Therapie-Tagebuch: "Du siehst aus wie Homer Simpson" - DER SPIEGEL
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Therapie-Tagebuch "Du siehst aus wie Homer Simpson"

Warten, warten, warten. Vier Wochen nach Beginn seiner Hepatitis-C-Therapie harrt Jörg Böckem des Ergebnisses seiner Bluttests. Sie zeigen, ob die Behandlung wirkt. Inzwischen spielt sein Geruchssinn verrückt, und er ähnelt immer mehr einer Comicfigur - findet seine Freundin.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Donnerstag beginnt mit einem Arzttermin. Blutentnahme, mal wieder. Diese Untersuchung ist wichtig, nach vier Wochen Behandlungsdauer wird zum ersten Mal das Virus selbst überprüft - ein deutlicher Rückgang der Virenanzahl zu diesem frühen Zeitpunkt würde auf einen erfolgreichen Therapieverlauf hindeuten. Wie immer hoffe ich auf das Idealergebnis, einen Rückgang unter die Nachweisgrenze. Auch wenn mein Arzt das für eher unwahrscheinlich hält in Anbetracht der hohen Viruslast von zehn Millionen pro Milliliter Blut zu Beginn meiner Therapie. In einer Woche werde ich mehr wissen. Dann liegt das Ergebnis der Blutuntersuchung vor.

Auf dem Rückweg noch kurz zu Tchibo, der Kaffee ist aus. Perlbohnen, frisch gemahlen, mein Lieblingskaffee. Normalerweise genieße ich den Geruch von frisch gemahlenem Kaffee. Heute nicht. Im Gegenteil, der Kaffeegeruch, der aus meiner Einkaufstüte aufsteigt, erscheint mir penetrant und widerlich.

Am Freitagabend die fünfte Spritze. Samstagmorgen, Linda und ich sind nach dem Frühstück zurück ins Bett gekrochen, sie liegt in meinen Armen, und ich muss mich abwenden. Der feine Kaffeegeruch in ihrem Atem riecht für mich schlimmer als jede Alkoholfahne oder ein drei Tage alter Aschenbecher. Meine Nase dreht langsam durch.

Simone sagt, auch ihr Geruchssinn laufe immer wieder Amok. Manchmal sind da wie aus dem Nichts Gerüche in ihrer Nase, die sie an ihre Kindheit oder Jugend erinnern und heftige emotionale Reaktionen auslösen. Klingt ziemlich unheimlich. Simone ist 42, sie stammt aus Bielefeld und ist Anfang der neunziger Jahre nach Hamburg gezogen. Kurz darauf haben wir uns kennen gelernt, beim gemeinsamen Hapkido-Training, einer koreanischen Kampfkunst. Simone war in ihren frühen Zwanzigern für einige Jahre heroinabhängig. Von ihrer Hepatitis-C-Infektion hat sie erst 2003 erfahren. Ihre Behandlung läuft seit dem Frühjahr und wird voraussichtlich im März beendet sein.

Georg hat Angst

Am Montagmorgen ruft Bernd an. "Ich habe gerade die Ergebnisse meiner Blutuntersuchung bekommen", sagt er und klingt ziemlich aufgekratzt. "Die Leberwerte sind super, und das Virus ist nicht mehr festzustellen." Bernd hat seine Behandlung vor gut zwei Monaten beendet. Auch wenn die Blutuntersuchung, die endgültig Auskunft über das Gelingen der Therapie geben soll, erst nach einem halben Jahr stattfindet, macht dieses Zwischenergebnis Hoffnung. "Endgültig ist das noch nicht", sagt Bernd, "aber mein Arzt geht davon aus, dass die Behandlung höchstwahrscheinlich ein Erfolg war."

Wenige Stunden später ruft Georg an. Er ist völlig aufgelöst. "Meine Leberwerte sind stark erhöht, GOT und GPT sind auf das Dreifache des Grenzwertes angestiegen." Vor fast drei Jahren hat Georg seine Hepatitis-C-Therapie beendet. Seither war das Virus in seinem Blut nicht mehr festzustellen, und die Leberwerte lagen immer im Toleranzbereich.

Georg ist ratlos. Er weiß nicht, was der Anstieg der Leberwerte genau bedeutet. Sein Hausarzt hält sich mit der Deutung der neuen Ergebnisse zurück, er ist kein Leberspezialist. Und der Gastroenteorologe, der Georg während seiner Therapie behandelt hat, ist im Urlaub.

Georg hat Angst. Im Internet hat er gelesen: Bei einem gewissen Prozentsatz von Hepatitis-C-Patienten besteht die Möglichkeit, dass die Krankheit auch nach anfänglich erfolgreicher Behandlung wieder ausbricht. Relaps nennen das die Mediziner. In der Regel findet er allerdings innerhalb der ersten sechs Monate nach Ende der Therapie statt, nicht erst nach drei Jahren. Aber ausgeschlossen scheint auch das nicht. Dazu kommt, dass Georgs Leber schon vernarbt ist und eine weitere Schädigung fatal sein könnte.

Bleibt die Hoffnung, dass die erhörten Leberwerte gar nichts mit der Hepatitis zu tun haben und der Körper gerade ein anderes Virus oder eine Entzündung bekämpft. Genaues wird Georg wohl erst in zwei Wochen erfahren, wenn sein Arzt aus dem Urlaub zurück ist.

Unterhaltsamer als das Fernsehprogramm

Dieses Unberechenbare ist vielleicht das Schlimmste. Auch während der Behandlung besteht die Möglichkeit, dass die Viruslast plötzlich wieder ansteigt. In der kommenden Woche werden Simones Werte geprüft, ihr graut davor.

Wie fühlt man sich, wenn man sechs oder gar zwölf Monate Therapie durchgehalten hat und nach den ersten, positiven Ergebnissen dann irgendwann die vernichtende Diagnose Relaps folgt? Wie geht man damit um, wie findet man die Motivation, sich noch einmal der Behandlung zu stellen? Wie würde Bernd sich fühlen, wenn die Blutuntersuchung in sechs Monaten eine Rückkehr des Virus zeigen würde? Wie würde ich mich fühlen?

Im Laufe des Tages frisst sich die Kälte in meinen Körper. Unsere Heizung ist kaputt, ich friere - so sehr, dass meine Hände taub werden. Ein heißes Bad wärmt mich für einige Stunden, dann kommt die Kälte zurück. Abends sitze ich neben Linda auf der Couch, im Fernsehen läuft eine Folge der Cartoon-Serie "Die Simpsons". Linda schaut mich von der Seite an. "Du hast die gleiche Gesichtsfarbe wie Homer Simpson", sagt sie. Mir ist übel und mich fröstelt, trotz der Decke, in die ich mich gewickelt habe. Da ist ein kalter Windhauch, immer wieder, aber ich kann ihn nicht einordnen. Die Fenster sind geschlossen und halten dicht. Das macht mich verrückt.

"Zieht es hier?", frage ich Linda. Sie sieht mich irritiert an. Nein, es zieht nicht. Irgendwann kapiere ich, wo der Windhauch her kommt - Linda liest nebenher in ihrem Strickbuch, das Umblättern der Seiten lässt mich frösteln. "Du wirkst, als hättest du gekifft", sagt Linda, nachdem ihr Gelächter verebbt ist. Ich scheine unterhaltsamer zu sein als das Fernsehprogramm.

So lustig ist das nicht immer. Meine Barrieren bröckeln. Nicht nur, dass die Kälte ungehindert in meinen Körper dringt und jeder Lufthauch mich zittern lässt. Ich fühle mich irgendwie schutzlos, jede Kritik, jeder kleine Streit geht mir bis ins Mark, verfolgt mich über Tage; jedes Problem, jede schlechte Nachricht erschüttert mich, bringt mich aus dem Gleichgewicht und um den Schlaf.

Meine Gedanken drehen sich im Kreis, sie beißen sich in den Schwanz. Nachts liege ich lange wach, in meinem Kopf ist ein Flimmern und Rauschen, wie früher im Fernsehen, als es noch einen Sendeschluss gab. Ich warte auf den Sendeschluss in meinem Hirn.

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