Terror-Festnahmen Zugriff vor der Abreise
Berlin - Für Richter und die Terror-Ermittler war es ein langer Montag am Bundesgerichtshof in Karlsruhe. Seit dem Vormittag tagten die Beteiligten in nichtöffentlicher Sitzung über einem pikanten Fall. Zwei Anträge auf Haftbefehl hatte die Bundesanwaltschaft gestellt: Den 29-jährigen Iraker Ibrahim Mohamed Ibrahim K. verdächtigen sie der Mitgliedschaft in der Terror-Organisation al-Qaida und den 31-jährigen staatenlosen Palästinenser Yasser Abu S. der Beihilfe an der Rekrutierung und der Geldbeschaffung für die Gruppe des Terror-Chefs Osama Bin Laden. Beide waren bei Zugriffen am frühen Sonntagmorgen in Mainz und Bonn festgenommen worden.
Für die Richterin war die Materie nicht neu. Bereits im Dezember hatte sie die ersten Verhandlungen gegen zwei mutmaßliche Terroristen geleitet, die angeblich einen Anschlag auf den irakischen Ministerpräsidenten in Berlin geplant hatten. Gegen 19 Uhr fiel die Entscheidung: Der in Mainz aufgegriffene Iraker ist demnach dringend verdächtig, Mitglied einer ausländischen terroristischen Vereinigung zu sein, der in Bonn festgenommene Palästinenser der Unterstützung der Gruppe.
Mit den beiden Festnahmen hat sich eine Befürchtung der Sicherheitsbehörden bestätigt. Besonders in den letzten Monaten hatten hochrangige Fahnder und Geheimdienstler gewarnt, in Deutschland würden Attentäter für den Kampf gegen die US-Besatzer im Irak geworben und auch Geld für den gewaltsamen Widerstand gesammelt. Aus ihren Recherchen wissen die Terror-Jäger mittlerweile recht genau, dass der Konflikt im Irak eine zentrale Rolle in der Propaganda von al-Qaida spielt. Durch diese, so die Befürchtung, könnten auch in Deutschland lebende Muslime und konvertierte Deutsche zu einem Kampfeinsatz am Euphrat überzeugt werden.
Trips ins Terror-Land am Euphrat
Spätestens seit dem vergangenen Jahr ist aus der Befürchtung Realität geworden. Damals deckten die Behörden den Fall eines solchen "Terror-Reisebüros" in Bayern auf und verhinderten die Schleusung von Dschihadisten in den Irak. Möglicherweise stehen der Fall aus Bayern und der aktuelle Zugriff sogar in einem Zusammenhang. Laut einem Bericht der "SZ" soll der am Sonntag festgenommene Iraker zu dem Terror-Schleuser aus München Kontakt gehabt haben. Trotz der beiden Erfolg aber rechnen die Terror-Jäger damit, dass schon einige junge Männer von Deutschland aus in den Irak gezogen sind. Bisher gibt es keinen Hinweis, dass die beiden am Sonntag gefassten Männer Pläne für einen Anschlag in Deutschland hatten.
Den Ermittlungen zufolge war der Iraker M. schon seit Jahren in Deutschland aktiv, um Nachwuchs und Finanzmittel für die Qaida zu beschaffen. Mittlerweile bezeichnen ihn die Fahnder gar als hochrangiges Mitglied der Qaida. So war Mohamed Ibrahim K. bereits vor dem 11. September 2001 in afghanischen Terror-Lagern ausgebildet worden. Dort soll er nach den Erkenntnissen auch mit dem Logistiker der Terror-Piloten, Ramzi Binalshibh, und sogar mit dem obersten Führer der Qaida, Osama Bin Laden, zusammen gekommen sein.
Auch nach den Terror-Attacken in den USA ging K. den Ermittlungen zufolge seiner Tätigkeit als Dschihadi weiter nach. Er reiste erneut nach Afghanistan und beteiligte sich am Kampf gegen die US-Besatzer. Die Ermittler zeigen sich durch ihre Recherchen überzeugt, dass er dort mit hochrangigen Mitgliedern der Qaida zusammen getroffen ist. Diese sollen ihn von einem eigentlichen Plan, als Märtyrer bei einem Selbstmordanschlag zu sterben, abgebracht haben. Zu wertvoll war der Mann mit der deutschen Aufenthaltserlaubnis, um ihn zu opfern, so eine mögliche Überlegung der Terror-Strategen.
Mit Ibrahim Mohamed K. hatten sie anderes vor. Er sollte nach Deutschland zurückkehren, um dort junge Männer für den heiligen Krieg zu gewinnen und Geld einzutreiben. Tatsächlich kehrte K. dann auch im September 2002 nach Deutschland zurück und zog nach Mainz. Schon damals hatten ihn die Behörden im Rahmen der Rasterfahndung nach dem 11. September einmal überprüft, allerdings nichts Verwertbares gegen ihn gefunden.
Telefonüberwachung rund um die Uhr
Erst im Herbst 2004 bekamen die Ermittler durch Telefonüberwachungen Wind davon, dass K. Kontakt zu dem in Bonn lebenden Yasser Abu S. aufnahm. Dieser war den Ermittlern nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" schon vorher aufgefallen, da bei einer Verkehrskontrolle Hass-Predigten und ein Video mit Aufrufen zum heiligen Krieg gefunden worden waren. Seitdem hefteten sich die Behörden an die Fersen des mit einer Syrerin verheirateten Mannes und belauschten rund um die Uhr sein Telefon.
Stück für Stück erschloss sich von da an ein gänzlich neues System der Finanzierung des Terrors. Hatten sich andere Verdächtige zuvor durch Passfälschungen, Kreditkartenbetrug oder andere Delikte das Reisegeld für einen Terror-Trip beschafft, planten K. und sein Komplize S. einen groß angelegten Versicherungsbetrug. Demnach sollte S. in Ägypten einen tödlichen Verkehrsunfall vortäuschen, damit danach verschiedene bereits abgeschlossene Lebensversicherungen ausgezahlt wurden. Dafür hatten die beiden Männer bereits fünf Lebensversicherungen bei unterschiedlichen Unternehmen unterschrieben, weitere Anträge liegen noch bei anderen Versicherern. Insgesamt sollten die Berechtigten für den vorgetäuschten Todesfall Summen zwischen 23.000 und 235.000 Euro erhalten - insgesamt sollten 832.640 Euro ergaunert werden.
Ein Onkel von Yasser Abu S., der auch einen ägyptischen Pass hat, sollte gefälschte Papiere in Ägypten beschaffen. Von dem Geld sollte ein Teil an die Familie von S. gehen, der gemeinsam mit seiner Frau und zwei Brüdern in einem schlichten Einfamilienhaus in Bonn lebte. Der andere Teil war für die Finanzierung eines Anschlags im Irak gedacht, den S. nach seinem fingierten Tod ausführen sollte. Der Rest war für die Weitergabe an andere Kämpfer gedacht, so die Vermutung der Fahnder. Als sich schließlich vor dem Wochenende in den Telefonaten zwischen den beiden Männern die Abreise nach Ägypten immer mehr konkretisierte, griffen die Fahnder zu.
Das Spiel mit der Atom-Angst
Die neue Finanzierungsvariante ist nicht nur für die deutschen Ermittler interessant. "Es ist zwar zu früh, die jetzt aufgedeckte Methode als eine neue Masche zu bezeichnen", sagte der Oberstaatsanwalt bei der Bundesanwaltschaft, Hartmut Schneider, "gleichwohl könnte sie von anderen Tätern ebenfalls angewandt werden".
Etwas gelassener betrachten die Fahnder mittlerweile Telefongespräche der beiden Männer, in den von der Beschaffung atomaren Materials die Rede war. Demnach wollte der Iraker Ibrahim Mohamed K. von einer Gruppe in Luxemburg 48 Gramm angereichertes Uran erwerben. Bis zum Zeitpunkt der Festnahme allerdings konkretisierte sich der Plan nicht, der Name der angeblichen Gruppe wurde nie genannt. Auch ob das Material in Luxemburg tatsächlich vorlag ist bisher unklar. K. redete in den abgehörten Telefonaten stets nur von einem Freund, der das Uran angeblich geklaut habe.
Gleichwohl ist das Geplauder über den Bau einer schmutzigen Bombe ein weiteres Zeichen dafür, dass die Terroristen mit dem Gedanken an einen Nuklearanschlag spielen. Zwar wären für den Bau einer solchen Bombe fast 50 Kilogramm Uran notwendig, doch die Idee allein sorgt in der westlichen Welt für Aufregung. Das Geschäft mit der Angst vor solchen Anschlägen gehört mittlerweile fest zum psychologischen Programm des Terrors wie die täglichen Attacken im Irak, zu denen sich meist umgehend der Terrorist Abu Mussab al-Sarkawi bekennt. Die Festnahmen der beiden Männer in Bonn und Mainz werden an dieser PR-Methode der Terroristen nicht viel ändern.