Terrorwarnungen in den USA: Countdown der Angst - DER SPIEGEL
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Terrorwarnungen in den USA Countdown der Angst

Alarmstufe "Orange". Die letzten Stunden vor dem Weihnachtsfest sind für Millionen Amerikaner Stunden der Sorge und der Verunsicherung. Werden Bin Ladens Terroristen erneut zuschlagen? Terrorexperten halten dies für unwahrscheinlich: Die Gefahr sei an den Feiertagen auch nicht höher als sonst.
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Washington - Die USA verfügen nach eigenen Angaben außerdem über Informationen, wonach es in den Weihnachtstagen für den Golfstaat Bahrain eine Terrordrohung geben soll. Es gehe um den Zeitraum zwischen Weihnachten und dem 2. Januar 2004, hieß es auf der Internet-Seite der US-Botschaft. Aus Sicherheitsgründen hatte die US-Regierung im Dezember allen Diplomaten in Saudi-Arabien, die nicht unbedingt im Land gebraucht werden, freie Heimflüge angeboten.

Der Essener Terrorismus-Kenner Kai Hirschmann rechnet jedoch nicht mit Terroranschlägen an den Weihnachtsfeiertagen und zum Jahreswechsel. Der in Erfurt erscheinenden "Thüringer Allgemeinen" sagte Hirschmann, er erwarte trotz der zweithöchsten Warnstufe in den USA keine Attentate, weil das Terrornetz al-Qaida "prinzipiell nicht zu symbolischen Daten" zuschlage.

Der stellvertretende Direktor des Essener Instituts für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik forderte in dem Zeitungsinterview jedoch ein härteres Vorgehen der Justiz gegen mutmaßliche Terroristen. Nachweislich von al-Qaida ausgebildete Aktivisten müssten bereits auf Grund ihrer Zugehörigkeit zu kriminellen Vereinigungen verurteilt werden können. Wenn, wie im Fall des kürzlich freigelassenen Marokkaners Abdelghani Mzoudi, erst beim Nachweis eines konkreten Anschlages gehandelt werden könne, sei präventive Terrorismusbekämpfung in Deutschland nicht möglich.

Die US-Geheimdienste arbeiten derweil daran, das düstere Puzzle aus Andeutungen, abgefangenen E-Mails und abgehörten Telefonaten zusammenzusetzen, um den nächsten Anschlag zu verhindern. Zuletzt verdichteten sich die Hinweise, dass erneut Passagierflugzeuge entführt werden sollen.

Die Geheimdienste wissen, dass Bin Ladens Organisation unermüdlich nach Schlupflöchern im Sicherheitsnetz der USA sucht. Doch trotz fieberhafter Bemühungen, trotz ständiger Überwachung des weltweiten E-Mail-Verkehrs, trotz des Einsatzes von Entschlüsselungsexperten ist es den Geheimdiensten noch nicht gelungen, ein Ziel oder einen Angriffszeitpunkt auszumachen. Nur eines hat sich in den vergangenen Tagen herausgestellt: Immer noch scheinen die Terroristen auf entführte Flugzeuge zu setzen. Davon, so US-Regierungsvertreter, versprächen sie sich drastische Schäden für die US-Wirtschaft sowie eine große Öffentlichkeitswirkung.

"Fluggesellschaften werden immer eine gute Möglichkeit sein, denn die Sabotage von Flugzeugen trifft die Gottesfurcht der Bevölkerung", sagt Douglas Laird, ehemaliger Sicherheitschef von Northwest Airlines. "Das sorgt für viel Berichterstattung in den Medien." Nach Einschätzung von US-Ermittlern verüben Terroristen Anschläge auf Flugzeuge auch deshalb, weil sie sich gegen ein wichtiges Symbol westlicher Freiheit richten.

Auch die Entscheidung der US-Regierung vom Sonntag, den nationalen Terroralarm auf die zweithöchste Stufe "Orange" anzuheben, stand in Zusammenhang mit Hinweisen auf mögliche Angriffe mit Flugzeugen. Nach Erkenntnissen von US-Heimatschutzminister Tom Ridge planen Terroristen erneut, Flugzeuge als Waffen zu benutzen. Umgehend wurden daher die Sicherheitsvorkehrungen an Flughäfen weiter verschärft, und über Großstädten wie Los Angeles, Washington und New York wurde die Zahl der militärischen Kontrollflüge erhöht.

Die Informationen über die erhöhte Gefahr stammen nach Angaben der Behörden unter anderem von Chalid Scheich Mohammed, einem der mutmaßlichen Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001. Auch andere, rangniedrigere Al-Qaida-Mitglieder in Saudi-Arabien hätten entsprechende Hinweise geliefert. Die Vernehmungen führten bereits in den vergangenen Monaten mehrfach zu Verschärfungen der Sicherheitsmaßnahmen.

"Es müsste wesentlich einfachere Ziele geben"

Im Spätsommer etwa erhielten die Ermittler Hinweise darauf, dass die Terroristen sich nach Möglichkeiten umsahen, ohne Visa Zugang zu internationalen Flugverbindungen in den USA zu finden. Dabei sei ihnen ein bestimmtes Transitprogramm ins Auge gefallen, sagte ein Berater des Heimatschutzministeriums. Dieses habe internationalen Reisenden auf dem Weg in andere Länder erlaubt, sich während Zwischenstopps auch ohne Visum auf US-Flughäfen aufzuhalten. Das Programm wurde daraufhin - unter dem Protest zahlreicher Geschäftsreisender - umgehend einstellt.

Vor dem Hintergrund dieses verstärkten Sicherheitsnetzes überrascht es Experten, dass Al-Qaida offenbar immer noch Flugzeuge als Waffen benutzen will. "Man würde meinen, dass es wesentlich einfachere Ziele geben müsste, die nicht so viel Aufwand erforderten", sagt Ex-Sicherheitschef Laird. Schließlich stellen sich den Terroristen im Luftverkehr heute wesentlich mehr Hindernisse entgegen als noch vor zwei Jahren: Die Türen zu den Cockpits sind inzwischen alle aus Stahl, spezielle Luftmarschalls begleiten die Flüge, und die Piloten sind bewaffnet.

Derweil tappen die US-Behörden über die genauen Absichten der Terroristen im Dunkeln. Die "Los Angeles Times" berichtet, dass das FBI und der CIA sehr viele, sehr unterschiedliche Informationen über die Pläne des Terrornetzwerks gesammelt habe. "Wir haben die Sache mit den Flugzeugen, aber auch Meldungen über geplante Angriffe auf Atomkraftwerke, Häfen oder Flughäfen, aber auch auf Silvester-Feiern und Sportveranstaltungen." Bei den Gesprächen, die die Geheimdienste mithören konnten, sei es ebenso um große Städte wie New York, Washington und Los Angeles gegangen, wie um kleinere Orte wie Rappahannock, Virginia, wo die US-Regierung verschiedene Einrichtungen unterhält, oder Valdez, Alaska, wo Tanker Öl aus der Trans-Alaska-Pipeline aufnehmen.

"Das FBI und andere Behörden sind alarmiert und frustriert zugleich, weil es so viele mögliche Ziele und Methoden gibt", zitiert die Times einen hochrangigen FBI-Beamten. "Es gibt keine konkrete Bedrohung. Es gibt weder einen möglichen Ort, noch eine mögliche Zeit, zu der sie zuschlagen könnten."

Offenbar wurde auch die Regierung von den Informationen über die Qaida-Pläne überrascht. "Ich habe noch keine amerikanische Führung so angespannt und ängstlich erlebt wie in diesen Tagen", sagte ein anderer FBI-Mann der "Los Angeles Times". Die Entscheidung, am Sonntag die Alarmstufe Orange auszugeben, sei offenbar auch im Kreis um Präsident Bush sehr kurzfristig gefallen. Letztlich sei aber allen Beteiligten angesichts der möglichen Bedrohungsszenarien klar gewesen, dass man sofort habe handeln müssen. "Früher hat es Diskussionen über die Notwendigkeit einer solchen Alarmstufe gegeben - diesmal sagten alle: Ok, wir machen es!"