Terror-Ermittlungen: Der Deutsche am Tisch von Osama Bin Laden - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Terror-Ermittlungen Der Deutsche am Tisch von Osama Bin Laden

Der Jordanier Shadi A. erweist sich immer mehr als Goldgrube für die deutschen Terror-Ermittler. Seine Aussagen führten nicht nur vergangene Woche zu der Festnahme eines mutmaßlichen Komplizen der Hamburger Terror-Zelle. Mittlerweile belastet der Zeuge auch einen Deutschen wegen des Anschlags auf die tunesische La-Ghriba-Synagoge schwer.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Viel weiß man nicht über den wichtigen Zeugen. Bisher ist lediglich ein Foto von seiner Festnahme vor einigen Monaten im Zusammenhang mit der Terror-Gruppe "al-Tawhid" bekannt, auf dem er jedoch eine Leder-Jacke über das Gesicht gezogen hat. Tief liegende Augen, kurz geschorene Haare und einen Bart soll er haben, berichteten Fahnder, die den Mann verhört haben. Viel wichtiger ist jedoch, was immer öfter von der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe zu hören ist: Dass der Mann sich als "immer glaubwürdiger" erweist und vielleicht die entscheidende Rolle bei der Aufklärung der Anschläge vom 11. September und anderen Aktionen der Terror-Organisation al-Qaida spielen könnte.

Zum ersten Mal war Shadi A. durch einen SPIEGEL-Bericht in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Damals hatte er demnach über seine Afghanistan-Besuche viel Interessantes ausgesagt und auch schon von anderen Deutschen in den Trainingscamps der al-Qaida in Kandhahar  gesprochen. Besonders für die neue Bewertung der Rolle von Ramsi Binalshibh, der mittlerweile in Pakistan festgenommen wurde, waren die Aussagen des Zeugen wichtig. Stück für Stück ist nun mehr von dem Wissen des Jordaniers zu erfahren. So führte die Aussagen von Shadi A. am Donnerstag zur Festnahme des mutmaßlichen Terrorhelfers Abdelghani Mzoudi, den er gemeinsam mit einer Gruppe von zehn in Deutschland lebenden Islamisten ebenfalls in dem Terror-Camp Afghanistan bei der Ausbildung an Waffen und Sprengstoff gesehen haben wollte.

Gleiches Muster wie bei den Attentätern vom 11. September

Nach Informationen des SPIEGEL konnten die Fahnder diese Information kurz vor der Festnahme endgültig verifizieren, da Mzoudi im April 2000 zunächst ein Visum für Pakistan beantragte. Nach seiner Rückkehr von seinem mutmaßlichen Afghanistanaufenthalt meldete er im November 2000 seine Pass als gestohlen und beantragte einen neuen Reisepass. Dass Muster kennen die Fahnder: Auch die Todes-Piloten vom 11. September waren so vorgegangen, um den verdächtigen pakistanischen Einreisestempel in ihrem Pass loszuwerden, da diese bei der geplanten Einreise in die USA aufgefallen wären. Für die Fahnder war das Verhalten Mzoudis deshalb ein klares Indiz, dass er wesentlich tiefer in die Hamburger Terror-Zelle verstrickt gewesen sein musste, als er bisher zugab.

Doch es sind nicht nur die Aussagen über Binalshibh oder Mzoudi, welche die Fahnder bei ihren Ermittlungen erheblich weiter bringen. Wie jetzt bekannt wurde, belastete Shadi A. auch den in Duisburg lebenden Christian G. im Zusammenhang mit dem Anschlag auf die La-Ghriba-Synagoge auf Djerba, bei dem im April 21 Menschen den Tod fanden, schwer. Nach einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" vom Samstag soll Shadi A. mittlerweile ausgesagt haben, dass Christian G., den seine Glaubensbrüder "Ibrahim" nennen, sehr enge Kontakte zu dem al-Qaida-Führer Osama Bin Laden gehabt haben soll. Shadi A. will ihn und zwei ebenfalls von der Polizei verdächtigte Männer aus dem Ruhrgebiet in einem Terror-Camp getroffen haben.

Enge Kontakte zu Osama Bin Laden

Der 25-jährige Duisburger Christian G. war bereits kurz nach dem Anschlag auf der Ferieninsel Djerba ins Visier der Fahnder geraten, da er kurz vor der Detonation mehrerer Gas-Bomben nahe der Synagoge einen Anruf des mutmaßlichen Attentäters Nizar Ben Mohammed Nawar erhielt, in dem dieser vermutlich in Codesprache den Anschlag ankündigte oder gar den Befehl dafür erbat. Seine Rolle wird nun für die Fahnder immer interessanter, denn Shadi A. berichtete, dass G. in Afghanistan Hasspredigten von Osama bin Laden für das Internet bearbeitet habe. Er habe im gleichen Wohnkomplex wie bin Laden gelebt und ein sehr vertrauensvolles Verhältnis zu dem Terror-Chef gehabt.

Bisher ist der Verdächtige Christian G. noch auf freiem Fuß. Er hat den Behörden seine Aufenthalte und Aktivitäten in Afghanistan ausführlich geschildert. Selbst die Kontakte zu Osama bin Laden leugnete er nicht. Allerdings habe ihn der Top-Terrorist lediglich wegen der Zuckerkrankheit seiner kleinen Tochter konsultiert, so seine Aussage laut "SZ". Den mutmaßlichen Attentäter von Djerba habe er nur flüchtig kennen gelernt und von seinen Terror-Plänen nichts gewusst. Auch Shadi A. sagte aus, dass er in Afghanistan nichts von den Djerba-Plänen erfahren habe, was zu der konspirativen Organisationsform der al-Qaida passen würde.

Wie glaubwürdig der Zeuge Shadi A. wirklich ist, bleibt unklar. Warum, so fragen sich die Ermittler, berichtet er so offen über sein Wissen? Mittlerweile aber konnten die Fahnder viele seiner Aussagen verifizieren. Neben den Afghanistan-Trips führte er sie zu einem versteckten Waffenlager in Deutschland. Deshalb hängen die Terror-Jäger weiter an seinen Lippen. Denn jede noch so kleine Spur ist ein weiteres Stück im großen Puzzle, das sie zusammen setzen wollen.

Matthias Gebauer