Tief durchatmen
Mir scheint, Frauen verbringen viel mehr Zeit damit, Kochen zu lernen als Lieben zu lernen«, fand die New Yorker Journalistin Alexandra Penney und machte sich an die Arbeit, diesem mutmaßlichen Mißstand abzuhelfen.
Zwei Jahre lang befragte die Autorin, früher bei der »New York Times« zuständig für Schönheit und Kosmetik, mehr als 200 Männer nach ihren erotischen Präferenzen. Das Ergebnis steht auf 144 Seiten dicken Büttenpapiers und gibt Aufschluß darüber, was amerikanischen Männern im Bett so gefällt. Der Titel des Buches ist so unmißverständlich wie der Inhalt: »How to Make Love to a Man«.
( Alexandra Penney: »How to Make Love to ) ( a Man«. Verlag Clarkson N. Potter, New ) ( York; 10 Dollar; 144 Seiten. )
Methodisch und taktvoll grast Miss Penney die gesamte männliche Körperlandschaft ab. Vom Küssen ("Ein guter Kuß ist konzentriert, warm, feucht und gut placiert") geht es über Hals und Achselhöhlen zu den Brustwarzen: »Die angenehmsten Gefühle stellen sich durch Küssen, Lutschen und Zwirbeln« ein.
Hinterteil und Schenkel werden kurz abgefertigt, damit genug Raum für den Penis bleibt. »Die meisten Frauen halten den Penis nicht fest genug«, referiert die Autorin Männerkritik und rät salopp, der rechte Lustgriff liege »irgendwo zwischen dem Umfassen eines Tennisschlägers und dem eines Topfhenkels«.
Beim oralen Sex gerät Miss Penney vorübergehend ins Schleudern. »Wenn Ihnen ... dies schmutzig oder unangenehm vorkommt, sammeln Sie sich ..., machen Sie eine kurze Pause, und atmen Sie tief durch, das entspannt die Muskeln, und weiter geht es.«
Tapfer exerziert Miss Penney bis fast zur Neige: »Sie stehen nun vor der Frage, ob Sie den männlichen Samen schlucken sollen.« Ganz Dame, zieht sie sich mit einer taktvollen Kehrtwendung zurück: »Tun Sie nichts, was Sie abstößt.«
Die Mischung aus gymnastischer Hilfestellung und damenhafter Zurückhaltung hat »How to Make Love to a Man« zu einem publizistischen Renner gemacht. 182 500 Exemplare hat der New Yorker Verlag Clarkson N. Potter in kaum sieben Monaten ausgeliefert, die Taschenbuchrechte wurden für 175 000 Dollar verkauft. Seit 18 Wochen steht S.73 der Sex-Ratgeber, dessen deutsche Ausgabe der Münchner Wilhelm Heyne Verlag kommenden Mai herausbringen will, auf den US-Bestseller-Listen.
»Gigantisch« nennt Jeff Rogart, Vertriebschef der Buchhandelskette B. Dalton, den bisherigen Erfolg der Penney-Fibel, deren Erscheinen freilich lange Zeit gefährdet war. »Das Schreiben«, gesteht Autorin Alexandra Penney, »war ein Alptraum.«
Die erste Fassung geriet »zu seicht« und war, ebenso wie die zweite ("zu soziologisch"), abgelehnt worden. Eine dritte Version mißlang ebenfalls. Miss Penney verlor die Nerven und beinahe auch ihren Vorschuß von 75 000 Dollar, bis der Verlag plötzlich die Devise ausgab: »Schreiben Sie, was Sie wollen.« Miss Penney nahm einen neuen Anlauf, fand einen zugkräftigen Titel, und bald lag die vierte Fassung, versehen mit einem diskreten Schutzumschlag in Altrosa, in den Bücherläden der Nation.
Als »natürliche Zielgruppe« nennt Verlagsdirektor Bruce S. Harris »Frauen im Alter zwischen 20 und 50 Jahren«. Doch New Yorker Buchhändler machen andere Erfahrungen. Bei Brentano auf der Fifth Avenue etwa beobachtete ein Verkäufer »fast nur ältere Männer«, die sich für den Frauen-Ratgeber interessieren. Und vom Händler Dalton lassen sich mehr Männer als Frauen das Buch ins Haus schicken.
Die Vermutung allerdings, »How to Make Love to a Man« könnte gar am Ende ein Untergrund-Renner auf dem Schwulen-Markt werden, erwies sich als vorschnell. Buchkritiker Richard Goldstein deklassierte den heterosexuellen Leitfaden in der »Village Voice« mit einem mitleidigen: »Nur Kindergarten-Niveau.«
So dürfte Alexandra Penneys Fibel vor allem die biederen US-Bürger beeindrucken: in »Middle America« und Suburbia, wo Miss Penneys heiße Tips - über Reizwäsche, Vaginalgymnastik (zum »Lockermachen"), Parfüm, auf Glühbirnen getupft, und Bananenbrot, dem Liebsten ins Büro geschickt - wohl als ganz verwegen gelten. Dort könnte das Buch, meint Goldstein bissig, »ein Baedeker für Leute werden, die auch (die eher als prüde eingestufte) Nancy Reagan bewundern«.
Den Verlag kann solche Kritik kaum verdrießen. Denn schon zeichnet sich der unvermeidliche Folgeband zu Miss Penneys Werk ab: Im Mai 1982 soll, verfaßt von dem New Yorker Rechtsanwalt Michael Morgenstern, »How to Make Love to a Woman« erscheinen.
»Aus verständlichen Gründen«, so Verlagsdirektor Harris, »konnte Miss Penney nicht die Autorin sein.«
Gewiß nicht. Denn von derartigen Gedankengängen ist Miss Penney nicht angekränkelt. »Ich habe keine Ahnung, was man mit einer im Bett macht«, sagt sie und: »Ich will es auch gar nicht wissen.«
S.71Alexandra Penney: »How to Make Love to a Man«. Verlag Clarkson N.Potter, New York; 10 Dollar; 144 Seiten.*