Therapie-Tagebuch: Die Zahlen, meine Freunde - DER SPIEGEL
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Therapie-Tagebuch Die Zahlen, meine Freunde

Die Leberwerte sind beinahe wieder normal, und das schon nach zwei Wochen Behandlung: Für SPIEGEL-ONLINE-Autor Jörg Böckem läuft die Hepatitis-C-Therapie fast perfekt. Wäre da nur nicht die Watte im Kopf - und irgendwo muss auch ein Gong versteckt sein.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Diesmal sind die Zahlen auf meiner Seite. Donnerstag, der 21. September, meine ersten Blutwerte liegen vor. Meine Leberwerte haben sich wieder beinahe vollständig normalisiert, nach gerade mal zwei Wochen Behandlung. Zu beginn meiner Hepatitis-C-Therapie waren sie noch stark erhöht, zum Teil auf das fünf- bis sechsfache des Grenzwertes. Jetzt liegen sie alle im Normalbereich, nur ein einziger minimal darüber. "So schnell geht das selten", sagt mein Arzt. "Das bedeutet, dass dein Körper auf die Behandlung gut anspricht."

Auf meine Leber ist Verlass. Schon vor zwei Jahren, als ich mich einer Leberbiopsie unterzogen habe, war mein Arzt von dem Ergebnis sehr überrascht. Zustand Null/Null, keinerlei krankhafte Veränderungen feststellbar. Die Idealdiagnose, obwohl ich meine Leber jahrzehntelang mit so ziemlich allen Giften, derer ich habhaft werden konnte, malträtiert hatte und seit sieben Jahren mit Hepatitis C infiziert war. "So ein Ergebnis habe ich bei einem Patienten mit deiner Krankheitsgeschichte erst ein einziges Mal gesehen", sagte mein Arzt damals.

Auch heute macht er mir Mut. Die Leberwerte, sagt er, ließen auf einen positiven Verlauf der Behandlung hoffen. Die Zahlen tragen mich durch den Tag. Zu Hause setze ich mich an meinen Schreibtisch, schreibe endlich den Text über die schwedische Band Mando Diao fertig, mit dem ich mich seit Tagen quäle. Na also, geht doch! Ein gutes Gefühl.

Freitag, die dritte Spritze, am Nachmittag. Danach grillen bei Bernd. Bernd wohnt mit seiner Freundin und seinem zehnjährigen Sohn in einem Reihenhaus am Rand von Hamburg, hinter dem winzigen Haus eine noch winzigere Rasenfläche. Ich sitze vor dem Grill und starre ungeduldig in die Kohle. Ich habe Hunger, die verdammte Kohle glüht nicht anständig durch. Immer wieder stehe ich auf, wedele mit der Kehrschaufel Sauerstoff in die Glut oder puste hinein. Nach nicht mal einer Minute wird mir schwindelig, ich muss mich wieder setzen. "Sei vorsichtig", sagt Bernd. "Wenn ich mich während der Behandlung überanstrengt habe, bekam ich am nächsten Morgen Fieber."

Samstagmorgen ruft Simone an. Wir haben geplant, heute zu viert an die Nordsee zu fahren, Simone, ihre Schwester, Linda und ich. Ich sage ab. Ich bin völlig erledigt. Der Abend am Grill war zu viel, obwohl ich zehn Stunden geschlafen habe, fühle ich mich so schwach und müde, dass ich beschließe, mich nicht weiter als wenige Minuten von meiner Couch zu entfernen.

Sonntagmorgen wird das Brötchenholen zum Kraftakt. Mir fällt der Boxkampf ein, den ich vergangene Nacht gesehen habe. Ein Kampf, der meine körperlichen Probleme ein wenig relativiert hat. "Wenn Artur Abraham acht Runden mit gebrochenem Kiefer boxen kann, dann wirst du wohl noch diese verdammten vier Stockwerke schaffen", sage ich mir. Als ich oben ankommen, rast mein Puls, ich bin kurzatmig und mein Gesichtsfeld flimmert. Dass Problem ist, denke ich, dass beim Boxen jede der zwölf Runden drei Minuten dauert. Für mich dauert jede Runde vier Wochen, ich habe noch nicht einmal die erste hinter mich gebracht.

Mein Kreislauf verdient seinen Namen nicht mehr. Anständig im Kreis läuft da gar nichts, wenn ich vom Stuhl aufstehe, wird mir schwindelig. Wenn ich von meinem Balkon hinunter schaue, Schwindel, ich muss mich am Geländer festhalten. Sogar, wenn meine Finger zu schnell über die Computertastatur hasten, wird mir übel. Und als ich die FAS lese, mein geliebtes Sonntagnachmittagritual, ist nach dem Feuilleton Schluss, die Buchstaben tanzen vor meinen Augen.

Merkwürdigerweise kann das meine gelassene und irgendwie heitere Grundstimmung nicht trüben. Ich beobachte amüsiert, wie seltsam mein Körper reagiert. Außerdem bin ich ziemlich handzahm und anhänglich, streiten ist mir zu anstrengend und am wohlsten fühle ich mich in den Armen meiner Freundin. Von diesen Nebenwirkungen ist Linda ziemlich begeistert.

Mein Blick flimmert, das Bild franst aus

Montagnachmittag sitze ich im Zug. Zwei Lesungen in NRW, die erste am Abend in Erkelenz, der Kleinstadt am Niederrhein, in der ich aufgewachsen bin. Die fünfstündige Zugfahrt wird bald zur Tortur. Ein Ziehen in Armen und Beinen, als seien meine Sehnen zu kurz für die Knochen. Mein Blick flimmert, an den Rändern franst das Bild aus. Mein Kopf fühlt sich an, als hätte ihn jemand auf die doppelte Größe aufgepumpt und den so entstandenen Hohlraum mit Watte gefüllt. Irgendwo inmitten der Watte muss auch ein Gong versteckt sein, immer wieder ein dumpfes Dröhnen. So ähnlich hat es sich vor Jahren angefühlt, wenn auf der Rückreise nach einem Interview langsam die Entzugserscheinungen losgingen. Nur, dass am Ende nicht der erlösende Druck wartet. Im Gegenteil - am Abend erwartet mich eine zweistündige Lesung. Ich habe keine Ahnung, wie ich das schaffen soll.

Eigentlich liebe ich es, mit dem Zug zu fahren. Der Blick aus dem Fenster hat etwas Meditatives, Anregendes, der stete Zug der Landschaft bringt den Geist auf Touren. Nicht dieses Mal. Die Welt vor meinem Fenster nehme ich kaum wahr, ich bin gefangen in mir selbst. Finde keine schmerzfreie Sitzposition. Also ablenken, lesen. Aber nach kurzer Zeit wird das Flimmern vor meinen Augen stärker. Schluss damit, ich brauche meine Augen noch. Beim nächsten Mal werde ich Hörbücher einpacken.

In Erkelenz angekommen kann ich kaum noch auf meinen Beinen stehen, die Reise hat mich ausgeknockt. Glücklicherweise bleiben mir noch zwei Stunden zur Erholung. Später am Abend dann die Lesung. Ein voller Erfolg, die Leonardskapelle ist mit hundert Besuchern gut gefüllt, viele alte Freunde und Freundinnen sind da. Die gute Stimmung, die Endorphine und das Adrenalin haben mich durch den Abend gebracht. Nachts bin ich völlig fertig, aber zu aufgedreht, Schlaf zu finden.

Am nächsten Tag besuche ich meinen Neffen. Jonah wird im Dezember drei, ein aufgeweckter, lebhafter Junge. Nachdem ich ihn zwei Mal durch die Luft geschleudert habe, muss ich mich hinsetzen. Ich bin froh, dass Linda und ich unsere Kinderpläne auf die Zeit nach der Therapie verschoben haben.

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