Therapie-Tagebuch In bedürfnisloser Mattigkeit ertrunken
In den vergangenen drei Monaten gab es gute Tage und schlechte Tage, manche lagen irgendwo dazwischen. In dieser Woche gibt es nur das dazwischen. Die Welt ist hellgrau. Ich fühle mich, als sei ich inwendig mit Frischhaltefolie ausgekleidet, vielleicht ist es auch Sprühpflaster, das meiner Wahrnehmung, meinen Gefühlen und Gedanken die Poren verstopft.
Am Dienstagabend vergangener Woche habe ich mit der Einnahme eines leichten Antidepressivums begonnen, in einer geringen Dosierung. Es soll meine Schlafstörungen und meine Reizbarkeit lindern. Zumindest gegen die Schlafstörungen wirkt es von Beginn an. Die Tabletten helfen mir, nachts abzuschalten. Die Probleme des vergangenen Tages und Anforderungen des kommenden spuken nicht mehr Stunde um Stunde durch meinen Kopf und halten mich wach. Das ist erfreulich, da mein Wohlbefinden sehr stark von meiner Nachtruhe abhängig ist.
Das Problem ist nur, dass ich mich mit dem Medikament ausgeschlafen nicht viel besser fühle als zuvor nach durchwachter Nacht. Morgens ist mein Mund trocken und verklebt als hätte ich Löschpapier gekaut. Mein Körper fühlt sich schwer und formlos an. Ich komme kaum aus dem Bett, obwohl ich neun Stunden geschlafen habe. Alles ist seltsam indifferent, mein Antrieb geht gegen Null, zur Arbeit muss ich mich zwingen. Schreiben fühlt sich an, als würde ich versuchen, mit Fäustlingen an den Händen Mikado zu spielen. Zäh, langwierig, qualvoll, und das Ergebnis bleibt meist unbefriedigend. Ich mag mich nicht, zumindest nicht so.
Am Freitag habe ich einen Termin in München, mit einer Produzentin der Bavaria und einem Drehbuchautoren. Es ist ein sehr anstrengender Tag. Erst der Flug nach München, dann die einstündige Fahrt zum Firmensitz der Bavaria, das folgende Gespräch dauert mehr als drei Stunden, dann die Rückreise. Das Gespräch läuft gut, normalerweise würde ich mich am Ende eines solchen gleichermaßen strapaziösen wie erfolgreichen Tages völlig zerschunden, aber auch euphorisch fühlen. Als ich nach Hause komme, bin ich erschöpft und irgendwie zufrieden. So seltsam es klingt - ich hasse diesen Zustand!
Der Titel eines Buches von Peter Handke fällt mir ein, "Wunschloses Unglück", geschrieben vor mehr als drei Jahrzehnten, damals, als er noch als Schriftsteller auf sich aufmerksam machte. Eine treffende Beschreibung für meinen Zustand. Ich fühle mich nicht wirklich schlecht, da ist kein konkret benennbarer Schmerz. Nur eine Art Mangel.
Ich könnte sagen, ich würde mich nicht wohl in meiner Haut fühlen. Aber das trifft es nicht ganz, es geht noch weiter - ich fühle mich, als sei ich gar nicht in meiner Haut. Wie heißt es bei Pink Floyd? "There's someone in my head, but it's not me". Jörg, Version 2, leider eine dumpfe, schale Version des Originals. Sogar die Müdigkeit, die Erschöpfung, die Gliederschmerzen, mein Ärger und meine Wut fühlen sich irgendwie falsch an. Als würden sie nicht wirklich zu mir gehören. Zugegeben, das hat natürlich auch den Effekt, dass ich sie weniger stark spüre, sie verlieren an Macht. Besser fühle ich mich dadurch allerdings nicht. Im Gegenteil, manchmal scheint mir die Kur schlimmer als die Krankheit. Vom ersten Tag an denke ich darüber nach, das Antidepressivum wieder abzusetzen.
Ideen und Kreativität gekappt
Mein Arzt empfiehlt mir, diese Entscheidung noch ein wenig zu vertagen. In der Regel würden die Nebenwirkungen nach einigen Tagen nachlassen, und die stimmungsaufhellende Wirkung tritt erst nach ungefähr zwei Wochen ein. Toll, denke ich, die Nebenwirkungen kommen vor der Wirkung.
Mein Zustand erinnert mich an die Zeit, in der ich mit Polamydon substituiert war, kurz vor Begin meiner stationären Drogentherapie. Damals habe ich mich ähnlich gefühlt, in bedürfnisloser Mattigkeit ertrunken, ohne Antrieb, ohne Energie. Die Ausschlagspitzen meiner Gefühlsskala sind sorgfältig abgeschnitten, nach oben genauso wie nach unten. Schon damals habe ich diesen Zustand gehasst. Das Schreiben habe ich irgendwann aufgegeben. Mir war, als seien mit den Ausschlägen auf der Gefühlskala auch meine Ideen und meine Kreativität gekappt worden.
Am Dienstag ruft Georg an. Er rät mir ebenfalls, dem Medikament eine Chance zu geben. Ihm hat ein ähnliches Mittel während seiner Hepatitis-C-Therapie sehr geholfen. Die anfängliche Mattigkeit war nach einigen Tagen verflogen. Im dritten Monat seiner Behandlung hat ihn die Depression erwischt. Ein Moment, sagt er, den er nie vergessen werde: An einem Samstagmittag steht Georg in einem Musikladen an der Kasse. Er hat neue Saiten für seine Gitarre gekauft und diskutiert mit dem Inhaber die Vorteile des neuen Modells des Gitarrenbauers Taylor. Mit einem Mal verstummt er, mitten im Satz. Es trifft ihn wie ein Blitzschlag, innerhalb eines Augenblicks versinkt die Welt in Finsternis, er muss raus hier, nur raus. Alles ist bedrohlich, die Menschen, die Räume, sein Körper fühlt sich fremd an, bietet keinen Schutz. Nachtschwarze Verzweiflung, die Wände rasen auf ihn zu, drohen ihn zu erschlagen. Er stürzt aus dem Laden, am ganzen Körper zitternd, fährt nach Hause. Seine Frau bringt ihn in die Notaufnahme des Krankenhauses - schließlich ist Samstagmittag, und sein Arzt ist nicht zu erreichen. Georg hat großes Glück, die diensthabende Ärztin hat Erfahrung mit Hepatitis-C-Patienten. Sie weiß, welches Medikament ihm helfen wird. Es gelingt ihr, ihn zu beruhigen.
"Das hat mich damals sehr an die Depression erinnert, die mich nach durchgekoksten Tagen und Nächten überfallen hat", sagt Georg. "Aber schon nach dem Gespräch mit der Ärztin ging es mir besser, und als die Wirkung der Tabletten einsetzte, war alles in Ordnung." Möglich, dass es einem so übel gehen muss wie Georg, um Antidepressiva wirklich als Verbesserung zu erleben. Am Donnerstag werde ich mit meinem Arzt reden. Vielleicht sollte ich das Medikament wechseln und es mit einem reinen Schlafmittel versuchen.