Therapie-Tagebuch Vorsicht, hochinfektiöses Material
"Vorsicht!", sagt der Mann ziemlich laut. "Das ist hochinfektiöses Material." Das Mädchen ihm gegenüber nickt. "Ich weiß", sagt sie. Der Mann ist Zahnarzt, das Mädchen seine Sprechstundenhilfe. Die beiden haben sich über meinen Kopf gebeugt, das hochinfektiöse Material stammt aus meinem Mund - entzündetes Gewebe, Eiter, Blut. Vor der Behandlung hat der Arzt zwei Paar OP-Handschuhe übereinander angezogen.
Natürlich hat er Recht, mein Blut ist hochinfektiös, und bei Klinikpersonal ist die Gefahr, sich mit Hepatitis C zu infizieren, besonders groß. Trotzdem: Besonders angenehm ist es nicht, solche Sätze zu hören. In diesen Momenten wird das Virus, im Alltag eher abstrakt, realer und damit bedrohlicher. So ähnlich habe ich mich vor einigen Jahren gefühlt, als ich mich während des Kampfkunsttrainings verletzt hatte und die Übungen unterbrochen werden mussten, bis ich die Blutstropfen von der Matte gewischt hatte.
Donnerstag, 14. September, früher Nachmittag. Mittwoch waren die Zahnschmerzen gekommen. Abends waren sie so stark, dass ich nicht schlafen konnte. Auch das noch, dachte ich. Als würde mir mein Körper nicht schon genug Probleme bereiten! Jetzt liege ich mit offenem Mund auf dem Behandlungsstuhl, Schweiß steht auf meiner Stirn, alle Muskeln verkrampft.
Ich habe panische Angst vor dem Zahnarzt. Als ich meine erste Drogentherapie angetreten habe, mit Mitte zwanzig, hat der Zahnarzt in meinem Heimatdorf acht Zähne in einer Sitzung behandelt, der Eingriff dauerte vier Stunden. Die Therapieeinrichtung bestand auf Zahnsanierung vor Aufnahme in die Klinik, und ich hatte erst am letztmöglichen Tag Zeit für den Zahnarztbesuch gefunden. Mein Körper war durch jahrelangen Opiatkonsum beinahe resistent gegen die örtliche Betäubung, und als nach zwei, drei Stunden dann noch die Wirkung des Heroins nachließ, litt ich Höllenqualen. Am Ende hatte ich mir meine Oberschenkel durch die Jeans hindurch blutig gekratzt.
Dieses Mal wirkt die Betäubung. Die Arzthelferin empfiehlt mir Ibuprofen für die ersten Stunden, bis die Entzündung abgeklungen ist. Die erste Tablette ist eine beinahe magische Erfahrung: Nicht nur, dass ich wieder schmerzfrei essen kann, auch die Gliederschmerzen und der dumpfe Druck im Kopf, die mich seit Beginn meiner Hepatitis-Therapie durch die Tage begleiten, verschwinden. Ein wunderbares Gefühl der Entlastung. Ich schlafe so tief wie seit einer Woche nicht mehr. Trotzdem nehme ich mir vor, die Tabletten nur im Notfall zu schlucken.
Freitagmittag dann die zweite Interferon-Injektion - dieses Mal spritze ich selbst, zum ersten Mal. Als ich am späten Abend noch keine Nebenwirkungen spüre, werde ich unruhig. Habe ich etwas falsch gemacht? Oder noch schlimmer - reagiert mein Körper möglicherweise gar nicht auf die Behandlung? Solche Fälle gibt es. Nachts halten mich diese Gedanken wach. Irgendwie absurd: Entweder bringen mich die Nebenwirkungen um den Schlaf oder ihr Fehlen.
Am Samstagmorgen ruft Georg an. Georg ist 43, er wohnt mit Frau und Sohn in einem Dorf im Rheinland, zwei Kilometer von dem Ort entfernt, an dem wir beide aufgewachsen sind. Mein ältester Freund. Als ich 14 war, habe ich mit ihm meinen ersten Joint geraucht. Georg ist seit 14 Jahren clean, seine Hepatitis-C-Therapie hat er 2003 erfolgreich abgeschlossen. Er versucht mich zu beruhigen. Während seiner Behandlung, sagt er, habe er in der Selbsthilfegruppe eine junge Frau kennengelernt, die über den gesamten Behandlungszeitraum kaum Symptome verspürt hat. Und am Ende doch geheilt war.
Später am Tag treffe ich Bernd. Er sagt, die Nebenwirkungen seien halt nicht kalkulierbar. "Bei dem Scheißzeug kannst du dich einfach auf nichts verlassen. Am Tag nach der Spritze war manchmal alles okay, und ich dachte prima, das Schlimmste ist überstanden. Und dann ging es Tage später wieder richtig los." Bernd stammt aus Hessen, wir haben uns Anfang der neunziger Jahre in der Drogentherapie kennengelernt und sind an deren Ende zusammen nach Hamburg gezogen. Bernd ist 38 und lebt mit seinem zehnjährigen Sohn und seiner Freundin in Hamburg, seit vier Jahren ist er von seiner Frau getrennt.
Arbeiten bis zur Deadline
Am Montagmorgen sind die Gliederschmerzen und der Druck im Kopf wieder stärker. Ich muss arbeiten, unbedingt. Den Text über die amerikanische Band "Scissor Sisters" hätte ich schon am Freitagmorgen abgeben müssen, der Montagmittag ist absolute Deadline. Mein Zeitplan funktioniert nicht mehr. Meine Belastungsgrenze sinkt stetig. Morgens brauche ich ewig, bis ich in die Gänge komme, mein Körper erinnert mich an den alten Dieseltraktor auf dem Bauernhof meines Großonkels in meiner Kindheit. Es war ein grüner Hanomag, vor dem Starten wurde endlos lange Zeit vorgeglüht. Bis der Trecker sich dann stotternd und rumpelnd in Bewegung setzte, vergingen Minuten. Außerdem macht mein Kreislauf schnell schlapp, nach dem Brötchenholen und Treppensteigen muss ich mich schwer atmend am Türrahmen festhalten.
Meinem Kopf geht es nicht besser. Schreiben fällt mir immer schwerer, das Zeitfenster, in dem konzentriertes Arbeiten möglich ist, wird immer kleiner. Auch das Arbeitspensum, das ich in dieser Phase bewältigen kann, nimmt ab. Zuerst muss ich mich regelrecht in jeden Text hineinkämpfen, und spätestens nach zwei, drei Stunden geht gar nichts mehr. Die Worte sperren sich, lassen sich nur mit großer Mühe zu Sätzen fügen. Und diese Sätze, eckig und schwerfällig wie Lastkähne, wollen dann nichts mit einander zu tun haben. Früher hat es in solchen Momenten genügt, eine Pause einzulegen. Danach ging es weiter. Aber das ist vorbei, keine Chance, später am Tag noch irgendetwas zustande zu bringen. Der Akku ist leer, ganz einfach. Ich muss lernen, mich darauf einzustellen. Wenn noch Unkalkulierbares wie Zahnschmerzen dazu kommt, löst sich alle Routine endgültig auf.
"Auf die Dauer ist das ganz schön zermürbend", sagt Bernd. Wirklich daran gewöhnt habe er sich die gesamte Behandlungsdauer über nicht. Im Gegenteil, von Woche zu Woche war ihm sein Leben anstrengender erschienen. Er hat sich ziemlich zurückgezogen damals. "Ich war so sehr mit mir selbst, mit den Nebenwirkungen der Behandlung beschäftigt, dass ich das Gefühl hatte, nicht mehr Teil der Welt zu sein", sagt er. Nach der Arbeit sei er so erschöpft gewesen, dass selbst Treffen mit Freunden ihm zu anstrengend erschienen. Oft ist er nicht einmal ans Telefon gegangen. Bernd ist Außendienstler in einem großen Verlag, er redet den ganzen Tag mit Menschen. Nachmittags konnte er den Gesprächen meist nur noch mit Mühe folgen. Am Abend wollte er einfach Ruhe, sogar sein Sohn war ihm oft zuviel. Vor sechs Wochen hat er seine Behandlung beendet. Seitdem geht es ihm von Tag zu Tag besser.
Wie gut, denke ich, dass es Menschen wie ihn gibt. Freunde, die verstehen, was mit mir geschieht, und von deren Erfahrungen ich profitieren kann.
Ich bin nicht allein.
Jörg Böckem liest aus "Danach war alles anders" am Montag, 25. September, um 20 Uhr in der Stadt- und Kreisbücherei Erkelenz, Gasthausstraße 5, und am Dienstag, 26. September, um 20 Uhr in der Thalia Universitätsbuchhandlung in Hagen, Elberfelder Straße 31.