Teil III: Das Bernsteinzimmer im Osten - DER SPIEGEL
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Teil III Das Bernsteinzimmer im Osten

Von Erich Wiedemann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

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Museumsleiter Alfred Rohde aus Königsberg muss schreckliche Qualen erlitten haben, als er sich von seinem liebsten Stück trennte. Er war dem Bernsteinzimmer verfallen. Mitarbeiter, die ihm nahe standen, sagten, er habe eine Beziehung zur Kunst gehabt, wie sie ein guter Liebhaber zu seiner Liebsten hat.

Die Sekretärin Charlotte Krüger hat beschrieben, wie der Chef morgens seine Lieben begrüßte. "Ach, dieser Direktor! Um fünf Uhr morgens kam er ins Schloss. Dann ging er zunächst einfach im Schloss umher. Er ging und ging und ging. Von Zimmer zu Zimmer, von Saal zu Saal. Und schaute die ganze Zeit und schaute und schaute. Dann ging er in den Südflügel, in dem sich das Bernsteinzimmer befand - Ach wie wunderschön war das"

Rohde hätte das Bernsteinzimmer niemals allein gelassen

Seine Freunde und seine engsten Vertrauten waren davon überzeugt, dass Alfred Rohde das Bernsteinzimmer nie allein gelassen hätte. War er deswegen bis zum bitteren Ende in Ostpreußen geblieben, obwohl er an der Parkinsonschen Krankheit litt und obwohl er reichlich Gelegenheit gehabt hätte, seine Frau und sich in Sicherheit zu bringen?

Er hatte außer seiner Kunst keinerlei Bindungen an Ostpreußen. Kein Eigentum, keine Verwandtschaft. Der Königsberger Oberbürgermeister Hellmuth Will hat in der Gefangenschaft ausgesagt: "Der Bernstein und das Bernsteinzimmer waren für Rohde das Wichtigste auf der Welt - Wenn es fortgebracht worden wäre, wer anders als Rohde hätte es begleitet."

Nachdem die Sowjets die Kontrolle über Königsberg übernommen hatten, wurde Rohde dem Archäologieprofessor Alexander Jakowlewitsch Brjussow unterstellt, der von Stalin nach Ostpreußen geschickt worden war, um nach verschwundenen Kunstschätzen zu fahnden. Rohde gab sich verhalten kooperativ. Aber Professor Brjussow traute ihm nicht. Er schrieb in sein Tagebuch: "Mir scheint, er weiß mehr, als er zugibt - Wenn er redet, dann lügt er nicht selten." Nach Lage der Dinge wird Brjussow wohl recht gehabt haben.

Sechs Wochen Anarchie

Als Brjussow mit seinem Stab in Ostpreußen eintraf, war die Stadt schon sechs Wochen lang besetzt. Sechs Wochen Mord, Folter, Sadismus, Anarchie. Jeder durfte mitnehmen, was er tragen oder transportieren konnte. Es wäre wohl auch niemand daran gehindert worden, sich das Bernsteinzimmer einzupacken, wenn er die Mittel gehabt hätte, es abzutransportieren.

Offenbar genoss das Bernsteinzimmer zunächst nicht die bevorzugte Aufmerksamkeit der sowjetischen Kunstkommissare, die seinem kulturgeschichtlichen Rang entsprach. Sie wurden erst wach, als Rohde sich nachts in seinem Arbeitszimmer dabei erwischen ließ, wie er Papiere verbrannte. Unter den Papieren, die nicht mehr in Flammen aufgingen, war die Kopie eines von Rohde verfassten Berichtes, in dem es heißt, er habe die aus sowjetischen Museen stammenden Kunstschätze, darunter das Bernsteinzimmer aus dem Katharinenpalais, auf Anweisung aus Berlin verpackt und "in ostpreußischen und sächsischen Gütern in Sicherheit bringen" lassen.

Brjussow verurteile Alfred Rohde für die Sabotageaktion zu fünf Tagen Arrest. Weil Rohde schwer krank war, wurde die Strafe aber anderntags gleich wieder aufgehoben. An den zwei folgenden Tagen versuchte Rohde, seinen russischen Vorgesetzten unter vier Augen zu sprechen, offenbar um ihm etwas Vertrauliches mitzuteilen. Das gelang ihm aber nicht, weil Brjussow ihn mit Missachtung strafte. Am 17. Dezember 1945 war Alfred Rohde tot.

Ein Mediziner verschwindet

Der Arzt Paul Erdmann, der den Totenschein ausgestellt hatte, verschwand einen Tag später aus der Stadt und wurde nie wieder gesehen. War Rohde, wie die Moskauer Regierungszeitung "Iswestja" vermutete, von Werwölfen umgebracht worden, weil er wusste, wo das Bernsteinzimmer war? Hatte er Selbstmord begangen, weil er fürchtete, er werde schwach werden und das Geheimnis preisgeben? Oder wurde er von Rotarmisten ermordet, damit er Brjussow nicht erzählen konnte, wie sie den Schatz shanghait hatten. In Rohdes Nachlass fand sich auch sein Tagebuch. Die letzten Seiten waren aber herausgerissen. Was stand auf diesen Seiten? Ilse Rohde konnte es auch nicht mehr erzählen, als man sich dafür interessierte. Sie starb zwei Wochen nach ihrem Mann.

Um die Todesursachen zu klären, ließ die sowjetische Militärverwaltung ein paar Wochen später das Doppelgrab der Rohdes auf dem 1. Luisenfriedhof am Hammerweg öffnen. Doch das Grab war leer.

Alexander Jakowlewitsch Brjussow will die geretteten Blätter der Akte, die Rohde nicht mehr hatte verbrennen können, erst später noch mal gründlich durchgesehen haben. Mit großer Überraschung, wie er schreibt. Bei den Papieren seien auch zwei Briefe Adolf Hitlers sowie ein Brief Rohdes an seinen Führer gewesen. Hitler habe Rohde und danach noch einmal Gauleiter Koch angewiesen, das Bernsteinzimmer nach Berlin bringen zu lassen. Rohde habe erklärt, das Bernsteinzimmer sei in Ostpreußen "an einem völlig sicheren Ort" in einem Bunker auf dem dritten Deck versteckt - und im übrigen gut "maskiert".

Leider sind die Briefe verschwunden

So, wie der deutsche Führer zum Bernsteinzimmer stand, sind auch Zweifel angebracht, dass es sie überhaupt gegeben hat. Man weiß immerhin, dass Adolf Hitler bei aller Liebe zur Kunst nicht zur ersten Riege der Bernsteinzimmer-Aficionados gehörte. Sonst hätte er für das gute Stück sicher in seinem Führer-Kunstmuseum in Linz einen Platz reserviert.

Wenn Rohde erst entschlossen war, das Bernsteinzimmer nach Westen auszulagern, und es dann doch in Ostpreußen versteckte, ist dann die Theorie so abwegig, dass er eine falsche Spur gelegt hat? Im Prinzip nicht, nur, wen hätte er denn reinlegen sollen? Seinen Mitarbeiter Professor Strauß vielleicht, der mal KP-Mann gewesen war, bevor er zum Faschismus konvertierte? Hinterher hieß es, Strauß sei von Anfang an ein bolschewistischer Maulwurf gewesen. Und man habe davon ausgehen müssen, dass er sofort alles an die Sowjets verraten würde.

Mag ja sein. Strauß brachte es später in der DDR schnell zum stellvertretenden Kulturminister. Aber das konnte Rohde natürlich nicht ahnen. Und im übrigen passt die Theorie nicht in die Zeit. Königsberg war Anfang 1945 einfach nicht der Ort für filigrane Intrigen.

Es ist nicht klar, ob Rohde tat, was er angekündigt hatte

Und außerdem war Alfred Rohde kein arglistiger Mann. Er hatte erklärt, dass er das Bernsteinzimmer nach Westen auslagern wollte. Und das hat er sicher auch so gemeint. Aber in den letzten Wochen vor dem Untergang Königsbergs überstürzten sich die Ereignisse. Es ist nicht sicher, dass er auch tat, was er angekündigt hatte. Exgauleiter Erich Koch hat in seiner Todeszelle in Barczewo (Wartenburg) ausgesagt, das Bernsteinzimmer sei seines Wissens auf den Lazarettdampfer "Wilhelm Gustloff" verladen worden und mit ihm untergegangen. Er war 1949 in Schleswig-Holstein, wo er inkognito als Landarbeiter lebte, festgenommen und dann an Polen ausgeliefert worden. 1958 kassierte er die unvermeidliche Todesstrafe. Doch die Polen ließen ihn leben, in der Hoffnung, er würde irgendwann das Bernsteinzimmer-Geheimnis preisgeben.

Über 25 Jahre lang hat Koch Polen und Sowjets mit immer neuen Geschichten gefoppt. Einmal wurde er sogar zu einer Ortsbesichtigung nach Kaliningrad geflogen. Er starb 1986, im Alter von 90 Jahren, friedlich auf seiner Pritsche. So viel scheint sicher: Er wusste nicht, wo das Bernsteinzimmer war. Das hat er einmal auch zugegeben. Er habe damals wahrhaftig was Wichtigeres zu tun gehabt, als sich um das Bernsteinzimmer zu kümmern. Und selbst wenn er es auf die Reise nach Westen geschickt hat, dann hat er sehr wahrscheinlich am Tag der Verladung die Kontrolle darüber verloren.

Koch hatte in all den Jahren seiner Haft stets ein vitales Interesse daran, die Recherchen nach dem Verbleib des Bernsteinzimmers so nachhaltig wie möglich zu verwirren. Je verworrener die Spuren umso besser waren seine Überlebenschancen. Die "Wilhelm Gustloff"-Spur war eine davon. Die "Wilhelm Gustloff" war Ende der dreißiger Jahre das größte Kreuzfahrtschiff der Welt. Nach Kriegsbeginn war es zum Lazarettschiff umgewidmet worden. Sie wurde am 30. Januar um 21.16 Uhr, dem Tag, an dem die Rote Armee auf Pillau vorstieß und Ostpreußen vom Reich abschnitt, vor der pommerschen Küste von drei sowjetischen Torpedos getroffen. Sie riss nach neuesten Schätzungen 9000 Menschen mit sich in die Tiefe, fünf- bis sechsmal so viele wie beim Untergang der "Titanic" starben. Die weitaus meisten Opfer waren Flüchtlinge. Es war die größte Schiffskatastrophe der Menschheitsgeschichte.

Alexander Marinesco - Ein "Held der Sowjetunion"

Alexander Marinesco, der Kommandant U-Bootes S 13, das die tödliche Salve abfeuerte, wurde dafür am 8. Mai 1990 posthum zum "Helden der Sowjetunion" ernannt. In Kaliningrad, dem ehemaligen Königsberg, erinnern noch heute Denkmäler an die "beispiellose Heldentat, die nach ihren Ergebnissen in der Geschichte des Seekriegs nicht ihresgleichen hat" (so Flottenadmiral S. G. Gorschkow, der Oberkommandierende der sowjetischen Seestreitkräfte).

Es war wirklich eine fulminante Idee von Erich Koch, zwei so hochkarätige Mythen zu einer Story aneinander zu koppeln. Bernsteinzimmer war spannend, "Wilhelm Gustloff" war spannend. Wie spannend musste erst das Bernsteinzimmer auf der "Wilhelm Gustloff" sein?

Tatsächlich haben Überlebende seinerzeit berichtet, kurz vor dem Auslaufen aus Gotenhafen (heute Gdinya) bei Danzig am 30. Januar habe ein Gestapo-Kommando 2 Meter mal 1,50 Meter große Kisten an Bord gebracht. Nur, wenn die Kisten wirklich aus Königsberg kamen, warum sollen sie dann 160 Kilometer weiter westlich verladen worden sein? Die Häfen Königsberg und Pillau lagen doch viel näher. Den langen, gefährlichen Weg über die umkämpfte Nehrung hätte man sich wahrhaftig sparen können.

Zwischen Ostpreußen und den westlichen deutschen Ostseehäfen waren in den letzten drei Kriegsmonaten Hunderte von Schiffen unterwegs, um Flüchtlinge und Fluchtgut in Sicherheit zu bringen. Fast zeitgleich mit der "Wilhelm Gustloff" lief der leichte Kreuzer "Emden" von Pillau aus, der das Kriegsbanner der Schlacht von Tannenberg und die Sarkophage des Feldmarschalls von Hindenburgs und seiner Ehefrau an Bord hatte. Auf diesem Transport hätte das Bernsteinzimmer gut dabei sein können.

Museumsdirektor Alfred Rohde war sogar Mitglied im Beirat des Tannenbergdenkmals. Er hätte das leicht arrangieren können. Die Aktenlage spricht gegen die Gustloff-Theorie. Der pensionierte Herforder Fremdenverkehrsdirektor Heinz Schön, ehemaliger Zahlmeisteranwärter auf der "Wilhelm Gustloff" und einer von gut tausend Überlebenden, hat mehrere Lademeister des Schiffes zur Sache einvernommen. Aber keiner konnte sich an Kisten aus Königsberg erinnern. Davon stand auch nichts in den Ladepapieren, die erhalten geblieben waren. Und deutsche Kapitäne nahmen es im allgemeinen mit ihren Papieren auch in turbulenten Zeiten sehr genau. Heinz Schön sagt, die Gustloff-These sei nachweislich verkehrt. Er hat sie selbst aufgestellt und sie dann akribisch zersägt. Das macht ihn so glaubwürdig. Es kommt ganz selten vor unter Schatzsuchern, dass sie eine falsche Idee nicht unter Ausgrenzung widriger Faktenlagen bis zur Lächerlichkeit verteidigen.

Taucher an der "Gustloff"

Die "Wilhelm Gustloff" ist nach dem Krieg mehrfach gründlich untersucht worden. Die Froschmänner, die 1963 im Auftrag der Seebehörde Gdinya zu dem fünfzig Meter tief gelegenen Wrack auf 55 Grad 7,5 Nord und 17 Grad 42 Ost hinabtauchten, berichteten von großen Löchern im Rumpf. In dem Bericht, den der Einsatzleiter später verfasste, hieß es: "Uns hat sehr überrascht, wie brutal und stümperhaft das Wrack zugerichtet war. Vermutlich waren es die Russen, die das getan haben, um das Schiffsinnere nach den Kisten mit dem Bernsteinzimmer zu durchsuchen, dafür waren die Öffnungen groß genug."

Parallelspur nach Skandinavien

Der Danziger Ingenieurs Jerzey Janczkowicz und eine Gruppe von Tauchern vom Unterwasserclub "Rekin" (Hai) haben von 1973 bis 1977 im Auftrag der Universität Danzig das prominente Wrack noch einmal gründlich durchsucht, aber sie haben auch nichts von Belang gefunden.

Nein, die Kisten seien nicht auf die "Wilhelm Gustloff" gebracht worden, sondern auf ein Unterseeboot, das gleich nebenan ankerte, sagt Eleonore Petke, die Witwe eines Marineoffiziers, der angeblich an der Operation teilgenommen hat. Sie seien dann auf hoher See östlich von Bornholm an ein Segelboot übergeben worden. Es ist der Einstieg in die so genannte Skandinavien-Spur. Sie verlor sich in den letzten Kriegstagen in den Stockholmer Schären und wurde nie wieder aufgenommen, obwohl sie es sicher wert gewesen wäre.

Es gibt noch eine Parallelspur nach Skandinavien

Am 30. Januar 1945 war auf der Ostsee noch ein zweiter Dampfer namens "Gustloff" von Ostpreußen unterwegs nach Westen. Er kam direkt aus Königsberg. Die "W. Gustloff" hatte ebenfalls eine größere Menge von nicht identifizierten Kisten an Bord. Sie ist in keinem deutschen Hafen angekommen. Kann sein, dass sie torpediert wurde und absoff. Es kann aber auch sein, dass sie mit ihrer Fracht einen schwedischen Hafen anlief und dort umgetauft wurde, damit niemand ihre Spur verfolgen konnte.

Die Theorie "Gustloff II" ist nicht so unplausibel. Ein Versteck im neutralen Ausland hätte gut zum so genannten Schickedanz-Plan gepasst. Danach sollte das Bernsteinzimmer zusammen mit anderem Kunstgut erster Güte als Pokermasse in die Verhandlungen mit den Alliierten eingebracht werden. Der Plan konnte natürlich nur funktionieren, wenn die Faustpfänder im späteren Einflussbereich der westlichen Alliierten oder, besser noch, im neutralen Ausland versteckt waren, jedenfalls da, wo man gegebenenfalls schnellen Zugriff darauf haben würde.

Der Plan war benannt nach Arno Schickedanz, dem Stabsleiter im Amt Rosenberg, der den Auftrag hatte, die Cover-up-Aktionen zur Rettung der wertvollsten Kunstobjekte zu koordinieren. Die Historiker haben dazu nicht viel ermitteln können. Den konkretesten Hinweis auf die Operation gibt ein Lagebericht an Rosenberg, der den Amerikanern in die Hände fiel. Der Empfänger hatte ihn mit der Randbemerkung versehen: "Der Schickedanzsche Plan war doch richtig und bewährt sich, hoffentlich findet sich später kein Schweinehund, der das den Alliierten verrät." Und darunter: "Das Bernsteinzimmer ist für uns wichtigstes Objekt für spätere Verhandlungen."

Dass der Plan im Begriffe war, sich zu bewähren, wie es in dem Brief heißt, ist freilich nicht nachvollziehbar. Im Gegenteil. Die Geschäftsgrundlage war spätestens am 9. April hinfällig, als die Amerikaner ihre separaten Friedensverhandlungen mit Deutschland abbrachen. Es gibt auch keinen Hinweis darauf, dass sie die Absicht gehabt hätten, den Deutschen für die Überlassung des Bernsteinzimmers irgendwelche Konzessionen zu machen. Entscheidend ist, dass die deutsche Führung das annahm und dass sie auf ihrer Annahme eine Strategie aufbaute.

Das miserable Klima zwischen der Sowjetunion und den Alliierten beurteilten die Nazi-Bosse ganz richtig. Briten-Premier Winston Churchill wollte keinen Fußbreit deutschen Bodens, den die Westalliierten erobert hatten, an die Rote Armee abtreten. Aber er setzte sich nicht gegen US-Präsident Harry Truman durch, der, anders als sein Vorgänger Franklin D. Roosevelt in der Sowjetunion nicht das Reich des Bösen sah.

Amerikaner auf Beutezug - raubten sie auch das Bernsteinzimmer?

Bevor sie sich hinter die Elbe zurückzogen, packten die Amerikaner aber alles ein, was nicht niet- und nagelfest war. Unter anderem mehr als eine Million Kubikmeter Wertgegenstände, wie die Sowjets später behaupteten. Eine Million Kubik, das entspricht ungefähr dem umbauten Raum der Dortmunder Westfalenhalle. Es wird wohl auch viel edle Kunst darunter gewesen sein.

Der Schatz von Gnesen, den der Kraftfahrer Alfons Kairis im pommerschen Ort Paradies in einen Güterwaggon lud, fand sich nach Kriegsende in der Salzmine von Grasleben bei Helmstedt wieder. Es ist keine verwegene Theorie, dass die Kisten mit der Aufschrift "Königsberg", die ebenfalls in dem Waggon waren, auch dort hin gebracht worden waren. Die Salzmine in Grasleben wurde von Mitgliedern des "Counter Intelligence Corps", das eigentlich über deren Sicherheit wachen sollte, systematisch geplündert. Keiner weiß, was sie alle mitgenommen haben. Es ist nicht ganz auszuschließen, dass das Bernsteinzimmer dabei war und dass es in die USA entführt wurde.

Für die Annahme, dass das Bernsteinzimmer in Amerika ist, gibt es noch eine zweite Stütze: Die Geschichte, die der Moskauer Historiker Wladimir Lapskij dazu präsentiert, ist abenteuerlich, aber sie nicht gänzlich absurd. Jedenfalls nicht absurder als andere Theorien, an denen sich die Forschung aufgerieben hat. Das Bernsteinzimmer, so behauptete Professor P Lapskij in einem Zeitungsartikel, der am 7. März 1997 in der regierungsnahen Zeitung "Rossiskaja Gaseta" erschien, sei nach dem Beginn des Unternehmens Barbarossa in die Vereinigten Staaten ausgeflogen worden. Und zwar als Geschenk für den amerikanischen Milliardär Armand Hammer. Eine Kopie davon lagere in einem Keller in Zarskoje Selo. Und das Bernsteinzimmer, nach dem seit einem halben Jahrhundert gefahndet werde, sei eine Kopie der Kopie.

Die Geschichte von der Bernsteinzimmer-Kopie

Professor Lapskijs Geschichte geht so: Nach der Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes beauftragte Kreml-Führer Josef Stalin den Bernstein-Künstler Anatolij Baranowskij mit der Erstellung einer Replika des Bernsteinzimmers, das dem deutschen Führer Adolf Hitler am Jahrestag des Vertragsabschlusses als Geschenk überreicht werden sollte.

Im Mai 1941 soll Baranowskij Vollzug gemeldet haben. Im Juni 1941 sei das Original in Zarskoje Selo demontiert und durch die Kopie ersetzt worden. Meister Baranowskij habe ökonomischerweise zu der ersten sogar noch eine zweiten Kopie anfertigen lassen. Es kam aber nicht mehr zur Überreichung des Geschenks, weil im Juli die Hitleristen in die Sowjetunion einmarschierten.

Als Generalfeldmarschall Ypsilon von Mansteins Panzerarmee auf Leningrad vorstieß, war das Original - laut Lapskij - in der Moskauer Tretjakow-Galerie. Die erste Kopie, die für Hitler vorgesehen war, sei in einem Keller von Zarskoje Selo geblieben. Was Rittmeister Ernstotto Graf zu Solms-Laubach und Hauptmann Georg Pönsgen am 14. Oktober in Puschkin requirierten, war angeblich die Zweitkopie.

Professor Lapskij berichtet weiter, das Original sei im Gegensatz zu den übrigen Gemäldesammlungen nicht in Auslagerungsräume im Ural gebracht, sondern am 18. November auf dem Moskauer Tuschinskij-Flughafen in eine Dakota-Transportmaschine der US Air Force verladen und von dort über Fernost in die Vereinigten Staaten geflogen worden. Mit an Bord: Oleg Brekkel, einer der Künstler, die die Kopie hergestellt hätten. Projektleiter Baranowskij verschwand während eines Sonderurlaubs in Sotschi am Schwarzen Meer, den Stalin ihm gewährt hatte. Behauptet Lapskij.

Die Story und ihre Hauptfigur passen gut zusammen. Armand Hammer hatte zwei Leidenschaften: das große Geld und die schönen Künste. Er genoss eine Art Außenhandelsmonopol in Moskau zu einer Zeit, als die Bolschewiken wegen ihrer Revolutionsgräuel noch weltweit geächtet waren. Hammer hatte Revolutionsprinzipal Wladimir Iljitsch Lenin schon 1917 nach der Oktoberrevolution um das Bernsteinzimmer angebettelt. Grundsätzlich hatte Lenin nur tiefe Verachtung für die bürgerliche Kunst übrig. Er wusste auch, was er an dem Kapitalisten Hammer hatte. Doch das Bernsteinzimmer war ihm als Gunstbeweis denn doch eine Nummer zu groß. Nicht, dass er irgendwelche Gefühlsbindungen dazu gehabt hätte. Aber es war ein Faustpfand, das er nicht ohne Not aus der Hand geben wollte.

Hammer blieb dran.

Anfang der dreißiger Jahre half er den Bolschewiken, die Kunstschätze, die sie in Kirchen, Klöstern, Schlössern und in den Villen der Bourgeoisie gestohlen hatten, in Amerika zu verkaufen. Die amerikanische Bundespolizei FBI wusste, dass von den Erlösen auch subversive kommunistische Aktionen in den USA finanziert wurden. Hammer stand deshalb ein paar Jahre lang auf sehr schlechtem Fuß mit seiner Regierung. 1941, nach dem Beginn des Unternehmens Barbarossa, sagt Professor Lapskij, sei Hammer bei einem Besuch in Moskau auf das Bernsteinzimmer zurückgekommen. Die Sowjetunion brauchten damals dringend die Unterstützung der Amerikaner, um von den Deutschen nicht überrollt zu werden. Um Washington als Verbündeten zu gewinnen, sei ihm jedes Mittel recht gewesen, auch die Auslieferung des Bernsteinzimmers. Dass Armand Hammer weit weniger Einfluss in Washington hatte, als er behauptete, das wusste Stalin damals noch nicht.

Die Hammer-Story lebt nur von Indizien. Tatsache ist immerhin: Die tapetengroßen Detailaufnahmen, nach denen Direktor Boris Igdalow und seine Kunsthandwerker heute an der Replika arbeiten, wurden Ende der dreißiger Jahre aufgenommen, nachdem Diktator Stalin entschieden hatte, es sei eine Kopie des Bernsteinzimmers zu erstellen. Was wollte er mit der Kopie? Wichtiger noch: Ist die Kopie tatsächlich angefertigt worden oder nicht?

Die Hammer-Theorie sei schon deshalb absurd, weil die Sowjetunion gar nicht genug Bernstein gehabt habe, um in drei, vier Jahren ein neues oder sogar zwei neue Bernsteinzimmer herstellen zu lassen, sagen die Bescheidwisser. Ja, gewiss, das beste Bernstein der Welt war sicher das ostpreußische "Gold der Ostsee". Und Ostpreußen gehörte damals den Sowjets noch nicht.

Aber auch anderswo auf der Welt wird Bernstein gefördert - nur nicht so gutes.

Für eine Kopie wäre gewiss auch Material zweiter Wahl noch gut genug gewesen. Denn der spätere Besitzer konnte ja nicht vergleichen. Die Hammer-Theorie hat den Vorteil, dass die anderen Bernsteinzimmer-Theorien so bleiben können, wie sie sind. Allerdings mit der Einschränkung, dass sie dann nicht mehr um das Original-Bernsteinzimmer kreisen würden, sondern um eine Drittanfertigung.

Was gegen die Theorie spricht: Der 1942 in Zarskoje Selo gestohlene Bernstein-Zimmer-Torso "Geruchssinn und Tastsinn", der im Mai 1997 in der Kanzlei des Bremer Rechtsanwalts Manhard Kaiser beschlagnahmt wurde, ist nach dem Urteil von Experten italienischen Ursprungs und damit echt. Wenn sie sich nicht irren, dann muss das Bernsteinzimmer, aus dem er stammt, nämlich, dem, das die großdeutschen "Kunstoffiziere" aus Zarskoje Selo abtransportierten, ja wohl ebenfalls echt gewesen sein.

Das 55 mal 70 Zentimeter große Tableau aus Halbedelsteinen, eines der vier florentinischen Mosaike, die Zarin Katharina 1755 in die Wände hatte einarbeiten lassen, war nämlich schon in Zarskoje Selo oder auf dem Weg von Zarskoje Selo nach Königsberg abhanden gekommen. Kunstdirektor Alfred Rohde merkte gleich beim Auspacken, dass es fehlte. Irgendwie war es in den Besitz des Oberleutnants Wilhelm Achtermann gelangt, der es dann seinem Sohn Hans vererbte. Dann hingen "Geruchssinn und Tastsinn" viele Jahre lang über dem Sofa in Hans Achtermanns Wohnzimmer in Bremen. Er will erst 1992 vom Wert des Kunstwerks erfahren haben.

Anfang 1997 wurde Notar Kaiser verhaftet, weil er das Mosaik unter der Hand hatte verkaufen wollen. Den Tipp hatte der SPIEGEL aus dem Stasi-Milieu erhalten. Genauer: von Axel Hilpert, vormals Chefeinkäufer der DDR-Firma "Kunst und Antiquitäten", und seinem Verbindungsmann Hans-Otto Teschner vom Ministerium für Staatssicherheit.

Das Mosaik wurde dem russischen Präsidenten Wladimir Putin Ende April in St. Petersburg zurückgegeben. Ex-Kulturstaatsminister Michael Naumann und Bremens Regierender Bürgermeister, Henning Scherf durften im Austausch dafür 101 von russischen Landsern geraubte Zeichnungen mit nach Hause nehmen, die viele Jahre lang in der deutschen Botschaft in Moskau auf eine Ausfuhrgenehmigung gewartet hatte.

Der "Virus des Suchens und Sammelns"

Für die Spurensuche blieb das Mosaik belanglos - weil es verschwunden war, lange bevor das Bernsteinzimmer selbst verschwand. Es war ähnlich wie mit der Maske des "toten Kriegers", deren Foto der Kölner Detektiv Clemens Toussaint 1994 in einem Katalog des Londoner Versteigerungshauses Christie's entdeckte. Das Bernsteinzimmer hatte acht solcher Masken. Toussaint vermutete, dass die bei Christie's eines von jenen Fragmenten war, die deutsche Landser nach der Eroberung Zarskoje Selos aus einer der Wände gebrochen hatten. Er rief in London an und bat um Auskunft. Ja, doch, sagte Auktionator Donald Johnston ganz freimütig, Toussaint habe recht, die Figur stamme seiner Ansicht nach aus dem Bernsteinzimmer. Der tote Krieger ging für 9000 Pfund Sterling weg.

An wen?

"A client from the continent." Kein weiterer Kommentar. Bei Christie's haben Bieter und Käufer Anspruch auf totale Anonymität. Toussaints weitere Recherchen stießen ins Leere. Gegen die perverse Omerta der Kunsthändler und Auktionatoren kommt keiner an. Nur, was macht man mit millionenschwerer Kunst, die man niemandem zeigen kann?

Nun, dass Kunstgenuss zwangsläufig ein Gemeinschaftserlebnis sei, das ist ein Vorurteil. Viele Tausende von Kunstwerken, die ihren rechtmäßigen Eigentümern im Dritten Reich und in der Nachkriegszeit gestohlen wurden, sind in Privatgemächern begraben, wo außer ihren Besitzern sich niemand an ihren Reize ergötzen kann.

Der russische Expräsident Boris Jelzin hat die Gerüchteküche 1991 beim Staatsbesuch in Deutschland noch mal tüchtig unter Dampf gesetzt. Am 22. November erklärte er dem Auswärtigen Ausschuss des Bonner Bundestags strahlend, er kenne das Versteck des Bernsteinzimmers. Jawoll, es sei auf deutschem Boden. Aber er werde nicht verraten, wo. Wenn die Deutschen für eine Rückführung sorgen würden, so versprach er, dann werde er dafür sorgen, dass sie den Schatz des Priamos zurückbekämen, der im Moskauer Puschkin-Museum verwahrt wird.

Ein Fragezeichen fehlt

Was Bonn nicht wusste: Boris Jelzin stützte sich offenbar auf einen Artikel, der ein paar Tage zuvor in der Moskauer "Rabotschaja Tribuna" erschienen war. Überschrift: "Bernsteinzimmer gefunden". Er konnte nicht ahnen, dass das von der Redaktion verhängte Fragezeichen entfallen war, weil der Setzer es vergessen hatte. Im Text stand es etwas genauer. Den hatte Jelzin aber offenbar nicht gelesen. Die russischen Chronisten hielten unbeschadet widriger Sachverhalte an ihrer vorgefassten These fest: Staatschef Jelzin macht ein historisches Angebot, und die Deutschen, arrogant, wie sie sind, reagieren nicht darauf. Das Bernsteinzimmer ist immer noch verschwunden. Kein einziger Königsweg deutet sich an.

Also noch mal zurück nach Königsberg. Nach seinem Tod tauchte ein Brief von Museumsdirektor Alfred Rohde auf, in dem es über das Versteck des Bernsteinzimmers hieß: "Es ist ein neuzeitlicher Hochbunker mit Heizungs- und Entlüftungsanlagen, in dem meine größten Kostbarkeiten liegen." Das könnte bedeuten, dass die eine Hälfte des Bernsteinzimmers die ganze Zeit im Hochbunker am Botanischen Garten geblieben war, in die Rohde sie nach dem alliierten Bomberangriff hatte auslagern lassen. Und möglicherweise, dass er auch die zweite Hälfte aus dem Schlosskeller in den Zoo-Bunker hatte bringen lassen.

Der Rundfunkkriegsberichterstatter Hans-Joachim Paris aus Murnau in Bayern hat dem SPIEGEL erklärt, er habe am 5. April 1945 gesehen, wie zwei städtische Arbeiter aus dem Untergeschoss des Königsberger Schlosses große Kisten nach draußen brachten. Die Kisten hätten - laut Auskunft der Arbeiter - das Bernsteinzimmer enthalten. Sie sollten am 6. April abtransportiert werden. Wohin, das sagten sie nicht.

Sturm auf Königsberg

Am nächsten Morgen gegen 7 Uhr trat die Rote Armee zum Sturm auf die Festung Königsberg an. Es war das Ende aller Hoffnungen. Zwei Tage darauf musste Königsberg kapitulieren. Paris gelang es, in Begleitung von zwei Mitarbeitern des Abwässeramtes durch die Kanalisation aus der Stadt zu flüchten.

Wenn die Arbeiter Hans-Joachim Paris nicht belogen haben, dann ist das Bernsteinzimmer oder zumindest eine zurückgebliebene Hälfte davon tatsächlich nicht mehr aus der Stadt herausgekommen. Denn wenn Alfred Rohde in den sechs voraufgegangenen Wochen seinen Schatz nicht hatte wegschaffen können, dann ist ihm das in den letzten drei Tagen ganz sicher auch nicht mehr gelungen. Die Stadt lag unter schwerem Dauerfeuer, die Logistik war auf breiter Front zusammengebrochen. Alle wollten vor allem die eigene Haut retten. Da ging gar nichts mehr nach Plan. Zum Schluss kamen nur noch ganz wenige Verstecke in Frage: an erster Stelle natürlich das Schloss.

Bürgermeister Helmuth Will war bis zu seinem Tod ganz sicher, dass das Bernsteinzimmer nur im Schlosskeller gewesen sein konnte. In dem totalen Inferno habe Rohde keine andere Wahl gehabt. "Ich habe von Stadthaus bis zu General Laschs Bunker am Paradeplatz drei bis vier Stunden gebraucht. Wie sollten da erst Kraftfahrzeuge durch die Stadt fahren?"

Beim "Ostpreußenblatt" in Hamburg hat sich 1967 ein Mitarbeiter der Königsberger Stadtverwaltung gemeldet, der am Tag nach der Kapitulation im Schlosshof war. Die Kellereingänge, so sagte er, seien von einer Sprengung verschüttet gewesen. Tags zuvor habe man noch hineingehen können. Rohdes Sohn Wolfgang glaubt auch, dass das Bernsteinzimmer in Königsberg geblieben ist. "Sonst hätte mein Vater mir was davon gesagt."

In der Brauerei wird gesucht

Auch die stillgelegte Schönbusch-Brauerei im Stadtteil Ponarth westlich der Bahnlinie Königsberg-Berlin kommt eventuell als Versteck in Frage. Das Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete hatte dort jede Menge Kunstbeute aus Osteuropa gelagert.

Ein Flüchtling aus Ponarth hatte Paul Enke erzählt, er habe als Zwölfjähriger beobachtet, wie auf dem Brauereigelände von sowjetischen Kriegsgefangenen schwarz angestrichene Kisten vergraben worden seien. Aber die Suche blieb ohne Ergebnis.

Gegen die Ponarther Brauerei sprechen zwei Überlegungen: Das Werksgelände unterstand Ostminister Alfred Rosenberg, der mit Gauleiter Koch nicht redete, weil er mit ihm verfeindet war. Außerdem lag Ponarth während der ganzen Belagerungszeit zwischen Anfang März und Anfang April im Feuerbereich der sowjetischen Artillerie. Hier war die Front immer am nächsten und der Druck der Roten Armee am stärksten.

Nach Ponarth führt noch eine weitere Spur. Erich Koch hat viel später erzählt, die Kisten seien im Bunker unter der Ruine der römisch-katholischen Kirche von Ponarth versteckt. Um die Spuren zu verwischen, habe er über dem Bunker mehrere Bomben zünden lassen. Aber die Kirche in Ponarth gehörte nicht der katholischen, sondern der evangelischen Kirchengemeinde. Eher hätte es die katholische Kirche am Steindamm sein können. Sie wurde in den ersten Apriltagen völlig zerstört. Aber nicht durch sowjetische Bomben oder Artilleriegranaten, sondern durch Sprengladungen.

Gefunden: Eine Marmorstatue und ein Sessel

Aus den Stasi-Akten geht hervor, dass irgendein Suchtrupp bei Grabungen im Keller der Kirche auf eine Marmorstatue und einen Sessel gestoßen ist. Am Sockel der Statue und auf der Rückseite des Sessels waren kleine Metallschildchen befestigt. Darauf stand auf russisch: "Puschkin-Museum". Seltsam, dass diese Spur nie weiter verfolgt wurde.

Ponarth wurde erst 1987 wieder interessant. Nach der Veröffentlichung seines "Bernsteinzimmer-Reports" meldete sich bei Stasi-Oberst Enke eine Zeugin namens Ruth Drescher. Sie erklärte, das Bernsteinzimmer sei im Februar auf sechs Militärlastwagen weggebracht worden. Der Konvoi habe aber nach einem Angriff von sowjetischen Tieffliegern bei Elbing umkehren müssen.

In Ponarth, so erklärte Ruth Drescher, hätten SS-Männer die Laster angehalten, die Ladung beschlagnahmt und sie an Ort und Stelle versteckt. Das deckte sich zum Teil mit der Aussage des ehemaligen polnischen Hiwis Jerzy Jastrzebski, die Kisten mit dem Bernsteinzimmer seien Anfang Februar 1945 auf dem Rücktransport von Elbing von der SS beschlagnahmt und in ein Kellergewölbe gebracht worden. Also vielleicht doch die Brauerei.

Nur, warum war denn da nichts gefunden worden?

"Weil in der falschen Brauerei gesucht wurde", sagt Ruth Drescher. Und zwar in der Brauerei Schönbusch statt in der Ponarther Brauerei, wo es mehr Sinn gemacht hätte. Im Februar 1988 trat dann ein 60 Mann starker Suchtrupp, den eine Zeitung in der lettischen Hauptstadt Riga organisiert hatte, zur Suche in der Ponarther Brauerei an. Das Unternehmen wurde nach einem halben Jahr ergebnislos abgebrochen. Die Rechercheure konnten auch nichts finden. Einfach weil sie im Untergrund gesucht hatte. Der "Eiskeller" war aber gar kein Keller, sondern der rote Turm auf dem Brauereigelände, in dem im 19. Jahrhundert das aus dem nahen Hubertusteich herausgehackte Eis, mit Sägespäne vermischt, gespeichert wurde. Das wussten die Letten offenbar nicht.

Warum die sowjetischen Untersuchungskommissionen nichts gefunden haben, die in Ostpreußen recherchierten, das lässt unter anderem der Augenzeugenbericht von Alexander Maximow, einem Mann, der dabei war, erahnen: "Ein Grabenbagger hob haufenweise Schotter aus, ohne auf festen Grund zu stoßen. Alle Arbeiten standen unter der Leitung von Angestellten der Stadtverwaltung, die dem Baggerführer ihre Kommandos mit dem Daumen gaben. Sie gingen hin und her und zuckten mit den Schultern, ruderten mit den Armen und befahlen an drei Stellen flache Gräben auszuheben. Damit endete das Unternehmen."

Der "Virus des Suchens und Sammelns"

Ja, ja, die Recherchen seien tatsächlich etwas bürokratisch, man könne auch sagen, zu gefechtsmäßig und zu wenig investigativ gewesen, bestätigt Oberst Awenir Petrowitsch Owsjanow, der Gebietsbeauftragte für die Suche nach kulturellen Gütern. Owsjanow kam über die Armee zur Archäologie. Er war 1968 Angehöriger der Pioniereinheit, die den Befehl hatte, die Schlossruine einzureißen. Es war ein Riesenspaß, das weiß er noch. Sie kariolten mit ihren Baggern in den Trümmern herum und machten platt, was ihnen unter die Ketten kam. Von Suche konnte natürlich nicht die Rede sein. Der "Virus des Suchens und Sammelns", wie er das nennt, habe ihn erst etliche Jahre später befallen.

Awenir Owsjanow sieht ein, dass er selbst dazu beigetragen hat, die wichtigste Spur zu verschütten. Das Schloss war nach dem Krieg nicht so total zerstört, wie es auf den Fotos vom April 1945 aussieht. Der Leiter des Schlossbauamtes, Architekt Hans Gerlach, hat über den Zustand des Gebäudes in seinen Erinnerungen geschrieben: "Zu diesem Zeitpunkt (10. April 1945) waren sowohl die ehemaligen Blutgerichtsräume wie auch der große Keller unter der Schlosskirche und die Luftschutzräume unter dem Unfried-Bau bis auf Beschädigungen der Eingänge noch intakt."

Ebenso der östliche Teil des Südflügels, wo die Kisten mit dem Bernsteinzimmer gestanden hatten. Pionier Owsjanow und seine Plattmacher haben der Ruine dann den Rest gegeben. Allerdings, sie zerstörten nur die Gebäude, aber nicht die darunter liegenden Hohlräume.

Das "Haus der Räte" steht auf wackeligem Grund

Heute stehen auf dem freien Terrain am Moskowskij Prospekt, wo früher das Schloss stand, eine Kwas-Trinkhalle, eine Imbissbude und ein Pissoir. Der größte Teil der Fläche ist ungenutzt. Nebenan reckt sich ein verwitterter zwanzigstöckiger Betontorso in den Himmel: Er sollte mal das "Haus der Räte" (Dom Sowjetow) werden. Als der Rohbau fertig war, stellten die Statiker fest, dass sie sich verrechnet hatten und dass der Untergrund viel zu weich war für so viel Beton.

Kaliningrad ist eine Stadt ohne Gesicht. Von dem bürgerlich-barocken Ambiente ist bis auf den schön restaurierten Dom aus dem 13. Jahrhundert fast nichts geblieben. Die Sowjets haben - anders als etwa die Polen in Breslau und Danzig - fast alles wegsaniert, was an die deutsche Zeit erinnerte. Aber sie haben Kaliningrad kein eigenes Gesicht gegeben. Und was viele am schlimmsten finden: Die Stadt Immanuel Kants trägt heute den Namen eines schlecht beleumundeten bolschewistischen Schranzen, der seine eigene Ehefrau in den Gulag brachte, nur um seine Karriere zu retten.

Ende 1994 hat eine "American-Russian Expedition" mit Hilfe von bodendurchdringendem Radar in den oberen Schichten der Schlosstrümmer mal ein bisschen herumgestochert. Sie fand ein paar Granaten, ein Seitengewehr und ein leeres Benzinfass. Awenir Owsjanow würde die Schlosskeller gern noch mal aufmachen. Aber er hat kein Geld. Außerdem mauert die Stadtverwaltung, weil sie fürchtet, dass das marode Rätehaus einstürzen könne, wenn man im Erdreich ringsum buddelt.

Dass der Untergrund am Moskowskij Prospekt noch Überraschungen birgt, das zeigte sich im Januar 1999 bei der Erweiterung der großen Binex-Tankstelle. Kurz nach Baubeginn legte der Bagger einen zwei Meter hohen gemauerten Tunnel frei, der offenbar das Schlossgelände mit dem Pregel verbunden hatte. Durch diesen Tunnel könnte man vielleicht in die Schlosskavernen vordringen.

Ostpreußen steckt noch voll archäologischer Überraschungen. Awenir Owsjanow fand im November tief in den Kasematten von Fort III im früheren Vorort Quednau, einem knorrigen Backsteinbollwerk am Alexander Newskij Prospekt (früher Cranzer Allee) aus der Zeit der Deutschen Ordensritter, 15.000 Kunstobjekte aus der berühmten "Prussia-Sammlung". Die Sowjetmarine hatte die alte Zitadelle Ende der vierziger Jahre als Munitionsdepot requiriert und erst 1998 wieder freigegeben.

Owsjanow wäre wohl nicht darauf gekommen, noch mal in Fort III zu graben, wenn nicht Schwarzhändler auf dem Kaliningrader "Rentnermarkt" Einzelstücke der Prussia-Sammlung angeboten hätten. 1970 hatte eine "Geheimexpedition" schon mal in den alten Kasematten gewühlt und die Suche nach ein paar Tagen aufgegeben. Owsjanow war damals dabei. Er gibt zu, dass sie nicht ordentlich nachgesehen hatten. Diesmal waren sie sorgfältig. Sie fanden die Prussia-Artefakte, indem sie den Boden aufgruben und den Schutt durchsiebten.

Owsjanow ist sicher, dass das Prussia-Kontingent nicht das letzte Geheimnis war, das Fort III preisgegeben hat. Seit Anfang des Jahres wurden dort weitere 5000 kleinere Teile der Prussia-Sammlung gefunden. In Kaliningrad hält sich das Gerücht, auch das Bernsteinzimmer sei dort versteckt. Owsjanow hat dafür jedoch keine Anhaltspunkte.

"Freie Mitarbeiter" beraten "meist unaufgefordert"

Awenir Owsjanow ist nur einer von vielen, die in Königsberg nach dem Bernsteinzimmer suchen. In seinem Büro hat er eine große Kartei von "freien Mitarbeitern", die ihn "meist unaufgefordert" beraten. Er teilt sie in vier Kategorien: die Wosotwiki, jene Rutengänger, die verborgene Schätze mit der Wünschelrute suchen; die Katschanischniki, die zur Suche einen Stab mit einem daran befestigten magischen Pendelball benutzen; die Korpusniki, bei denen es im Bauch oder sonstwo im Korpus kribbelt, wenn etwas Wertvolles in der Nähe ist; und die Rutschniki, die verlorene Werte dadurch aufspüren, dass sie mit dem Daumen über die Landkarte fahren.

Die Bernsteinzimmer-Suche lohnt sich eigentlich gar nicht

Awenir Owsjanow hat bei seinen Akten auch eine ein mal zwei Meter große Patchworkkarte von Kaliningrad und Umgebung. Einer seiner Mitarbeiter hat sie mit Dutzenden von Fotos, Notizen und Zeitungsausschnitten beklebt und mit großen Buchstaben quer drüber geschrieben: "Da ist das Bernsteinzimmer."

Alles Quatsch, sagt der Pensionär Günter Wermusch, der jahrelang für die Stasi mitgesucht hat. Owsjanow ist für ihn ein eben solcher Träumer wie all die Rutschniki, Korpusniki und Katschanischniki. Er hält die Suche - egal, wo - für Zeitverschwendung. Die Rote Armee habe die Schlossruine am 9. April in Brand gesteckt. Dabei sei auch das Bernsteinzimmer verbrannt.

Wermusch hatte ein Indiz für seine These, aber kein besonders starkes, wie sich inzwischen herausgestellt hat: Stalins Kunstkommissar in Königsberg, Alexander Jakowlewitsch Brjussow, hatte am 10. Juni nach einem Gespräch mit "irgendeinem Obersten" in sein Tagebuch geschrieben: "Er (der Oberst) erzählte: Als er das Schloss betreten hatte, sah er ausgerechnet in diesem großen Saal des Nordflügels große Kisten stehen. Die Kisten, die in der vorderen Reihe standen, waren zerbrochen. Und darin waren irgendwelche Möbel zu sehen. Daraus konnte man schließen, dass das Bernsteinzimmer verloren war." Den Kremlherren sei das bewusst gewesen. Sie hätten nur weiter suchen lassen, weil sie das Bernsteinzimmer als virtuelles Propagandainstrument für den Kalten Krieg benötigten.

Irgendein Oberst, irgendwelche Möbel - Das war alles sehr vage.

Brjussows Annahme, dass die Rote Armee die Schlossruine in Brand gesetzt habe, passt natürlich gut zu dem Höllenszenario, das sie nach der Eroberung in Königsberg entfesselte. Nirgendwo sonst in Deutschland, nicht mal in Berlin, haben Sowjetsoldaten ihre Rache an dem "faschistischen Tier", wie Ilja Ehrenburg es nannte, so animalisch ausgetobt wie in Ostpreußen. Der Arzt Hans Graf Lehndorf notierte am 9. April 1945 entsetzt über die Sieger in seinem "Ostpreußischen Tagebuch": "Das ist der Mensch ohne Gott, die Fratze des Menschen."

Ja, natürlich kann man sich gut vorstellen, dass die Rotarmisten, die brünftig und besoffen in Krankenhäuser einfielen und frisch operierte Frauen vergewaltigten, das nötige Brachialpotenzial hatten, um aus alter Kunst Kleinholz zu machen. Das Inferno war total. Gut möglich, dass das Bernsteinzimmer darin untergegangen ist. Aber keiner hat es untergehen sehen. Die Zeugenaussagen, die es belegen sollten, sind nicht haltbar. Und von einer Sache, die es nachweislich gab und die nicht nachweislich liquidiert wurde, muss man bis auf weiteres annehmen, dass sie noch existiert. Das ist die Dialektik des umgekehrten Augenscheinsbeweises.

Das "Ende einer Legende"?

Der Münchner Fernsehproduzenten Maurice Philip Remy hat Brjussows Tagebuch mit dem Vermerk über das Gespräch mit dem unbekannten Oberst in der Handschriftenabteilung der Moskauer Lenin-Bibliothek aufgestöbert. Aus dem Inhalt zieht er auch den Schluss, dass das Bernsteinzimmer beim Einmarsch der Sowjets zerstört wurde.

Remy hat seine ostpreußischen Erlebnisse 1990 fürs NDR-Fernsehens zu einem TV-Enthüllungsreißer mit dem Titel "Ende einer Legende" verarbeitet. Brjussow war sein Kronzeuge. Remy hat aber unterschlagen, dass Brjussow nach dem Verhör von Museumsmitarbeitern und nach Durchsicht des dienstlichen Schriftverkehrs von Rohde seine Meinung schon kurz danach korrigiert hatte. Im Dezember 1949 jedenfalls schrieb er: "Ich nehme an, dass das Bernsteinzimmer erhalten geblieben ist."

Und die These von Bernsteinzimmer-Chronist Günter Wermusch, die Sowjets hätten jahrelang nach dem Bernsteinzimmer gesucht, obwohl sie längst wussten, dass es eine Schimäre war? Ja, doch, im Prinzip lässt sich ein sowjetisches Interesse konstruieren, die deutschen Kunstdiebstähle propagandistisch aufzublasen, um sie gegen die eigenen Kunstdiebstähle in Deutschland aufzurechnen. _"Gebt uns das Bernsteinzimmer zurück, dann werden wir den Schatz des Priamos zu finden wissen", hat Irina Antonowa, die Chefin des Moskauer Puschkin-Museums, gesagt.

Nur, im vorliegenden Fall stimmten die logischen Koordinaten nicht. Die Deutschen konnten den Russen den Schatz ja nur dann zurückgeben, wenn er in Deutschland war. Wenn sie aber davon so fest überzeugt waren, warum haben sie denn überhaupt im eigenen Beritt danach gesucht?

"In ein paar Jahren werden wir ein neues Bernsteinzimmer haben", sagt die Museumswärterin

"Lasst uns Schluss machen damit, lasst uns aufhören mit dem Streit und dem Hass", sagt Soja Iwanowna Agalzeva, die Museumswärterin in dem Saal des Katharinenschlosses in Zarskoje Selo, wo früher das alte Bernsteinzimmer untergebracht war und wo jetzt ein neues heranwächst. "In ein paar Jahren werden wir ein neues Bernsteinzimmer haben, uns das wird schöner als das alte." Soja Iwanowna Agalzeva ist sehr stolz auf ihre Aufgabe. Sie schämt sich bloß ein bisschen, weil sie nur Zivil trägt. Das Kunstwerk sei so erhaben, dass man dazu Uniform tragen sollte, nicht Bluse mit Schleifchen.

Soja Iwanowna ist eine alte Soldatin. Sie hat bei Murmansk gegen die Deutschen gekämpft. Die meisten ihrer Kameraden sind gefallen. Aber sie hat nichts gegen die Deutschen. Sie hat bloß nie verstehen können, dass eine Nation, die so wunderbare Kunst hervorgebracht hat, in ihrer russischen Heimat so barbarisch habe wüten können. "So ist das, wenn der Krieg in der Seele des Menschen wohnt, ist dort für nichts Schönes mehr Platz." Gewiss, das gilt aber weltweit.

Man solle sich nichts vormachen, das alte Zimmer sei, bevor es verschwand, schon nicht mehr so prächtig gewesen, sagt Boris Igdalow, der Direktor der Puschkiner Bernstein-Werkstatt. Sicher irgendwie erhaben, aber die alte Pracht sei doch schon damals sehr verblasst gewesen. "Man kann das auch auf den Bildern aus den dreißiger und vierziger Jahren klar erkennen." Ganze Fleckenketten da, wo sich die Plättchen gelöst hatten, weil der Klebstoff sie nicht mehr hielt. Viele von den Mosaikplättchen waren geklaut.

Zwischen den Paneelen klaffen Lücken

Gegenüber der Fensterfront im ersten Stock des Katharinenpalasts stehen die Bilder von zwei der vier, fünf Dutzend King-size-Füsiliere, die der Zar dem Kollegen in Berlin seinerzeit als Gegenleistung für die Überlassung des Bernsteinzimmers schickte. Zwischen den Paneelen klaffen noch breite Lücken. Erst knapp die Hälfte ist fertig, obwohl nun schon zwanzig Jahre daran gearbeitet wird.

1999 stellte die Essener Ruhrgas AG, der größte westdeutsche Importeur von Russengas, der auch an dem Moskauer Staatskonzern "Gasprom" beteiligt ist, sechs Millionen Mark Fördermittel zur Verfügung. Und jetzt geht plötzlich alles viermal so schnell. Das neue Kabinett soll in drei Jahren komplett sein, im Jahr 2003, wenn St. Petersburg seinen 300. Geburtstag und Ruhrgas sein 77. Firmenjubiläum feiert. Vorausgesetzt, dass das Material reicht.

1997 hat der damalige Premierminister, Viktor Tschernomyrdin, den Restauratoren in Zarskoje Selo über eine Tonne Bernstein gestiftet, das der Zoll baltischen und polnischen Schmugglern abgenommen hatte. Aber der Rohstoff war nicht zu gebrauchen. "Fast die ganze Schmuggelware war minderwertig", sagt die Kunsthistorikerin Larissa Bordowskaja, die künstlerische Direktorin in Zarskoje Selo. "Es passte alles nicht zusammen, die Materialdichte, die Farben, die Größe und Qualität der Stücke." Einige zerbrachen ihnen zwischen den Fingern.

Der tranquilisierende Charme des noblen Werkstoffs lebt vom wechselhaften Zauber des Ensembles. Kein Stück ist wie das andere. Die klaren Sorten sind durchsichtig wie Glas und haben eine blassgelbe bis rötliche Tönung. Wolkiger Bernstein, wie der Fachmann ihn nennt, ist halb transparent. Man unterscheidet nach fettigen, knochigen und schaumigen Sorten. See-Bernstein ist in der Regel wertvoller als gegrabener, weil die Wellen ihn glatt geschliffen haben und weil die Fundstücke durchgängig von gleicher Qualität sind.

Materialnot macht erfinderisch.

Um die Farben richtig zu intonieren, haben Igdalow und seine Leute hellgelben Bernstein auf ganz kleiner Flamme in Honig gekocht. Das gab ihm den rötlichen Schimmer, den sie für die Intarsien an den Kristallspiegeln brauchten. Aber mit Improvisationen kommen sie nur in Zentimeterschritten weiter.

Ein guter Bernsteinschnitzer hat 80 Prozent Verschnitt. Deshalb wird für das Gesamtkunstwerk die enorme Menge von sechs Tonnen benötigt. Aber für die laufenden Arbeiten in diesem Jahr wird es ganz bestimmt noch reichen. Das Kilo Rohbernstein kostet ungefähr 1000 Mark. Geld ist aber nicht das Problem. Ruhrgas zahlt alles. Und fragt auch nicht, wo der Verschnitt bleibt.

Boris Igdalows Mitarbeiter sägen, drechseln, schleifen und kleben im so genannten Dienstkorpus, einem Seitenflügel des Schlosses, hinter vergitterten Fenstern. Wenn die goldbraunen Bernsteinklumpen zu halbfingerdicken Panneaus zersägt werden, hängt stundenlang Bernsteinnebel, der im Hals kratzt, in der Werkstatt. Zum Kleben benutzen sie Mastika, den gleichen Stoff, den Meister Bartolomeo Rastrelli, der Schöpfer des Original-Bernsteinzimmers, vor über 300 Jahren verwendete. Sie könnten natürlich modernen Elefantenkleber aus dem Baumarkt nehmen. Der hält mit Sicherheit besser. Aber er ist eben nicht langzeitgetestet. Und das neue Bernsteinzimmer soll ja wieder ein paar Jahrhunderte halten. Deshalb bleiben sie lieber bei Mastika.

Schwierige Rekonstruktion: Detailbilder nur in Schwarzweiß

Weil es vom Original keine Detailfarbbilder gibt, müssen Igdalows Leute nach verblichenen Schwarzweiß-Archiv-Vorlagen aus den dreißiger Jahren arbeiten. Für die Farbtönung verwenden sie die Analysen eines Moskauer Polizeilabors, das alte abgesplitterte Teilchen aus der Zeit vor der Demontage untersucht hat.

Wie dicht die Restaurateure in Puschkin den alten Meistern auf den Fersen seien, das zeige der Vergleich des in Bremen gefundenen Mosaiks und der Replika, die hier in Puschkin entstanden ist, sagt Igdalow. "Es gibt nur ganz, ganz feine Unterschiede." Das Original ist etwas gräulicher als die Kopie, aber sonst sind sie sich zum Verwechseln ähnlich.

In dem Mosaik sind edle Stein- und Halbedelsteinsorten verarbeitet, die Igdalow überall in der alten Sowjetunion aufgespürt hat: Flintsteine aus dem Ural, weißer Nefrit aus den Bergen hinter dem Baikalsee, Glasurit aus dem Altai-Gebirge, weißer armenischer Onyx und noch fünfzehn andere.

Bernstein ist keine so seltene Ressource auf Erden. Doch 90 Prozent der 1-a-Qualität, werden in Palmnicken (heute Jantarnyj) im russischen Samland gefördert. Der größte Teil davon geht nach Danzig. Auf polnischem Gebiet gibt's kaum noch Bernsteinvorkommen. Aber in und um Danzig sind 3000 Schnitzbetriebe registriert, in denen der goldgelbe Schmeichelstein zu Schmuck und Nippes verarbeitet wird. Eine ganze Industrie, die fast nur von geklautem und geschmuggeltem Rohstoff lebt.

Hat die "Bernstein-Mafia" Angst vor Entdeckung?

Die Moskauer Zeitung "Argumenty i fakty" meldete im Herbst 1995, das Bernsteinzimmer sei tatsächlich in Ostpreußen geblieben. Die "Bernstein-Mafia" habe den Schatz im Frühjahr 1994 in einem Königsberger Kellergewölbe gefunden. Er habe inzwischen mehrfach den Besitzer gewechselt, ostpreußisches Territorium aber nicht verlassen, weil das Entdeckungsrisiko zu hoch sei. In einem Bandenkrieg um das Bernsteinzimmer, so heißt es in Kaliningrad, sei mindestens ein halbes Dutzend Menschen ums Leben gekommen.

"Argumenty i fakty" ist eine ordentliche Zeitung, und die Mafia ist eine leistungsfähige Körperschaft. Insofern muss man den Bericht ernst nehmen. Aber dass sich die ostpreußische Gebietsmafia nicht traut, ihre Beute zu vermarkten, weil sie das Entdeckungsrisiko scheut, das ist doch eine These, die man noch mit Leben füllen muss. Von den vielen Tonnen Bernstein aus den Gruben bei Palmnicken, die jedes Jahr über die Grenzen nach Polen und ins Baltikum verschoben werden, fangen Polizei und Zoll ein bis zwei Prozent ab. Das Entdeckungsrisiko tendiert gegen null. Kaum vorstellbar, dass sich die Mafia davon schrecken ließe.

Die Bernsteinzimmer-Suche lohnt sich eigentlich gar nicht

Angeblich ist das Bernsteinzimmer 300 Millionen Mark wert. Ein Objekt, für das man schon mal ein paar tausend Baggerstunden investieren könnte. Doch der Gegenwert wäre gegebenenfalls kaum zu liquidieren. In dem Moment, in dem es auftauchen würde, wäre es auch schon beschlagnahmt. Als Eigentum der Russischen Republik oder als Faustpfand der Regierung in Berlin für deutsch-russische Beutekunstverhandlungen. Es gibt nicht mal einen Rechtsanspruch auf Finderlohn. Und deswegen ist es unwirtschaftlich, das Bernsteinzimmer zu suchen.

Man könnte es vermutlich nicht mal kannibalisieren und verkaufen, wenn man es fände. Der Rohstoff hat, so, wie er ist, wohl keinen großen Materialwert mehr. Er ist ganz sicher in viel schlechterem Zustand als frisch gegrabenes Bernstein. Jedes einzelne Plättchen müsste aufwendig saniert und gesäubert werden. Das lohnt sich nicht.

Und wenn die enigmatische Geschichte niemals endet, wenn das Bernsteinzimmer nicht gefunden wird, dann ist es auch nicht schlimm. Ein Schatz, der so viele schöne Träume und Aufregungen an sich bindet, ist doch auch schon eine Menge. Selbst wenn es ihn nur noch in der Phantasie seiner Verehrer gibt.

Ende.