Klüger werden mit: Tahar Ben Jelloun
SPIEGEL: Gerade ist Ihr neues Buch erschienen: »Papa, was ist der Islam?« Warum richtet sich Ihre Antwort auf den 11. September gerade an Kinder?
Jelloun: An diesem Abend sagte mir meine siebenjährige Tochter, sie habe keine Lust mehr, Muslimin zu sein. Dagegen musste ich etwas tun. Ich versuchte ihr also zu erklären, dass der Islam nichts mit dem zu tun hat, was gerade geschehen war. Später habe ich meine Argumente historisch verifiziert und objektiviert, um so gegen Vorurteile dieser Religion gegenüber anzugehen - bei Kindern wie bei Erwachsenen.
SPIEGEL: Was ist das Wichtigste, das Kin- der über den Islam lernen sollten?
Jelloun: Dass der Islam Mord und Selbstmord verbietet. Dass der Dschihad, der den Fanatikern als Rechtfertigung gilt, falsch interpretiert wird. Während der Kreuzzüge erklärten die Muslime den Dschihad, den Kampf gegen die Angreifer, um sich zu verteidigen. Aber heute greift niemand mehr den Islam an. Der Dschihad ist widersinnig geworden.
SPIEGEL: Was ist das Hauptproblem des Islam heute?
Jelloun: Kein religiöses, sondern ein wirtschaftliches und ein ideologisches. Der Islam ist zum Refugium derjenigen geworden, die von sozialistischen Ideologien enttäuscht sind. Am besten wäre es, Religion und Politik voneinander zu trennen, wie es die Türken 1923 getan haben. Salam bedeutet Frieden. Und der Islam ist eine Religion des Friedens.
SPIEGEL: Ist Ihre Tochter mittlerweile wieder gern Muslimin?
Jelloun: Ja. Sie redet jetzt viel darüber in ihrer Klasse, und sie weiß jetzt viel mehr über ihre Religion - obwohl sich mein Buch eher an größere Kinder wendet und an die Eltern.