Therapie eines Kanzlers - DER SPIEGEL
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BÜCHER Therapie eines Kanzlers

• aus DER SPIEGEL 6/2009
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Was werden die Deutschen machen, wenn er, der Häuptling der Deutschen, seinen 100. Geburtstag feiert? Den Nichtraucherschutz in Gaststätten wieder abschaffen? Jetzt, zum 90. Geburtstag, dauerten die Feierlichkeiten zwei Monate. Sie werden beschlossen durch ein bei Kiepenheuer & Witsch erscheinendes Buch, das 76 Gespräche mit ihm zusammenfasst; Gespräche, die er jede Woche dem Chefredakteur der »Zeit«, Giovanni di Lorenzo, gewährte und die sich hintereinanderweg lesen wie das Protokoll einer zweijährigen Gesprächstherapie. Zwei Patienten und zwei Therapeuten reden miteinander, über das Leben und die Welt, versunken in die Bedeutung ihrer Fragen und Antworten, tatsächlich vertieft in ein Anliegen von großer zivilisatorischer Bedeutung: Es geht um die Annäherung zwischen Politik und Journalismus, zwischen Mensch und Wegelagerer. Als Helmut Schmidt vor 25 Jahren zur »Zeit« kam, als Nachkanzler und Herausgeber, begegneten sich Politik und Journalismus auf den Redaktionsfluren mit herzlicher Verachtung. Schmidt mochte die leeren Flaschen vor den Feuilleton-Büros nicht, die ungedienten Jungredakteure und die Fäkalsprache in Artikeln. Die Redakteure fürchteten seine Aufsätze, sein fletschendes Lächeln und den Tag, an dem eine Granate im Redaktionsgebäude einschlägt, aus Rache für Mogadischu. Ein Vierteljahrhundert später wünscht sich die Redaktion, wie es im Vorwort heißt, »möglichst viel Helmut Schmidt im Blatt«. Und der Verehrte? Beklagt, dass der Alkohol aus Konferenzen verbannt sei und die »Zeit« immer unterhaltender werde. Und antwortet auf die Frage, ob er ein bisschen Journalist geworden sei, nein, er könne es sich »nicht abgewöhnen, gründlich zu arbeiten«.

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