Therapie-Tagebuch "Liebling, du tropfst"
"Ich kann es kaum erwarten", sagt Bernd. Freitagnachmittag, wir sitzen in meiner Küche und trinken Kaffee. Bernd hat in der Mittagspause seinen Urlaub gebucht, eine Woche auf den Kanaren, zusammen mit seinem zehnjährigen Sohn Paul, in vier Wochen geht es los. Im August 2006 hat Bernd seine Hepatitis-C-Therapie beendet, nach einem anfänglichen Energiehoch nach Ende der Behandlung fühlt er sich seit Monaten wieder häufig erschöpft, müde und depressiv.
"Die Therapie steckt mir immer noch in den Knochen", sagt er. Möglicherweise, weil er nach der Behandlung keine Gelegenheit zur Regeneration hatte; wenige Tage nach der letzten Tablette war er wieder mitten drin im kräftezehrenden Arbeits- und Alltagsstress. "Ich hätte mir eine Auszeit nehmen sollen, mich erholen", sagt er. "Das werde ich jetzt nachholen." Er strahlt vor lauter Vorfreude.
Meine Gefühle sind zwiespältiger. Ich werde Bernd und Paul begleiten, mein letzter Urlaub ist lange her. Ganz ungetrübt ist meine Freude nicht. Sicher: Sonne, Strand und Meer, eine Woche Entspannung ohne jede Verpflichtung, zusammen mit Bernd und Paul, das klingt reizvoll. Aber die Strapazen der Reise schrecken mich, der Flug, die Menschenmassen, und ich frage mich, ob ich mir so einen Urlaub leisten kann und darf - meine Arbeitsfähigkeit ist während der Therapie oft stark eingeschränkt, da ich Freiberufler bin, gilt das gleiche für meine Einkünfte. Und ein Urlaub stellt eine doppelte finanzielle Belastung dar - neben den Reisekosten wird mir auch ein Teil meiner Einkünfte in diesem Monat fehlen. Egal, Anfang März werde ich mehr als die Hälfte meiner Behandlungszeit hinter mir haben, da kann ich mir eine kleine Belohnung gönnen.
Am Abend setze ich mir meine 22. Interferonspritze. Bernd stand zu diesem Zeitpunkt seiner Behandlung schon kurz vor deren Ende, da er mit dem Genotyp 3 infiziert war, galt für ihn eine Therapiedauer von 24 Wochen. Ihm ging es ziemlich dreckig damals, in der 19. Woche waren juckende, gerötete Stellen auf seiner Haut erschienen, kurz darauf zeigten sich die ersten Pickeln und Pusteln, an Schulter und Hals, bedeckten beinahe die gesamte Haut dort.
Das Jucken wurde so höllisch, dass es ihn um den Schlaf brachte, morgens hatte er sich wundgekratzt. Bald befiel der Juckreiz auch den Kopf, hinter dem rechten Ohr bildete sich eine eitrige, nässende Stelle. Schließlich begannen die Pickel am Hals und im Gesicht ebenfalls zu eitern und zu nässen. Bernd war ziemlich abgemagert damals, er hatte 13 Kilo verloren seit Beginn seiner Therapie und wog nur noch 68 Kilo, bei einer Größe von 1,85 Meter. Er hätte einen Mutanten in einem Science-Fiction Film spielen können, oder den pickeligen Teenager in der Tarantino-Version eines Clerasil-Werbespots. Oft bemerkte er den Eiter in seinem Gesicht selbst gar nicht, dann reichte seine Freundin ihm mit den Worten "Liebling, du tropfst" ein Papiertaschentuch.
Glücklicherweise hatte zu dieser Zeit die Wirkung seiner Antidepressiva schon eingesetzt, sonst hätte Bernd sich wohl nicht mehr auf die Straße getraut. "Hyperinfektion" attestierte der Hautarzt und riet Bernd zu Kortison. Da sein Körper durch das Interferon und das Ribavirin schon stark belastet war und Bernd gerade erst eine schwere Angina mithilfe von Antibiotika auskuriert hatte, kam nur eine örtliche Behandlung mit Kortisonsalbe in Frage, dazu Antihistamine gegen den Juckreiz. Kortisontabletten sind während einer Hepatitis-C-Therapie nicht empfehlenswert.
Manche Therapie-Patienten bekommen die volle Breitseite
Mehr oder weniger starke Reaktionen der Haut gehören zu den häufigeren Nebenwirkungen der Behandlung, einige Leser haben mir in ihren Mails von ähnlichen Symptomen berichtet. Und von Alternativen in der Behandlung - ein Leser hat sehr gute Erfahrungen mit kalt gepresstem Leinöl und Quark gemacht - innerlich und äußerlich angewendet.
Ich habe bisher Glück, abgesehen von den Rötungen im Gesicht und auf dem Oberkörper, die nach der wöchentlichen Spritze auftreten und in der Regel nach einigen Tagen wieder verschwinden und rot-blauen Flecken an den Stellen am Bauch, in die ich das Interferon injiziere, bin ich von Hautirritationen bisher verschont geblieben. Bernd hatte die volle Breitseite der Nebenwirkungen abbekommen. Kein Wunder, dass er urlaubsreif ist.
Samstag ruft Simone an. Die Krankenkasse hat ihr eine vierwöchige Kur bewilligt, im März, nach Ende ihrer Hepatitis-C-Therapie. Auch sie kann es kaum erwarten, 45 Wochen hat Simone jetzt hinter sich, die Behandlung hat sie ausgezehrt. Ich kann sie gut verstehen, zurzeit geht es mir ähnlich.
Meine Schlafstörungen sind wieder stärker geworden, Nachts ist da oft eine Unruhe in meinem Körper, die mich immer wieder aus dem Bett zwingt, auf die Toilette, in die Küche etwas trinken oder essen. Ich schlafe sehr spät ein und träume schlecht. Dazu kommen Verdauungsstörungen, Durchfall und Sodbrennen. Tagsüber bin ich unkonzentriert und fahrig, zweimal habe ich mir heute einen Finger ins Auge gerammt.
Mein Kopf dröhnt wie nach einem Motörhead-Konzert, meine Lippen sind permanent rau, rissig und spröde wie ein ausgetrocknetes Flussbett, egal wie viel Fett ich darauf schmiere. In meinem Mund und an meiner Zunge haben sich Entzündungen gebildet, nicht mal dass Essen macht noch Spaß. Kurz gesagt - alles nervt mich. Ich bin oft ziemlich übellaunig, Linda und ich streiten wieder häufiger. Der Streit und die Anspannung drücken meine Stimmung noch weiter in den Keller, zehren an mir. Ein Grund mehr, mich auf den Urlaub zu freuen - vielleicht tut uns beiden eine zeitlich begrenzte, räumliche Trennung gut. Für nächste Woche haben wir ein Paargespräch bei meinem Psychotherapeuten vereinbart.
Mittwoch geht es langsam aufwärts, die wunden Stellen im Mund habe ich erfolgreich mit antibakterieller Spülung bekämpft, und seit ich Abends vor dem Zubettgehen eine Tasse heißer Milch mit Honig trinke, schlafe ich auch wieder etwas besser. Vielleicht bilde ich mir den Zusammenhang auch nur ein, aber das ist egal. Das Ergebnis zählt.