Therapie-Tagebuch: Pizza, Pommes, Terror-Pollen - DER SPIEGEL
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Therapie-Tagebuch Pizza, Pommes, Terror-Pollen

Die Frau ist fort, und SPIEGEL-ONLINE-Autor Jörg Böckem fällt endgültig dem Trübsinn anheim. Plötzlich sind auf dem iPod fast nur noch traurige Liebeslieder, Terror-Pollen greifen an, und auf den Teller kommt Grauenhaftes. Zu guter Letzt landet er in der Gosse des 21. Jahrhunderts.
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Der Frühling zeigt seine Schattenseiten, trotz des Sonnenscheins und der milden Temperaturen. Die Birkenpollen laufen Amok, malträtieren meine Augen, meine Lunge und meine Nase. Ich sehe aus wie mutiert. Die Augen sind rot, die Lider entzündet, die Nase ist geschwollen, die Gesichtshaut fleckig rot gerieben. Die Augentropfen und das Nasenspray zeigen nur begrenzte Wirkung. Einzig mein kortisonhaltiges Asthmaspray beseitigt die Atemnot verlässlich.

Nachts ist der Pollenflug besonders stark. Der Juckreiz bringt mich um den Schlaf, obwohl ich das Fenster geschlossen halte. Ich hatte gehofft, das Interferon würde meine Pollenallergie in diesem Jahr unterdrücken. Normalerweise zeigen sich bei mir die ersten deutlichen Reaktionen schon im Februar, und bisher hatte ich kaum Probleme. Jetzt hat es mich also doch noch erwischt. Seit Jahren schiebe ich die Desensibilisierung vor mir her. Ich nehme mir fest vor, im Herbst damit zu beginnen. Wie in jedem Frühling.

Die Allergie ist schon lästig und kräftezehrend genug. Zusätzlich zu den Nebenwirkungen der Hepatitis-C-Therapie ist sie ein Kreuz. Morgens fühle ich mich, als sei mir der Himmel auf den Kopf gefallen, ich taumele in den Tag. Für Montag habe ich einen Arzttermin vereinbart, ich bin mir nicht sicher, ob ich zusätzlich zu den lokal wirksamen Präparaten auch meine Allergiepillen nehmen darf, wegen möglicher Wechselwirkung mit meinen Hepatitismedikamenten. Vielleicht bringt ein Antihistaminikum Erleichterung und Schlaf.

Am Freitagabend endet meine kulinarische Verwahrlosung. Seit Linda am Sonntag unsere gemeinsame Wohnung verlassen hat und vorübergehend zu einer Freundin gezogen ist - unser ständiger Streit, meine Reizbarkeit und Stimmungsschwankungen, allesamt Nebenwirkungen der Medikamente, hatten sie zuletzt über Gebühr belastet -, habe ich mich hauptsächlich von Pommes und Pizza ernährt. Ich koche einen großen Topf Gulasch, das wird wohl für das Wochenende reichen. Essen macht keine große Freude zurzeit. Auf meiner Zunge und an meinen Lippen haben sich wieder entzündete Stellen gebildet, mit diesen Nebenwirkungen habe ich mich in den vergangenen 30 Wochen schon häufiger herumärgern müssen, Spülungen und antibakterielle Tinkturen beseitigen das Problem nur langsam. Genau genommen macht gar nichts wirklich Spaß im Moment. Kurz vor dem Zubettgehen setze ich mir die 30. Spritze.

Am Samstag räume ich die Wohnung auf, entrümpele mein Arbeitszimmer, sortiere mein Bücher- und Comicregal neu und aktualisiere meinen iPod. Eine Nebenwirkung des Frühlings, möglicherweise. Vielleicht räume ich auch gegen die Orientierungslosigkeit und das Gefühl von Verlassenheit an. Immer wieder schleiche ich ziellos durch die Wohnung, öffne Türen, schaue in Zimmer. Sie ist nicht da. Nicht mal eine Woche ist sie weg, das ist eigentlich nichts Besonderes. Linda ist in den vergangenen Jahren schon einige Male alleine verreist. Trotzdem. Ihre Abwesenheit bringt mich aus dem Gleichgewicht, ich muss mich neu orientieren, im Alltag neu aufstellen. Ich vermisse sie. Nicht den Streit und die Spannungen der vergangenen Wochen, das nicht. Aber so vieles andere. Mein iPod spielt "Happy For You" von Lloyd Cole, vielleicht das traurigste Liebeslied, das ich je gehört habe. Es schnürt mein Innerstes ein. Überhaupt scheinen drei Viertel der Stücke auf meinem iPod von Sehnsucht, Liebe, meist unerfüllter, und Verlassenheit zu handeln.

Abends weiche ich meinem Bett zunächst aus. Das ist nicht besonders schwierig, das Bett bewegt sich nicht. Ich bleibe einfach im Wohnzimmer vor dem Fernseher sitzen. Jemand hat einmal gesagt, die Fernsehcouch sei die Gosse des 21. Jahrhunderts. Sehr richtig, ich sollte aufpassen. Im Bett lese ich, bis die Buchstaben vor meinen Augen tanzen. Genau genommen sind es die leeren, dunklen Stunden, in denen ich Nacht für Nacht auf den Schlaf warte, denen ich ausweichen möchte. Stunden, in denen Ängste wuchern. Früh am Morgen, mir kommt es vor, als sei ich gerade erst weggedämmert, weckt mich meine Blase. Danach nehmen meine Gedanken eine falsche Abzweigung. Ich finde nicht zurück in den Schlaf.

Am Montag schreibt eine Leserin, sie hätte sich um eine Stelle beworben, und in den Bewerbungsunterlagen werde auch nach chronischen und ansteckenden Krankheiten gefragt. Sie ist sich unsicher, ob sie wahrheitsgemäß ihre Hepatitis-C-Infektion angeben soll, befürchtet, den Job dann abschreiben zu können. Eine berechtigte Sorge, denn obwohl eine Infektion von Kollegen im Arbeitsalltag in den allermeisten Berufen problemlos vermieden werden kann, löst Hepatitis C tatsächlich bei vielen Menschen immer noch Angst und Abwehr aus. Und meines Wissens ist ein Bewerber zu so einer Angabe bei Bewerbungen auch nicht verpflichtet. Auch wenn Aufrichtigkeit, wie William Somerset Maugham schreibt, wahrscheinlich die verwegenste Form der Tapferkeit ist - manchmal ist Verschweigen wohl die bessere Wahrheit. Denn, auch das hat der als schonungsloser Realist bekannte Autor Maugham erkannt, "Aufrichtigkeit in der Gesellschaft ist wie ein Eisenträger in einem Kartenhaus".

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