorne an der Flughafenstraße sehen."
Hilfe für die Familie seines Fahrers
Am Tag, an dem ich ankomme, fliegen David Walden, ein Fernsehreporter, und sein Kameramann Fatih ab. Sie sind als erstes deutsches TV-Team mit der Hilfsorganisation Humedica gekommen und haben drei Tage lang für RTL und NTV berichtet. Walden hat vor der Abreise noch etwas zu erledigen. Er nimmt mich mit ans nördliche Ende der Rollbahn, dort haben die US-Marines ihr Camp in einer sumpfigen Wiese aufgeschlagen. Sie haben den Flughafen so weit leergeräumt, dass die Maschinen starten und landen können.
David Walden sucht nach Staff Sergeant Soren Clark, der offenbar viel zu entscheiden hat und den zu kennen sich lohnt. Er würde gern einen Teil der Familie seines Fahrers in einer US-Maschine nach Manila unterbringen, sagt Walden, sie wurde hart getroffen. Alte, Kranke, Kinder, mehr als 20 Leute insgesamt. Clark schluckt, als er die Zahl hört, und erkundigt sich nach den Papieren. David sagt: "Liegt alles vor." Clark sagt: "Okay, let's check the list."
Taifun "Haiyan": In der verwüsteten Stadt Tacloban
Ich frage Adrian, den Fahrer der beiden Fernsehleute, ob er auch mich fahren könnte. Ja, sagt er, doch er habe kein Benzin. Es dauert zwei Stunden, bis er zurück ist - mit zwei weiteren Verletzten und fünf Liter Sprit im Tank, für 2500 Peso, etwa 50 Euro. Diese fünf Liter verfahren wir nun in Tacloban. Es reicht genau, bis es dunkel wird. Und es reicht, um einen Eindruck von der Zerstörung zu bekommen, den der Zyklon "Haiyan" angerichtet hat.
Geraldson hatte recht: Die ersten Leichen liegen nur ein paar hundert Meter vom Eingang zum Flughafen entfernt am Straßenrand. Noch mehr Leichen liegen am Astrodom, einem Konferenzzentrum unten am Wasser. Dorthin wurden die Bewohner der Armenviertel in der Nacht vor der Katastrophe evakuiert.
Die meisten von ihnen haben den Sturm gefürchtet, nicht das Wasser, und suchten deshalb Schutz im Keller und im Erdgeschoss des Gebäudes. Als dem Sturm dann aber die Flutwelle folgte, erdrückte das Wasser viele der Evakuierten. Wie viele allein im Astrodom ertrunken sind, wie viele dort noch im Keller treiben, ist an diesem Tag noch nicht abzusehen, Dutzende, sagen die einen, Hunderte andere.
Erster Mobilfunksender wird aufgestellt
Ich komme mit dem Tischler Rayan Labardo ins Gespräch, der sich mit seiner Frau und seinen drei Kindern in einem der Geschäftslokale am Dom niedergelassen hat. Die Fenster des Ladens hat der Sturm eingedrückt, die Einrichtung die Flutwelle weggeschwemmt. "Als das Wasser kam, bin ich irgendwann mit den Kindern die Treppen hochgerannt", sagt er, "meine Frau kam noch rechtzeitig nach. Andere nicht."
Vor Labardos Notunterkunft fällt mir ein Stapel von Matten auf, farbiger Schaumstoff, wie er oft in Kinderzimmern ausgelegt wird. "Was macht ihr mit denen?", frage ich. Ich denke an das Gepäck, das ich noch vermisse, an den Schlafsack darin und an den harten Boden am Flughafen, wo ich wohl übernachten werde. "Mit denen? Weiß ich noch nicht, wir haben genug davon", sagt Rayan, "wir haben den überschwemmten Kinderspielplatz im Dom ausgeräumt. Ich binde dir eine zusammen."
Ich frage ihn, was ich ihm dafür geben kann. "Nichts", sagt er und versucht, die Matte zusammenzurollen. "Komm, lass mich doch was zahlen", versuche ich, "alles hat einen Preis." Rayan bindet die Matte mit einem großen Müllsack zu, dreht sich zu mir um und sagt: "Stimmt nicht. Manche Dinge haben keinen Preis."
Zwei Tage lang hat es in Tacloban geregnet, aber an diesem Mittwochabend klart es auf. Durch den vom Sturm abgedeckten Dachstuhl der Santo-Nino-Kathedrale fällt das Abendlicht auf die Familien herunter, die hier Unterschlupf gefunden haben. In einem kleinen Park an der Strandpromenade liegen gut 50 Tote, sie müssen noch beerdigt werden.
Im Rathaus, das wie ein ramponierter weißer Kolonialpalast auf dem Hügel daneben steht, fängt die Stadt fünf Tage nach der Katastrophe wieder an, sich zu organisieren: Hier wird ein erster Mobilfunksender aufgestellt, hier treffen sich der Bürgermeister und seine Leute, die Koordinatoren der Hilfsdienste, Journalisten, Fernsehteams.
Tote am Straßenrand, spielende Kinder
Auch zwei Beamte der deutschen Botschaft aus Manila sind hier, sie suchen, wie auch Diplomaten anderer Länder, nach versprengten Touristen oder anderen Landsleuten. Etwa 20 Deutsche vermuten sie zu diesem Zeitpunkt noch auf der Insel Leyte, eine haben sie gerade gefunden: eine junge Frau aus Westfalen, die selbst für ein Hilfsprojekt hier war. Sie telefoniert voller Freude zum ersten Mal nach dem Sturm mit ihren Eltern und bittet darum, ihren Namen nicht zu nennen.
Auf dem Weg zurück zum Flughafen sehen wir Polizisten am Straßenrand. Sie beginnen in der Dämmerung damit, Tote in Leichensäcke zu packen. Daneben spielen Kinder, zwei Männer haben ein laut quietschendes Schwein auf eine Stange gebunden und tragen es in einen Verschlag aus Strandgut. Eine ganze Familie schreitet ihnen wie in einer Prozession hinterher.
Ich verbringe die Nacht auf Rayan Labardos blauer Matte. Die Männer und Frauen in der Schlange, die vor dem Flughafen warten, stehen, hocken, sitzen auf dem Boden. Fast stündlich landen jetzt die C-130-Transporter der philippinischen, amerikanischen und malaysischen Luftwaffe. Mit jeder Maschine kommen Hilfsgüter herein, mit jeder fliegen 120 Menschen aus. Adrian, der Fahrer, verabschiedet sich. Gefährlich sei der Heimweg nicht, sagt er. Aber es wird mühsam werden. Er wird versuchen, für den nächsten Tag ein paar Liter Benzin aufzutreiben. Da wollen wir in den Süden von Tacloban aufbrechen, wo der Taifun auf die völlig ungeschützten Küstenstädte Tanauan und Palo traf.