Terroranschlag Falschmeldung sollte Panik verhindern
London - Mehr als 50 Menschen kamen bei den Anschlägen auf Londoner U-Bahnen und einen Bus ums Leben, Hunderte weitere wurden verletzt. Dass den Opfern schnell geholfen wurde, ist der besonnenen Reaktion der britischen Rettungskräfte zu verdanken. Denn unmittelbar nach der Detonation der ersten Bombe am Bahnhof Liverpool Street lief das Szenario genau so ab, wie es die Sicherheitskräfte es bei einer Übung simuliert hatten.
Um eine Massenpanik in der Bevölkerung zu verhindern, streute die Polizei zunächst die Information, ein Kurzschluss habe die U-Bahnen in ganz London lahm gelegt. Mehr als eine Stunde lang wurde diese Meldung verbreitet - mit Erfolg. Pendler, Touristen und andere nicht direkt von den Explosionen betroffene Fahrgäste behielten die Ruhe. Augenzeugen berichteten später, die meisten hätten sich nur über die vermeintliche Panne geärgert und seien über die Verzögerung ungehalten gewesen.
Andere jedoch ahnten oder wussten bereits, dass es nicht nur um ein technisches Problem ging. "Als ich das Wort Kurzschluss hörte, wusste ich, das war ein Trick", zitiert die britische Zeitung "Guardian" einen Mitarbeiter der Londoner U-Bahn. Denn: "Die drei Bahnhöfe sind an unterschiedliche Stromnetze angeschlossen".
Eine Sprecherin der Bahn hielt sich an die Vorgabe der Polizei, als um 8.51 Uhr nahe der Station Liverpool Street die erste Bombe explodierte. Kurz nach dem Zwischenfall gab sie bekannt, es habe einen lauten Knall gegeben, der möglicherweise durch einen Kurzschluss ausgelöst worden sei. Daher seien die Stationen evakuiert worden, begründete sie den Schritt. Um 8.56 und um 9.17 Uhr detonierten zwei weitere Sprengsätze an anderen Orten der "Tube". Als um 9.47 Uhr ein Doppeldeckerbus durch die Wucht einer vierten Explosion in Stücke gerissen wurde, wurden die Gerüchte zur Gewissheit: Der Grund für das Chaos war kein Kurzschluss.
Doch trotz der offenbar perfekten Zusammenarbeit von Polizei und Rettern bei der Bergung der Opfer und Räumung der Bahnhöfe gibt es Kritik an der Arbeit der Sicherheitskräfte von Scotland Yard und dem Inlandsgeheimdienst MI 5. Immer wieder hatten Bürgermeister Ken Livingstone und die Chefs von Scotland Yard gesagt, eine Attacke auf London sei "nur eine Frage der Zeit". Dennoch wurde der Terroralarm in Großbritannien im vergangenen Monat durch das Joint Terrorist Analysis Centre (Jtac) von der zweit- auf die dritthöchste Stufe herabgestuft.
Diese Entscheidung sei getroffen worden, weil die al-Qaida-Anführer nach Ansicht des Jtac nicht dazu in der Lage seien, einen Anschlag in Großbritannien zu organisieren, berichtet der "Guardian". Hinweise auf terroristische Angriffe auf London während des G-8-Gipfels in Gleneagles hatten die Fahnder demnach nicht. So sieht es Scotland Yard auch jetzt: Es habe keine Anzeichen für die Anschläge gegeben, keine Warnung, sagte ein Sprecher gestern und wiederholte es heute.
Im schottischen Gleneagles herrschte die höchste Sicherheitsstufe. Um die versammelten Staats- und Regierungschefs zu schützen, wurden 1500 Polizisten aus der Hauptstadt nach Schottland beordert. Dass Scotland Yard von der Attacke in der Hauptstadt so überrascht worden sein soll, ist für Fachleute schwer nachvollziehbar. Es sei doch bekannt, dass al-Qaida niemals solch hochgesicherte Ziele angreife. "Warum den Tiger angreifen, wenn es so viele Schafe gibt?", sei deren Philosophie, sagte Terror-Experte David Capitanchik von der Universität Aberdeen.
Nun jedenfalls sind die britischen Behörden in äußerster Alarmbereitschaft und rechnen mit weiteren Anschlägen. Es sei "vollkommen klar", dass sich noch eine Gruppe von Terroristen auf der Insel verstecke, die weitere Anschläge plane, sagt Scotland-Yard-Chef Ian Blair.