Terrorangst In Italien wächst die Nervosität
London/Rom - Die italienischen Geheimdienste haben ihre Warnungen vor bevorstehenden Anschlägen bekräftigt. Es befänden sich islamistische Terrorzellen in etwa einem Dutzend Städte des Landes, berichtete das staatliche italienische Fernsehen gestern Abend unter Berufung auf Geheimdienst-Experten. Sie seien potentiell in der Lage zuzuschlagen. Der Vorsitzende des parlamentarischen Geheimdienstausschusses, Enzo Bianco, sagte laut der Tageszeitung "La Repubblica": "Wir können ohne Übertreibung sagen: Italien ist in Gefahr."
Die Hinweise seien zwar nicht konkret, so Bianco, aber Italien sei ein mögliches Anschlagsziel. "Wir wissen nicht wann, wo und wie sie zuschlagen." Die italienischen Sicherheitskräfte täten aber ihr Möglichstes, um jedes Attentat zu verhindern. Insbesondere geht es den italienischen Geheimdiensten derzeit darum, herauszufinden, ob die Terrorzelle, die für die Anschläge in London verantwortlich war, auf Großbritannien beschränkt war oder internationale Verbindungen pflegt.
Italienische Anti-Terror-Fahnder hatten bereits zweimal in den vergangenen Tagen Großrazzien im ganzen Land durchgeführt. Dabei gab es weit über hundert Festnahmen. Geheimdienste sind bereits seit Jahren der Ansicht, der Vatikan und Italien gehörten zu den Hauptzielen islamistischer Terroristen. Ministerpräsident Silvio Berlusconi gilt als enger Vertrauter der USA. Fast 3000 italienische Soldaten sind im Irak stationiert.
In London befürchtet die Polizei, die Zahl der Todesopfer könne noch weiter steigen. Einige der etwa 700 bei den Anschlägen Verletzten schweben noch in Lebensgefahr. Scotland Yard weitet die Fahndung nach den Hintermännern der Selbstmordanschläge aus. Hilfe erhoffen sich die Ermittler aus der Bevölkerung. Gestern wurden Fotos des Bus-Attentäters veröffentlicht - in der Hoffnung, so weitere Details zu erfahren.
Unter Berufung auf Polizeiquellen meldete die Presse, dass ein möglicher fünfter Attentäter gesucht werde. Bilder von Überwachungskameras zeigen demnach, dass die vier Attentäter kurz vor ihrer Tat auf einem Bahnsteig in der Vorstadt Luton noch mit einem fünften Mann zusammenstanden.
Als Täter wurden vier muslimische Selbstmordattentäter im Alter von 18 bis 30 Jahren identifiziert. Drei stammten aus der nordenglischen Stadt Leeds und waren in England zur Welt gekommen. Nach Angaben der Polizei vom gestern handelte es sich bei dem vierten Terroristen um Lindsey Germaine, der in der Grafschaft Buckinghamshire wohnte und in Jamaika geboren wurde.
Die britische Polizei fahndete gestern weiter nach möglichen Hintermännern und Komplizen. Nach einem Bericht der "Times" glaubt Scotland Yard, den Drahtzieher der Anschläge identifiziert zu haben, einen Briten pakistanischer Herkunft mit al-Qaida-Kontakten. Er sei im vergangenen Monat in einem britischen Hafen eingetroffen, um den vier Selbstmordattentätern Anweisungen zu geben. Möglicherweise sei er auch der Bombenbauer, berichteten andere Medien. 24 Stunden vor den Anschlägen habe er das Land wieder verlassen.
Gefahndet wurde nach Berichten auch nach einem ägyptischen Chemiestudenten, der aus seinem Haus in Leeds verschwunden ist. Die Polizei veröffentlichte außerdem Aufnahmen den Bus-Attentäters Hasib Hussain (18), in der Hoffnung, von möglichen Augenzeugen weitere Details über das Geschehen zu bekommen. Ein Polizeisprecher sagte, die Ermittlungen würden noch Monate in Anspruch nehmen.
Der Londoner Bürgermeister Ken Livingstone und der Geschäftsführer der U-Bahn, Tim O'Toole, sagten, es gebe leider keinen Schutz gegen Selbstmordattentäter in Bussen und Bahnen. Unerkannt könne wegen der vielen Überwachungskameras kaum jemand eine solche Tat begehen, doch wer bereit sei, sein Leben zu geben, lasse sich von Kameras natürlich nicht abschrecken.