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Gesellschaft Testsieger

Ortstermin: An einer Berliner Volkshochschule werden Ausländer für die Einbürgerung fit gemacht.
• aus DER SPIEGEL 38/2008
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Petra Voss beginnt mit einer Bildergeschichte. Die handelt von einem Flugzeugabsturz auf einer Insel. Es gibt Überlebende. Sie bilden schnell einen kleinen Staat. Voss zeigt auf ein Bild.

»Wer ist dieser Mann?«

Der Mann steht auf einer Art Tablett, getragen von anderen Männern. Wie Majestix aus den »Asterix«-Cartoons.

»Anführer?«, sagt eine Schülerin.

»Richtig«, sagt Voss.

»Diktator?«, fragt eine Schülerin.

»Genau«, sagt Voss. »Aber wollen wir einen Diktator?«

»Demokratie!«, ruft eine Schülerin.

»Richtig«, sagt Petra Voss. »Wir wollen Demokratie und errichten eine ...?«

»Diktatur«, sagt eine Schülerin.

»Nein, wir vernichten die Diktatur!«, sagt Voss.

»Okay, vernichten«, sagt die Schülerin.

»Wir errichten eine Republik«, sagt Voss und geht vor zur Tafel.

Bisher unterrichtete Petra Voss an der Volkshochschule »Deutsch als Fremdsprache« und gab Integrationskurse. Letztes Jahr beschloss dann die Politik, dass jeder Ausländer, der Deutscher werden will, zukünftig einen Einbürgerungstest ablegen muss. Die Regelung gilt ab dem 1. September, und für Petra Voss, Lehrerin, 55 Jahre alt, stellte sich eine neue didaktische Aufgabe.

Sie leitet jetzt den ersten Vorbereitungskurs für den neuen Einbürgerungstest. Sie unterrichtet 20 Schüler. Kolumbianer, Tschetschenen, Bulgaren, Pakistaner, Türken, die bald Deutsche werden wollen. Der Einbürgerungstest ist die letzte Hürde.

Deshalb gehen sie zur Volkshochschule Mitte. Zu Petra Voss, der Fitmacherin.

An diesem Mittwochabend sitzen zehn Schüler, alles Frauen, an den weißen Kunststofftischen, aufgestellt in U-Form. Über ihren Köpfen knackt eine Neonröhre. Eine Pakistanerin hat Essen mitgebracht. Irgendetwas Scharfes mit Kichererbsen und Curry. Frau Voss schreibt die Tafel voll mit sperrigen Wörtern. Legislative, Exekutive, Judikative. Aktives Wahlrecht, Wahlkreis, Kommunalwahl. Alles Wörter, die zu Deutschland gehören. Die jetzt jeder Neu-Deutsche kennen soll. Auch wenn er vorher Kolumbianer war. Oder Bulgare.

»Passives Wahlrecht. Schon mal gehört? Was ist das?«, fragt Petra Voss.

»Für unter 18?«, sagt die Pakistanerin mit dem Kichererbsen-Essen.

Der Einbürgerungstest besteht aus insgesamt 310 Fragen. Aus diesem Katalog werden bei jeder Prüfung 33 Fragen ausgewählt. Fragen zu deutscher Politik, Geschichte, Gesellschaft, Kultur. 17 Fragen muss man richtig beantworten. Dafür bleibt am Prüfungstag eine Stunde Zeit.

Zur Vorbereitung gibt Petra Voss dreimal in der Woche eine kleine Deutschstunde. Insgesamt 60 Stunden Unterricht. »Ist wahrscheinlich zu viel«, sagt Voss. Womöglich stellt sie den nächsten Kurs bereits auf 15 Stunden um.

Es ist alles noch in der Erprobung. Es gibt bislang kaum Erfahrungswerte zum Einbürgerungstest. Man hat in Deutschland lange gestritten. Erst gab es die Leitkulturdebatte. Dann stritt man darüber, ob man einen Einbürgerungstest braucht. Dann darüber, wie ein Einbürgerungstest aussehen könnte.

Testfrage 134 lautet jetzt: »Man will die Buslinie abschaffen, mit der Sie immer zur Arbeit fahren. Was können Sie machen, um die Buslinie zu erhalten?«

Gehört das zu Deutschland? Zum Deutschsein? Zur nationalen Identität? Soll man Busfragen testen? Sagt es etwas über die Bereitschaft zur Integration aus, wenn man den Kniefall von Warschau kennt, Testfrage 181?

Einige Politiker sprachen davon, dass der Einbürgerungstest die Integration verhindere. Andere davon, dass er die Integration fördere. Er sei eine Bildungschance. Keine Einbürgerungsbarriere. Petra Voss sagt, der Einbürgerungstest sei nicht falsch. »Die Leute müssen sich mit dem Land auseinandersetzen. Mit dem, was hier passiert. Mit der Frage: Wo lebe ich?«

Früher musste, wer Deutscher werden wollte, vor allem lange genug im Land leben. Die Deutschwerdung war eine Zeitfrage. Jetzt ist es auch eine Wissensfrage. Womöglich übertreffen die Neu-Deutschen die Alt-Deutschen bald an deutscher Grundbildung.

Leider sei der Einbürgerungstest noch nicht ausgereift, sagt Voss. Sie hat Fragen markiert, die sie für seltsam hält. Womöglich werden die ja irgendwann geändert.

Frage 93 lautet: »Ab welchem Alter darf man in Deutschland bei der Bundestagswahl wählen?« Frage 94 lautet: »Ab welchem Alter darf man in Deutschland an der Wahl zum Deutschen Bundestag teilnehmen?« Verwirrend, sagt Voss.

Dann verteilt sie einen Wahlstimmzettel. Mit dem Stimmzettel muss man sich auskennen. Mit der Erststimme und der Zweitstimme. Mit der Briefwahl. Mit der Fünfprozenthürde. Aber wie erklärt man die Fünfprozenthürde? Petra Voss hüpft. »Olympiade? Hürdenlauf?«, fragt sie. Die Schülerinnen starren sie an. In Deutschland hüpfen die Lehrer.

»Mehrheits- und Verhältniswahlrecht«, sagt Voss. »So heißt das Wahlsystem. Ach, merken Sie sich nur das Wort. Das reicht.«

Petra Voss verteilt ein A4-Blatt über die Parteien in Deutschland. »PDS und WASG bilden seit 2007 die Linke«, sagt Voss.

»WASG?«, sagt die Pakistanerin.

»Warum Sie das unbedingt wissen müssen? Tja, bin ich überfragt«, sagt Voss.

Sie würde im Unterricht gern Zusammenhänge aufzeigen, sagt Voss. Einen Sinn reinbringen. Deutschland erklären. Aber manchmal gebe es keine Zusammenhänge. Und keinen Sinn. Nur die Testfragen.

Am 6. Oktober ist Prüfungstag.

JOCHEN-MARTIN GUTSCH

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