Therapie-Tagebuch Ich, der Fremdling
"Der Weg von meinem Gehirn zu meinen Gliedmaßen scheint in den vergangenen Monaten deutlich verschlungener geworden zu sein", sagt Erik am Telefon. "Es geschieht häufig, dass ich mich unterwegs verlaufe." Erik lebt in Berlin, er ist Kampfsporttrainer. Während des Unterrichts steht er häufig ziemlich verwirrt und hilflos auf der Matte, weil es seinem Körper nicht gelingt, Bewegungsabläufe umzusetzen, die er seinen Schülern vermitteln möchte, obwohl er jede Technik in seinem Kopf klar abgespeichert hat.
Erik hat rund die Hälfte seiner 24-wöchigen Hepatitis-C-Behandlung hinter sich. Körperlich, sagt er, hielten sich bei ihm die Nebenwirkungen in Grenzen. Probleme mache ihm das Gefühl von Fremdheit, das die Medikamente in ihm auslösen, die Stimmungsschwankungen und Verwirrungszustände. "Oft fällt es mir schwer, meinen eigenen Zustand richtig einzuschätzen", sagt er. "Dann weiß ich nicht, ob mir Ruhe gut tut oder Bewegung, ob ich alleine sein möchte oder unter Menschen."
Es ist Freitagnachmittag, am Abend werde ich mir meine 34. Interferonspritze setzen. Erik hat Recht, denke ich. Auch wenn mich die körperlichen Nebenwirkungen und Einschränkungen stärker niederdrücken als ihn, die psychischen Veränderungen sind die wirkliche Belastung. Es gibt Tage, da kann ich mich selbst nicht ertragen. Jede Nichtigkeit erscheint mir als Belastung, jede Bewegung, jeder Gedanke mühsam. Wie sollen mich da andere mögen? Für Familie und Freunde ein echter Härtetest. Linda ist die Belastung vor knapp zwei Monaten zu groß geworden. Da ist sie vorübergehend aus unserer gemeinsamen Wohnung ausgezogen. "Du bist so anders", hat sie gesagt, "So fremd." Zu fremd, wie es scheint.
In den vergangenen Monaten habe mir Leser Ähnliches geschildert: Reizbarkeit, Wutanfälle, Angstattacken und depressive Phasen, ausgelöst durch die Medikamente, und davon völlig überforderte Familien und Freunde. Ein Leser schreibt, sogar der Kontakt zu Freunden sei in dieser Zeit abgebrochen, weil er mit jedem in Streit geriet; ein anderer, seine Partnerin hätte unter seinem erlahmten Sexualtrieb gelitten, und seine Krankheit hätte ihr Angst gemacht. Am Ende der Behandlung war auch seine Beziehung beendet. Einem anderen ist nach der Therapie ein Neuanfang mit seiner Partnerin gelungen.
"Zu Beginn von Bernds Behandlung war alles kein Problem", sagt Sophie, Bernds Freundin. Bernd hat seine Interferontherapie im vergangenen Sommer beendet. In den ersten Wochen sei er einfach krank gewesen und hätte viel Aufmerksamkeit und Pflege gebraucht. Darauf sei sie eingestellt gewesen, sagt Sophie. "Außerdem war Bernd damals anhänglicher als sonst, das hat mir gefallen." Im Laufe der Zeit sei er dann immer launischer geworden, hätte sich häufig zurückgezogen, wollte nur seine Ruhe haben. Er war latent überfordert. Zu mehr, als den Abend auf der Couch ausklingen zu lassen, reichte seine Kraft meist nicht. Job und Kind hatten ihn an seine Grenzen gebracht.
"Einfach nur noch genervt"
"Ich kam oft nicht an ihn heran und konnte nur frustriert zusehen", sagt Sophie. "Ich hatte das Gefühl, ich investiere nur noch und bekomme nichts zurück." Sie habe viel von dem vermisst, was ihre Beziehung vorher ausgemacht habe - gemeinsame Unternehmungen, Ausgelassenheit, Aufmerksamkeit. Irgendwann habe sie die Behandlung nicht mehr als Ursache seines Verhaltens sehen können und sei nur noch sauer und enttäuscht gewesen. "Ich habe schlicht vergessen, dass er krank ist und nicht anders kann", sagt Sophie. " Ich habe ihm seine Antriebslosigkeit, Schwäche und Depression vorgeworfen, sein ständiges Gejammer und sein Selbstmitleid haben mich einfach nur noch genervt."
Die Behandlung mit all ihren Nebenwirkungen beeinflusst nicht nur unseren Alltag, unsere Stimmungen, sie beherrscht auch oft unser Denken. Wir sind gefangen in unserem kleinen Krankheitsreservat, werden täglich damit konfrontiert, fühlen uns auf uns selbst zurückgeworfen und suchen nach Bewältigungsstrategien und Austausch. Sicher, das erleichtert uns den Umgang mit der Behandlung. Aber es kann anderen ziemlich auf die Nerven gehen.
"Es war eine Höllenzeit", sagt Claudia. Georg, ihr Mann und Vater des gemeinsamen Kindes, hat sich vor vier Jahren der Behandlung unterzogen. "Mal war er gemein, boshaft und aufbrausend, dann wieder lethargisch und depressiv." Claudia ist ausgebildete Familientherapeutin, vielleicht ein Grund dafür, dass es ihr gelungen ist, mit der Belastung zurechtzukommen. "Georgs Persönlichkeit und sein Verhalten waren durch die ganze Chemie verändert", sagt sie. "Aber ich wusste ja, wo die Veränderung herkommt, und dass sie wieder verschwindet." Die größte Belastung für eine Beziehung, sagt Claudia, sei der radikale Bruch im Beziehungs- und Rollengefüge.
Sie hat Recht. Jede Beziehung fußt immer auch auf unausgesprochenen Verträgen, auf Rollenverteilungen, Zuständigkeiten, auf gemeinsamen Ritualen und Erlebnissen. Während der Behandlung löst sich dieses Gefüge auf, die Verträge werden brüchig; Verlässlichkeit, Vertrautheit und Kalkulierbarkeit des Partners nehmen ab, positive, gemeinsame Erlebnisse, die Nähe erzeugen, werden seltener, der Streit dagegen häufiger. Die Beziehung, der Umgang miteinander muss neu verhandelt und flexibler gestaltet werden. Wohl die größtmögliche Herausforderung an jede Partnerschaft.