Therapie-Tagebuch: Schalt die Showband einfach stumm - DER SPIEGEL
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Therapie-Tagebuch Schalt die Showband einfach stumm

Der Stummschalter auf der Fernseh-Fernbedienung ist ein Segen. SPIEGEL-ONLINE-Autor Jörg Böckem verbannt damit Harald Schmidts Showband, nervende Fernsehwerbung und Johannes B. Kerner. Wieso gibt es so was nicht auch gegen nackte Kegelbrüder in der Sauna?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am frühen Donnerstagabend sitze ich in der Küche und schneide Gemüse. Linda kocht Gulasch. Ich kann nicht kochen, zumindest nichts, was über Kaffee und Frühstückseier hinausgeht. Aber seit einigen Wochen finde ich zunehmend Vergnügen daran, ihr zu helfen.

Ich spüle die Töpfe und Schüsseln, räume das Besteck in die Spülmaschine, decke den Tisch, zünde eine Kerze an, der CD-Player spielt das neueste Album der schwedischen Band Eskobar, eine der schönsten CDs des Jahres. Ein wunderbar harmonischer Abend.

Später wollen wir noch zu einem Auftritt der Band, mein erstes Konzert seit Beginn der Therapie. In den Jahren zuvor habe ich mir in der Regel an ein bis zwei Abenden in der Woche irgendeine angesagte Band auf irgendeiner Bühne der Stadt angesehen, jetzt schreckt mich die Vorstellung von Clubs und Kneipen, verraucht und voller Menschen, dicht gedrängt, angetrunken und laut. Trotzdem, Eskobar möchte ich nur ungern verpassen.

Gegen 19 Uhr ruft Simone an. Sie hatte geplant, uns auf das Konzert zu begleiten. Sie sagt ab. Bis spät in die Nacht in einem überfüllten Zuschauerraum zu stehen erscheint ihr wie eine Tortur, der ihr Kreislauf und ihre Nerven nicht gewachsen sind - egal wie toll die Band sein mag. Ich kann sie gut verstehen.

Eine Stunde später, nach dem Essen, beschließen Linda und ich ebenfalls, zu Hause zu bleiben. Eskobar werden nicht vor 22.30 Uhr auf die Bühne gehen. Jetzt, nach dem Essen, bin ich so erschöpft, ich würde wahrscheinlich nicht einmal bis zum Beginn des Konzertes durchhalten. Stattdessen setzen wir uns mit einem Becher Eis vor den Fernseher und legen eine DVD ein. Das ist viel, viel besser! Warum vor die Tür gehen, wenn es mir drinnen so gut geht?

Was immer da draußen in der Welt nach, sagen wir, 21 Uhr geschieht, es wird wohl auch in den kommenden neun Monaten ohne mich geschehen müssen. Um diese Zeit mag ich nirgends anders sein als zu Hause. Ich kann mich kaum erinnern, wann ich zuletzt mehr als zwei Monate lang den gesamten Tag und vor allem jede Nacht, sofern ich nicht beruflich unterwegs war, in der Wohnung verbracht habe. Während meiner schlimmsten Suchtphase muss das gewesen sein, vor ungefähr sechs Jahren. Aber anders als damals, als ich mich vor der Welt versteckt, gelitten und mit meinem Schicksal gehadert habe, habe ich heute nicht das Gefühl, etwas zu versäumen. Im Gegenteil: Zu Hause fühle ich mich wohl und geborgen. Sogar Hausarbeiten bereiten mir Freude. Ich genieße es, wenn die Wohnung um mich herum ordentlich und sauber ist. Soll die Welt halt zu mir kommen, wozu gibt es Telefon, Mail, Internet, CDs, Bücher, DVDs, Radio, Zeitungen und Fernsehen? Zu Hause kann ich die Bilder, Geräusche und Informationen dosieren und filtern.

Entspannung per Knopfdruck

Der wichtigste Knopf an meiner Fernbedienung, habe ich erkannt, ist der Stummschalter. Die perfekte Waffe gegen den akustischen Sondermüll, mit dem uns das Fernsehen ständig belästigt. Gibt es irgendeinen vernünftigen Grund dafür, dass die Lautstärke in der Werbepause drastisch ansteigt? Gegen diese Belästigung hilft ein Knopfdruck. Mittlerweile habe ich das System verfeinert. Wenn in der Show von Harald Schmidt die schlimme ARD-Showband zu gniedeln beginnt - einfach auf stumm schalten und die Ruhe genießen, bis Harald wieder die Lippen bewegt. In "Kulturzeit" ein Beitrag über die Oper: Finger auf den Knopf. Johannes B. Kerners selbstgefälliges Geschwätz bei Fußballübertragungen - weg damit!

In der Welt da draußen funktioniert das ja leider nicht, was schon Peter Sellers in dem Klassiker "Willkommen, Mr. Chance" feststellen musste. Eine Erfahrung, die ich selbst erst vergangene Woche machen musste: In der Sauna saß wieder so ein Clübchen, wie man es dort häufig antrifft - Männer und Frauen, meist um die 50, die ein nerviges Kegelclubgehabe an den Tag legen und aus der Tatsache, dass sie hier regelmäßig die Abende verbringen, ein merkwürdiges Heimrecht ableiten. In der Sauna führen sie sich auf, als sei das ihr Stammtisch, sie lamentieren laut über Nichtigkeiten und geben ihre Ansichten zu allem und jedem in Stadionlautstärke zum Besten, ohne Rücksicht auf das Ruhebedürfnis und die Nerven der anderen Saunagäste. Wenn sich dann jemand beschwert und nachdrücklich sein Recht auf Entspannung einfordert, wie ich in der vergangenen Woche, werden sie auch noch pampig.

Am Freitag setze ich mir die zehnte Spritze. Am Montag danach bleibt die Wohnung kalt, an der Heizungsanlage wird gearbeitet. Am späten Nachmittag springt die Heizung wieder an. Ich friere so, dass mich sogar ein heißes Bad kaum auftauen kann. Trotz zwei Paar Trekkingsocken und des molligen Trainingsanzugs, den ich vor einigen Wochen gekauft habe, wird mir nicht warm. Das fortgesetzte Frieren setzt meinem Körper zu. Ich fühle mich fiebrig, meine Muskeln schmerzen, ich zittere am ganzen Körper.

Am Dienstag verbringe ich die halbe Nacht auf der Toilette, erst nach der dritten Tablette beruhigt sich mein Darm und der Durchfall lässt nach. Am nächsten Morgen fühle ich mich völlig kraftlos, in meinem Kopf steckt eine Wolldecke, die sich schwer auf meine Gehirnzellen legt und alle Ideen und Gedanken erstickt. All die kleinen Stolpersteine des Alltags, so scheint es mir, wachsen während der Behandlung zu nur schwer überwindbaren Findlingen.

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