Terror-Festnahmen in Indonesien Der deutsche Mudschahed
Jakarta/Berlin - Die Gerüchte waren so unwahrscheinlich, dass anfangs niemand daran glauben wollte. Die Kontakte des Hamburger Terrorpiloten Mohammad Atta hätten bis nach Indonesien gereicht, berichteten Mitglieder islamistischer Splittergruppen schon im vergangenen September. Immer wieder hätten Gruppen um die Hamburger Attentäter über philippinische Muslime von der Muslim Islamic Liberation Front (MILF) Kontakt zu den Mitkämpfern in Südostasien gehalten.
Doch die vagen Kontakte waren noch nicht alles. Von einem "deutschen Mudschahed" war da noch die Rede, der sich an blutigen Kämpfen zwischen Muslimen und Christen auf den indonesischen Inseln Ambon und Sulawesi beteiligt haben soll. Zuletzt sei er sogar in einem al-Qaida-Trainingslager beim Städtchen Poso gesehen worden.
"Alles Unsinn", dementierten indonesische und deutsche Sicherheitskreise unisono. Die absolute Mehrheit der knapp 200 Millionen Muslime in Indonesien sei gemäßigt und verfalle nicht radikalen Ideen. Die größte Muslimnation der Erde biete deshalb islamistischen Terrorgruppen auch keinen Unterschlupf.
Was plante der Deutsche in Indonesien?
Am Mittwoch musste der indonesische Minister für die Koordination von "Militärischen und Sicherheitsbelangen", Susito Bambang Yudhoyono, jedoch gehörig zurückrudern. Nach einer Krisensitzung mit Präsidentin Megawati Sukarnoputri kündigte der Ex-General an, es werde eine umfassende Untersuchung geben, die der Frage nachgehe, ob sich in seinem Land, ein Terrornetzwerk mit Kontakten zu al-Qaida etabliert habe.
Der Erklärung vorausgegangen war die Ausweisung von sechs arabischen Staatsbürgern. Vor allem aber elektrisiert die Fahnder die Verhaftung eines 42-jährigen Ägypters mit deutscher Staatsbürgerschaft. Der Mann, der zuletzt im südbadischen Raum gemeldet war, trug einen gültigen Reisepass bei sich, der in der deutschen Botschaft in der saudiarabischen Hauptstadt Riad auf den Namen Seyam R. ausgestellt worden war. Außerdem hatte er auch noch einen deutschen Personalausweis bei sich.
Aus Bosnien mit einem gestohlenen Auto
Bei den ersten Verhören gab der Mann nach Informationen von SPIEGEL ONLINE an, er sei mit einer Deutschen verheiratet, habe deshalb die deutsche Staatsbürgerschaft und arbeite als Fernsehjournalist. Bei einer Hausdurchsuchung fanden die Behörden bei Seyam R. Videomaterial über die paramilitärische Ausbildung von Zivilisten und umfangreiches Material in Deutsch.
Aus indonesischen Sicherheitskreisen hieß es nach der Festnahme, offenbar habe sich Seyam R. in den vergangenen Jahren an mehreren der bürgerkriegsähnlichen Konflikten zwischen Muslimen und Christen in Indonesien aktiv beteiligt. Die jetzige Festnahme und der Verdacht der Mitgliedschaft bei al-Qaida lässt jetzt einen Vorfall aus den neunziger Jahren in einem ganz anderen Licht erscheinen. Damals war Seyam R., der auch den deutschen Namen Hans K. als Tarnung benutzt haben soll, an der deutschen Grenze mit einem gestohlenen Auto aus Bosnien erwischt worden. Er gab an, er habe den Wagen für seine Tätigkeiten in einer Hilfsorganisation als Geschenk bekommen.
Der Bosnien-Aufenthalt wird für die Ermittler nun interessant. Denn mittlerweile ist aus mehreren Quellen bekannt, dass die Terrororganisation al-Qaida auch in Bosnien aktiv war. Demnach könnte auch Seyam R. in Bosnien mit al-Qaida in Kontakt gekommen sein. Mit seinem deutschen Pass wäre er ein idealer Agent der Terrorgruppe von Osama Bin Laden.
Geld für den Terror
Strafermittler überprüfen ferner, ob über Deutschland und Indonesien Unterstützungsgelder an Terrorgruppen weitergeleitet wurden. Das Interesse der Ermittler konzentriert sich auf die humanitäre Organisation Komite Zakat Infaq. Offenbar flossen über diese Organisation Gelder an Extremisten in Indonesien.
Die Rolle von Seyam R. ist bisher noch unklar, doch erste Details der Ermittler lassen vermuten, dass er eine wichtige Rolle in al-Qaida spielte. Nach bisher nicht bestätigten indonesischen Zeitungsberichten soll Seyam R. der Chef des Kuweiters Omar el-Faruk sein, der als wichtiges Mitglied von al-Qaida gilt. Faruk, der Jahre lang mit einem gefälschten indonesischen Pass in der Inselrepublik untergetaucht war, ging Jakartas Geheimdienst Anfang Juni ins Netz.
Seit dem 6. Juni ist Faruk in CIA-Gewahrsam auf der US-Militärbasis im afghanischen Bagram. Nach Berichten des "Time"-Magazins hat Faruk dort nach monatelangen Verhören mit folterähnlichen Methoden wie Essens- und Schlafentzug gestanden, Anschläge auf die indonesische Präsidentin Megawati Sukarnoputri und auf zahlreiche westliche Botschaften in Jakarta, Kuala Lumpur, Manila und Singapur geplant zu haben. Die USA nehmen die Ankündigungen ernst und schlossen vorerst die Landesvertretungen in den betroffenen Ländern.
Planungen für Anschläge
Aus deutschen Sicherheitskreisen war am Donnerstag zu hören, dass die Festnahme des 42-jährigen Deutschen mit den neuen Aussagen Faruks zusammenhänge. Dieser hatte Seyam R. offenbar unter dem Kampfnamen "Abu Daud" enttarnt. Nach den ersten Meldungen aus Indonesien hieß es bei den deutschen Fahndern, es sei "so gut wie sicher", dass Seyam R. im engen Kontakt zu al-Qaida steht. Was er in Jakarta konkret plante, ist jedoch zumindest den deutschen Behörden noch nicht bekannt. Die Ermittler brennen auf die Unterlagen aus Indonesien.
Die jetzige Festnahme deutet darauf hin, dass Indonesien und die geografische Umgebung des Staates als Rückzugsraum für die versprengten Kommandos der Terrorgruppe al-Qaida dient. Der US-Geheimdienst CIA geht mittlerweile davon aus, dass in Südostasien die größte Anzahl von al-Qaida-Kommandos außerhalb von Afghanistan und Pakistan untergekommen ist. Die Verbindungen sind schon lange vor dem 11. September etabliert worden, glauben die Ermittler.
Bereits 1998 und 1999 reisten mehrfach Abgesandte von Osama Bin Laden nach Indonesien. Sie nahmen Kontakt zu den GAM-Separatisten in Aceh auf und boten der Gruppe Darul Islam, die sich für die Verwirklichung eines islamischen Staates in Südostasien einsetzt, Waffen und Geldmittel an. Kontakte bestanden auch zu den Radikalislamisten der Jemaah Islamiah (JI), deren Führer Abu Bakar Ba'asyir in Malaysia und Singapur per Haftbefehl gesucht wird.
Auf Initiative des al-Qaida-Terrornetzwerkes trafen sich im Jahre 2000 Mitglieder verschiedener islamistischer Gruppen in der Nähe der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur. Mit von der Partie waren Darul Islam, die JI und die für einen Muslimstaat kämpfenden MILF. Bekannt wurde von diesem Treffen, dass insgesamt 20 Selbstmordattentäter für Anschläge gegen westliche Botschaften in Südostasien bereitstünden.
Was wollte Moussaoui in Südostasien?
Am Rande dieser Tagung registrierte der malaysische Geheimdienst ein Zusammentreffen zwischen dem Kuweiter Omar el-Faruk und dem "Bin-Laden-Leutnant" (so einer der Anwesenden) Zacarias Moussaoui. Der in Marokko geborene Mousaoui, der jetzt als mutmaßlicher 20. Terrorpilot vom 11. September in den USA vor Gericht steht, habe Faruk dabei beauftragt, vier Tonnen Ammoniumnitrat zu besorgen. Das Düngemittel sollte zur Sprengstoffherstellung für die Bombenanschläge auf westliche Botschaften und US-Schiffe benutzt werden, die der indonesischen Hafenstadt Surabaya einen Flottenbesuch abstatteten.
Wie weit das Netzwerk des al-Qaida-Mannes Faruk reichte, zeigt auch das CIA-Abhörprotokoll seines Handys. Die indonesische Nummer wurde nicht nur von dem inzwischen verstorbenen tschetschenischen Guerillaführer Ilbin al-Khattab angewählt, sondern auch von einem al-Qaida-Mann, der jetzt in Guantanamo Bay festgehalten wird. Ebenfalls listet das Abhörprotokoll Kontakte mit Fathur Rohman al-Ghozi auf. Der Indonesier Ghozi gilt dem singapurischen Geheimdienst ISD als Hauptdrahtzieher der JI-Zelle in der Bankenstadt.
Die Ermittlungen führten schon im Dezember letzten Jahres zu 21 Festnahmen von Islamisten. Sie hatten mit Videokameras die Botschaften Israels, Australiens, Großbritanniens und der USA ausgekundschaftet. Geplant war offenbar, al-Qaida-Kommandos in die Stadt zu schleusen, die sich dann mit Lastwagen voll Ammoniumnitrat vor den ausländischen Vertretungen in die Luft sprengen sollten.
Training auf den Inseln
Wie erst diese Woche bekannt wurde, nahm der ISD dann im August weiter 21 Mitglieder der Singapurer JI-Extremisten fest. Einige der Verdächtigen hätten Kontakte zur philippinischen Separatistengruppe MILF unterhalten, lautet der Vorwurf, und im Dschungellager der Gruppe auf der philippinischen Insel Mindanao militärisches Training erhalten. 14 der Möchtegern-Terroristen trainierten gar heimlich nahe des malaiischen Städtchens Kota Tinggi, weniger Kilometer hinter der Singapurer Grenze.
Zusammen mit den Gesinnungsgenossen von al-Qaida sei es geplant gewesen, Anschläge gegen die Wasserversorgung der Bankenstadt, den Großflughafen Changgi, den Chemiekomplex Jurong, das Verteidigungsministerium und den US- Marinestützpunkt Changgi auszuführen.
Ziel der radikalen Muslims war es, so der Geheimdienst, mit ihren Anschlägen Rassenunruhen zwischen Chinesen und Malaien in Singapur und jenseits der Grenzen in Malaysia zu provozieren. Was die Geheimdienste in Singapur jedoch besonders beunruhigt, ist, dass von dem Sprengstoff, mit dem die Anschläge ausgeführt werden sollte, noch jede Spur fehlt.